Person der Woche

Person der Woche: Irwin Simon Der Kiffer-Kapitalist kommt

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Immer auf der Suche nach Trends: Irwin Simon (hier im Jahr 2010).

(Foto: Alamy Stock Photo)

Die neue Ampel-Regierung erwägt die Legalisierung von Cannabis. Ein Marihuana-Konzern reibt sich bereits die Hände. Deutschland könnte zum Milliardenmarkt werden. In Neumünster entsteht die erste Cannabis-Fabrik. Ein Mann freut sich besonders - sein Friseur aber nicht.

Irwin Simon ist ein Vollblut-Verkäufer, der selbst Kühlschränke am Nordpol vermarkten könnte. Der 63 Jahre alte Kanadier begann schon als Kind mit seinen vier Geschwistern im elterlichen Provinz-Lebensmittelladen "Simon's Dairy" die Schaufenster zu dekorieren und Kunden zu animieren. Mit 17 verließ er die kalte Insel im kanadischen Nordatlantik und verkauft seither, was immer angesagt ist - von Kult-Bier bis Retro-Eis, von Diätgetränken bis Bio-Hühnern, schließlich handelt er auch ganze Unternehmen. Inzwischen verkauft er Cannabis, und zwar weltweit. Simon ist Vorstandsvorsitzender von Tilray, ein ungewöhnlicher Weltmarktführer mit mehr als 5 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung und 2000 Mitarbeitern. Lustige Zeitgenossen nennen Tilray den "Kiffer-Konzern", die Selbstbeschreibung lautet: "World's Largest Global Cannabis Company".

Tilray verkauft Cannabis inzwischen in 20 Länder, und Irwin Simon sieht jede Menge Wachstumsperspektive just in Deutschland. Sollte die neue Ampel-Regierung den Cannabis-Konsum legalisieren, würde schlagartig ein gigantischer Absatzmarkt für Tilray entstehen. Simon prophezeit: "Wir glauben, dass das Wachstumspotenzial von Tilray in der Europäischen Union eine Chance von 1 Milliarde Dollar darstellt." Simon hofft wie kaum ein zweiter, dass Deutschland öffnet und lässt medizinisches Cannabis bereits jetzt systematisch vertreiben. "Als größter Markt für medizinische Cannabinoide in Europa nimmt Deutschland eine besondere Rolle ein. Tilray arbeitet in Deutschland eng mit Ärzten und Apothekern zusammen und bietet ein breites Portfolio an Vollspektrum-Cannabisextrakten und Cannabisblüten an." Tatsächlich gibt es im schleswig-holsteinischen Neumünster sogar die erste Cannabis-Fabrik.

FDP-Politikerin begeistert

Und die FDP - die sich für eine Liberalisierung des Konsums offen zeigt - war bereits vor Ort. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus besichtigte kürzlich die deutschlandweit erste Cannabis-Produktionsanlage und staunte, dass "die erste erfolgreiche Ernte von medizinischem Cannabis für die Weitergabe an Apotheken in Deutschland" eingefahren worden ist. Die FDP-Gesundheitspolitikerin zeigt sich in einer Pressemitteilung begeistert und sieht sogar schon Exportchancen für deutsches Marihuana: "Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, Medizinalcannabis zu exportieren und auch gezielt zum Export anzubauen. Made in Germany kann auch mit Blick auf Cannabis ein Qualitätssiegel werden."

Tilray war das erste Unternehmen, das medizinische Cannabisprodukte legal aus Nordamerika nach Europa exportierte. Nun soll die Produktion in Europa starten. Neben Neumünster hat Tilray im portugiesischen Cantanhede (unweit der Stadt Coimbra in der Landesmitte) ein großes Produktionszentrum aufgebaut. Es umfasst Freiland- und Gewächshausanbau, Forschungslabore, ein Verarbeitungs-, Verpackungs- und Vertriebszentrum für medizinische Cannabispräparate.

Während Irwin Simon der Legalisierung in Deutschland entgegen fiebert, dürfte er eigentlich nicht mehr zum Friseur gehen. Denn jedes Mal, wenn er ein neues Unternehmen kauft oder einen großen Deal erwartet, lässt er seine Haare wachsen. "Ich bin sehr abergläubisch", verrät er: "Während eines Geschäftsabschlusses bekomme ich nie einen Haarschnitt." Da könnte der europäische Markt einen Hippie aus ihm machen. Denn er erhofft sich gleich in mehreren europäischen Ländern einen Durchbruch. So hat Luxemburg Tilray nun zum offiziellen Lieferanten von zertifizierten medizinischen Produkten für das medizinische Cannabisprogramm des Landes ausgewählt.

Eine Spürnase für Trends

Auf die Frage eines amerikanischen Journalisten "Wie kann denn ein netter jüdischer Junge ins globale Cannabis-Geschäft geraten?" berichtet Simon, dass er sein Leben lang Konsumtrends gewittert habe. Schon als Student der Soziologie habe er an seine Kommilitonen das damals populäre Moosehead-Bier verkauft. Als junger Mann habe er die Eiscreme-Mode von Häagen-Dazs nach New York getragen und jede Menge Eis verkauft. Nach den Dickmachern kamen Sport- und Abnehmdrinks in Mode, also verkaufte er Slim-Fast. Als Bio-Essen populär wurde, setzte er auf Öko-Lebensmittel. Irgendwann kaufte er für 200.000 Dollar mehrere Lebensmittelmarken - darunter ein koscheres Tiefkühlkostunternehmen namens Kineret - und brachte das Unternehmen 1993 an die Börse.

Sein Konglomerat an Bio-Lebensmittelmarken nannte er schließlich Hain Celestial Group und sicherte sich wichtige Partnerschaften mit Lebensmittel- und Getränkeriesen wie Heinz Co. und Hutchison Whampoa. Seine Wette, dass die Menschen bereit sind, für gesündere, natürlichere Produkte einen höheren Preis zu zahlen, zahlte sich aus. Ein Milliardenkonzern entstand, und Simon handelte nunmehr mit ganzen Unternehmen, mehr als 60 Übernahmen wagte er, nicht alles klappte. Hain Celestial geriet in negative Schlagzeilen, die Aktie brach ein, ein Machtkampf mit Investoren folgte, die US-Börsenaufsichtsbehörde (SEC) begann peinliche Ermittlungen. "Es waren harte, harte Nächte, und wir wurden auf jede erdenkliche Weise persönlich angegriffen", erzählt er heute.

Nach dem Tiefschlag gelingt ihm nun mit Cannabis das spektakuläre Comeback. Er wittert wieder einen globalen Megatrend und will Weltmarktführer werden. Derweil ist er noch abergläubischer geworden. Zusätzlich zu seiner Haarschneideroutine pflegt er eine weitere Marotte: Gute Geschäfte werden nur dienstags und freitags abgeschlossen. Wenn er nun also Deutschland mit Cannabis erobern, seine Cannabis-Fabrik in Neumünster so richtig hochfahren und den Tilray-Aktienkurs steigen sehen will (der hat in dieser Woche bereits mehr als 15 Prozent zugelegt), dann wünscht er sich heimlich, dass der Ampelkoalitionsvertrag dienstags oder freitags unterschrieben wird.

Quelle: ntv.de

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