Panorama

Rausch gehört zum Menschsein Das Cannabis-Verbot kann dann mal weg

132098701 (1).jpg

Cannabis-Konsum ist in Deutschland erlaubt. Der Erwerb ist allerdings strafbar. Das Cannabis-Verbot wurde vom Bundesverfassungsgericht 1994 als zulässig bestätigt -solange bei geringen Mengen keine Strafverfolgung stattfinde. Als geringe Menge werden in den einzelnen Bundesländern zwischen 6 und 15 Gramm gewertet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wechselstimmung in Deutschland, die potenziellen Ampel-Koalitionäre bringen das hoch emotionalisierte Thema Cannabis-Legalisierung auf die Tagesordnung. Zeit für ein paar nüchterne Gedanken abseits ideologischer Grabenkämpfe.

Kein Anthropologe wird ernsthaft bestreiten, dass sich Menschen seit Urzeiten berauscht haben: Am Jagen. Am Töten. Am Essen. Am Tanzen. Am Sex. An sich selbst. Und an den verschiedensten Substanzen. Um sich zu betäuben, um Schmerzen zu lindern, um Gemeinschaft zu erfahren, sich Mut zu machen, sich zu entspannen. Um über sich hinauszusehen und um über sich hinauszuwachsen. Nicht jeder will das. Nicht jeder muss das. Aber fest steht: Zum Menschsein gehört offenbar der Rausch.

Nicht wenige wollen immer noch dem Menschen vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat. Und auch, ob und wie er sich berauschen darf. Verbote können sinnvoll sein. Sie können die Menschen voreinander schützen und auch den Menschen vor sich selbst. Aber Verbote müssen Sinn ergeben, nachvollziehbar sein und mindestens halbwegs Gleichheit garantieren. Gleichbehandlung vor dem Gesetz und Vergleichbarkeit der Verbotsinhalte. Verbote, die das nicht gewährleisten, werden umgangen oder ignoriert. Das schadet dem Rechtssystem.

Warum ist Cannabis überhaupt verboten?

Das lässt sich gar nicht mehr so einfach sagen. Es gibt natürlich eine Rechtsgeschichte: Irgendwann einmal geriet Cannabis auf eine "Liste der besonders gefährlichen und abhängig machenden Drogen ohne jeden therapeutischen Nutzen". Und von da in die 1961 verabschiedete UN-Konvention gegen narkotische Drogen, auch genannt "Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel".

Eine nicht unwesentliche Rolle dabei spielte wohl ein gewisser Harry J. Anslinger, seines Zeichens ehemaliger Eisenbahndetektiv, Geheimdienstmitarbeiter und Politiker, der in den 1930er-Jahren das Federal Bureau of Narcotics leitete. Als dieses Büro nach dem Ende der Alkohol-Prohibition in den USA beinahe in die Bedeutungslosigkeit versank, widmete sich Anslinger plötzlich dem Kampf gegen Cannabis - nicht immer mit lauteren Mitteln, dafür mit durchschlagendem Erfolg: Durch eine groß angelegte Kampagne wurde aus dem Allerwelts-Kraut in den Augen der Weltöffentlichkeit wahres Teufelszeug, Stichwort "Reefer Madness".

Rassistische und frauenfeindliche Stereotype taten ein Übriges. War die Todesdroge nicht gerade bei afroamerikanischen Jazzmusikern beliebt, die den so heimtückisch berauschten, dabei doch unschuldigen weißen Durchschnittshausfrauen leichter an die blitzsaubere Wäsche gehen konnten?

Wie auch immer: Einmal in Verruf gebracht und in die Illegalität gedrängt, verbot es sich auch, weiter an den tatsächlichen Wirkungen von Cannabis zu forschen - an negativen wie auch an eher wünschenswerten.

Ist Cannabis gefährlich?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Tote gibt es jedenfalls - wie beim Kaffee - keine zu beklagen. Das ganz im Gegensatz zu Alkohol, Tabak und vielen anderen Rauschmitteln, mit denen sich alleine in Deutschland jährlich Hunderttausende um Glück, Gesundheit und ums eigene Leben bringen.

Es gibt keine Hanf-Toten. Und es gibt keinen belastbaren Nachweis der Gefährlichkeit von Cannabis. Es kann gar keinen geben, weil sich streng wissenschaftliche Versuche an Menschen nun mal verbieten - vor allem mit verbotenen Substanzen und erst recht an Kindern und Jugendlichen.

Alle Berichte über psychotische Killer oder demotivierte Kiffer sind Anekdoten, die sich auf die eine oder andere Weise deuten lassen. Mag vielen Augenschein und Plausibilität eine deutliche Sprache sprechen: Ein von Cannabisgebrauch angerichteter Schaden lässt sich nicht seriös quantifizieren, auch wenn selbsternannte Suchtexperten das ein ums andere Mal wortreich behaupten.

Ist Cannabis nützlich?

Auch wenn Gras legal ist, wird es schwierig bleiben, valide Daten zu gewinnen. Das hat unterschiedliche Gründe. Beobachtungen der einen wie der anderen Seite lassen sich so oder so interpretieren. Und das betrifft durchaus auch die "Kehrseite der Medaille", vermeintlich heilsame Wirkungen der Pflanze.

Viele Ärzte und Patienten schwören auf die schmerzlindernden, schlaffördernden, beruhigenden und appetitanregenden Effekte, die dem Cannabis zugeschrieben werden. Aber die Blüten der Hanfpflanze enthalten nicht einen sauber isolierten Wirkstoff, sondern eine wilde Mischung verschiedenster CBD- und THC-Derivate. Wie die auf ein konsumierendes Individuum wirken, hängt von dessen grundsätzlicher Konstitution genauso ab wie von der Tagesform.

Was wenige wissen: Der menschliche Organismus verfügt über eigene Rezeptorensysteme für Cannabinoide. Wozu die allerdings genau da sind und wie sie funktionieren, ist bis heute weitgehend unerforscht und unverstanden. Klar ist nur: Der Hanf begleitet die Menschheit schon sehr, sehr lange. Nur eben in den letzten paar Jahrzehnten illegalerweise.

Vielleicht werden sich die Träume, Hoffnungen und aktuell hochfliegenden Versprechen von den wundersamen Wirkungen der Hanfblüten nicht alle bewahrheiten. Trotzdem: Gute Gründe sollte vorbringen können, wer erwachsenen Menschen das Recht absprechen will, sich abends auf dem Sofa statt acht Bier eine Tüte Gras in den Kopf zu ziehen, um mit den Widersprüchlichkeiten und Überforderungen der modernen Welt ein bisschen besser klarzukommen.

Und ja: Nüchtern sind Probleme normalerweise besser zu lösen. Das ist hier aber nun mal nicht das Thema.

Aber die Kinder ...

Dient Hanf-Prohibition dem Schutz von Kindern und Jugendlichen? Wenn es so wäre: Warum soll der unbestreitbar deutlich schädlichere Alkohol erlaubt bleiben? Weil er denen, die sich gegen Cannabis positioniert haben, besser ins christlich-abendländische Leitbild passt? Oder weil sich die Wasser-Prediger da nicht herantrauen, aus Angst vor dem Zorn der weintrinkenden Anhänger- und Wählerschaft? Das ist feige. Denn: Wer behauptet, dass es den Nachwuchs gefährde, wenn man ein nutz- und sinnloses Verbot abschafft, missbraucht für eine obskure Agenda genau jene, die schützen zu wollen er vorgibt. Alle wissen längst: Gekifft wird sowieso. Das macht Eltern schon genug Angst. Und das ist verständlich. Insbesondere angesichts der verbreiteten - allerdings unbewiesenen - Sorge vor Cannabis als "Einstiegsdroge" und den Debatten über die Schrumpfungen unreifer Gehirne.

Wohlgemerkt: Wir reden hier über Legalisierung für erwachsene Menschen. Jugendschutz, so schwierig er naturgemäß sein mag, ist wichtig und ernst zu nehmen. Ein Aspekt kommt aber in dieser Debatte so gut wie nie vor: Dass nämlich etwas, das nicht verboten und vielmehr akzeptierter Bestandteil langweiliger Erwachsenenkultur ist, auf die junge Rebellen deutlich weniger attraktiv wirken könnte als etwas, das vom Nimbus von Auf- oder wenigstens Widerstand umweht wird. Allerdings ist dieses Argument wie so viele in dieser Debatte: eine unbewiesene und vielleicht auch unbeweisbare Vermutung. Und zugegeben: Beim Alkohol funktioniert das mit dem Abschrecken durch Langweilig-Sein nicht wirklich gut.

Wem nützt die Kriminalisierung?

Was das Verbot tatsächlich bringt: Eine sehr praktische Handhabe gegen womöglich Missliebige, also die, die man früher Linke, Langhaarige und Gammler genannt hat, mithin heute praktisch jeder Zweite. Und es bringt: Tolle Statistiken von steigender Kriminalität und noch stärker steigenden Aufklärungsquoten. Ob sich einige einschlägige Polizeigewerkschaften und ihre ach so gesetzestreuen Funktionäre deshalb so lautstark zu dem Thema äußern, sei einmal dahingestellt. Es gibt auch weniger laut Krakeelende, die einen differenzierten Blick aufs Thema haben - und Entkriminalisierung mit guten Argumenten befürworten.

Das Verbot bringt nämlich jedenfalls: Eine Menge Arbeit für Polizei, Rechtspflege und Gefängnis(un)wesen - die man gewiss besserer Verwendung zuführen könnte, wie inzwischen auch immer mehr Juristen sagen. Aber auch das ist nicht der Punkt. Denn sinnvolle Verbote gehören in einem funktionierenden Rechtsstaat durchgesetzt, koste es, was es wolle.

Aber nutzlose Verbote gehören abgeschafft, sobald es politische Mehrheiten dafür gibt. Das war beim Cannabis-Verbot bis jetzt in der Bundesrepublik leider nicht der Fall. Jetzt ist es allerdings höchste Zeit dafür.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.