Person der Woche

Person der Woche: Streeck Der Virologe für die zweite Welle

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Christian Drosten war die nationale Leitfigur der ersten Corona-Welle. Nun wächst ein anderer in die Hauptrolle des Orientierungs-Virologen. Das hat Gründe.

Die beiden Top-Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck sind Deutschlands wissenschaftliche Leitfiguren in der Pandemie. Beide sind Großmeister ihres Fachs, Professoren, Institutsleiter, akademisch hoch respektiert. Zwei eloquente Mittvierziger mit ähnlicher Biografie, modern im Habitus und geländegängig in den Diskursen der Republik. Der eine ist sogar der Nachfolger des anderen auf dem Lehrstuhl.

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Und doch verfolgen beide in der Corona-Krise völlig unterschiedliche Konzepte. Drosten steht für eine harte, strenge Isolationsstrategie mitsamt Lockdown und konzipiert damit die Verbotspolitik der Kanzlerin. Streeck hingegen verficht einen differenzierteren, liberaleren Ansatz der Flexibilität. Während der eine vor allem mahnt und warnt, will der andere relativieren und abwägen. Es steht das preußische Konzept des Berliners Drosten gegen den rheinischen Weg des Bonners Streeck.

In der zusehends Corona-gespaltenen Nation wird Drosten von der einen Seite als Angst-, Scharf- und Panikmacher kritisiert, während Streeck sich andererseits als verantwortungsloser Verniedlicher beschimpfen lassen muss. In Wahrheit sind beide integer, beide tragen richtige Argumente vor und beide spielen im öffentlichen Diskurs der verunsicherten Republik eine wichtige Rolle - der eine vor allem für die erste, der andere für die zweite Welle.

Stabwechsel der Top-Virologen

Denn es vollzieht sich derzeit ein Stabwechsel unter den beiden. Drosten war die leuchtende Leitfigur im Frühjahr - ein wortgeschmeidiger Wissenschaftler, der mit sanfter Autorität und kristallklarer Analyse durch den ersten Schock navigierte.

Nun aber kommt Streeck stärker in den Blickpunkt, weil seine Differenzierungen und Mutmachungen im Herbst stimmiger wirken. Drosten war gewissermaßen der Notarzt mit dem groben Besteck beim Ausbruch, Streeck ist der Stationsarzt mit den feineren Behandlungsstrategien für chronische Fälle - und Corona ist ein chronischer Fall für alle.

Während Drosten die Drama-Rhetorik des Frühjahrs jetzt in der zweiten Welle wiederholt und damit nicht mehr so durchdringt, findet Streeck wachsenden Anklang mit einer neuen Tonlage. So kritisiert Streeck, dass es in Deutschland im Kampf gegen die Corona-Pandemie "zu viel Angst" gebe. Das Risiko der Krankheit sei inzwischen gut kalkulierbar und legitimiere eine übertriebene Verbotspolitik nicht mehr. Damit sagt Streeck, was viele Lockdown- und Rezessionsgeplagte gerne hören wollen. Streecks Leitmotiv lautet: "Wir haben es mit einem ernst zu nehmenden Virus zu tun, aber wir dürfen dieses Virus nicht mehr über-dramatisieren."

"Virus ist tödlich nur für wenige"

Streeck weist darauf hin, dass die Sterblichkeit von Corona-Infizierten sehr viel niedriger sei, als man das im Frühjahr befürchtet hatte. "Dieses Virus ist tödlich nur für wenige. Genauso wie viele andere Viren auch." Die zunehmenden Erkenntnisse der Wissenschaft könnten Mut machen: Es gebe kaum Übertragung über Gegenstände. Auch gebe es im normalen Alltag - etwa in Schulen oder im Einzelhandel - wenig Ansteckungsrisiken. Viele Infektionen verliefen komplett ohne Symptome. Nur noch fünf Prozent der Infizierten bräuchten überhaupt eine klinische Versorgung, weitaus weniger gar eine intensivmedizinische.

Dem Bonner Virologen zufolge liegt die Sterblichkeitsrate höchstens bei 0,37 Prozent. Das Bulletin der WHO veröffentlichte kürzlich eine Metastudie, die für alle Altersgruppen zusammen eine Infektionssterblichkeit von 0,23 Prozent ergeben hat. "Das lässt sich einordnen", sagt er. Corona sei deutlich gefährlicher als normale Grippewellen, aber "Corona wird nicht unser Untergang sein". Die Angst vor dem Virus sei häufig irrational. Zu häufig würden kleinste Nebenrisiko-Wahrscheinlichkeiten zu großen Themen von Politik und Medien. "Das Virus ist zu politisch geworden, obwohl es eigentlich nicht politisch sein sollte", beklagt Streeck.

Streeck plädiert für ein Ende des Krisen- und Panikmodus, der Umgang mit dem Virus müsse in ein normales Risikohandling wie bei vielen anderen Risiken des Lebens auch übergehen. Ängste zu schüren sei der falsche Weg, weil man damit die Gesellschaft spalte und die Akzeptanz für eigenverantwortliche Achtsamkeit schwäche. Die Infektionszahlen dürften nicht mehr im Haupt-Fokus stehen. Man müsse auch den echten Krankheitsausbruch ins Auge fassen - wie die Auslastung in der stationären Behandlung und den Anteil der belegten Intensivbetten.

Streeck plädiert für "eine neue Routine". Man solle sich vor Sorglosigkeit hüten, aber mit dem Risiko intelligent umzugehen lernen. Wenn öffentliche Veranstaltungen gute Hygienekonzepte verfolgten, solle man sie auch stattfinden lassen. "Wir können nicht auf einen Pausenknopf des Lebens drücken und glauben, das Virus sei dann vorbei", mahnt Streeck.

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Streeck warnt vor dem Irrglauben, man könne das Virus irgendwie besiegen. Dies werde nicht einmal durch den härtesten Lockdown gelingen. Nach der zweiten werde es auch eine dritte und vierte Infektionswelle geben. "Wir sind in einer Dauerwelle. Wir müssen uns damit abfinden, das Virus wird normaler Teil unseres Lebens werden." Das sollte uns aber keine Angst machen, das Virus sei schlichtweg da, nicht nur in diesem Herbst, sondern auch im nächsten Sommer, "und auch in Jahrzehnten noch".

Selbst mit Impfstoffen sei es der Menschheit erst ein einziges Mal (bei Pocken) gelungen, ein Virus auszurotten. Fazit: "Viele von uns werden Bekanntschaft mit diesem Virus machen, ob wir wollen oder nicht." Da klingt Streeck doch ganz wie Drosten.

Quelle: ntv.de