Panorama

Aufreger bei "Maischberger" Streeck: "Nicht nur über Todesfälle reden"

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Hendrik Streeck ist häufig Gast in Talkshows.

(Foto: imago images/Jürgen Heinrich)

Trotz rasant steigender Infektionszahlen sagt Hendrik Streeck bei "Maischberger", angesichts anderer Schäden finde er es müßig, nur über Todesfälle zu reden. Die Aufregung über diesen Satz ist groß, doch der Bonner Virologe hat dies so eigentlich nicht sagen wollen.

Das RKI hat heute mehr als 6000 Neuinfektionen gemeldet, die Zahl der Covid-19-Patienten, die ins Krankenhaus müssen, steigt deutlich und es sterben auch wieder mehr Menschen an der heimtückischen Krankheit. Trotzdem rät Virologe Hendrik Streeck nach wie vor zur Gelassenheit im Umgang mit der Pandemie. Kürzlich fand er täglich 20.000 Neuinfektionen als nicht beängstigend, jetzt sagte er bei "Maischberger die Woche", er finde es angesichts anderer Corona-Schäden müßig, über Todesfälle zu reden. Meint er das ernst?

Auslöser für die provozierende Aussage war die Einspielung eines vorangegangenen Maischberger-Gesprächs mit Karl Lauterbach. Darin kritisierte der SPD-Gesundheitsexperte, bei 20.000 täglichen Neuinfektionen würden in Deutschland pro Tag 200 Menschen sterben. "Und auf jeden, der stirbt, kommen ja 10, 15 oder mehr, die lange mit der Krankheit kämpfen oder zum Teil auch bleibende Schäden behalten."

"Schäden sind eben nicht nur Corona-Tote"

Ob er 200 Tote pro Tag wirklich in Kauf nehmen wolle, fragte Maischberger Streeck. An dieser Aussage sei ganz viel falsch, antwortete er. Zunächst würde er 200 Todesfälle nicht in Kauf nehmen, es gehe darum, schwere Folgeschäden und Todesfälle zu verhindern. Man müsse in dieser Situation aber auch schauen, wie man Schäden aller Art eindämmen könne. "Und Schäden sind eben nicht nur Corona-Tote." Schäden seien auch verschobene Operationen oder verlorene Existenzen. "Da gibt es eine ganze Facette von Schäden, die entstehen können."

Streeck empfindet die von Lauterbach genannten 200 Toten pro 20.000 Neuinfektionen auch "als sehr hochgerechnet". Dabei geht es um die Infektionssterblichkeitsrate, die bisher nur geschätzt werden kann. Das Problem dabei ist nicht, zu bestimmen, wie viele der registrierten Covid-19-Fälle sterben, sondern wie viele der tatsächlich Infizierten der Krankheit erliegen. Es gebe andere Rechnungen, die eine sehr viel niedrigere Sterblichkeitsrate sehen, so Streeck. Damit meint er beispielsweise die aus seiner Heinsberg-Studie resultierende Rate von 0,37. Das entspricht bei 20.000 Infizierten immerhin noch 74 Toten.

Streeck wollte etwas anderes sagen

Dann sagte er: "Ich finde es müßig, über Todesfälle zu reden. Denn es geht ja nicht um Todesfälle, sondern es geht darum, dass wir das Virus so weit kontrollieren, dass wir insgesamt Schäden verhindern - aller Art." Streeck ist erschrocken über die Reaktionen, die Maischbergers Tweet mit dem ersten Satz als Zitat hervorgerufen hat. Er habe gemeint, man solle nicht ausschließlich über den Tod reden. Als Arzt gehe es darum, Todesfälle zu vermeiden und nicht, sie gegeneinander aufzurechnen, schrieb er ntv.

Auf die Frage von Sandra Maischberger, ab wie vielen Neuinfektionen er denn beunruhigt sei, sagte er, auch den Vergleich mit den Infektionszahlen finde er müßig. Es gebe Hochrechnungen, dass wir im Frühjahr, März, April bis zu 60.000 Infektionen pro Tag gehabt haben könnten, aber nicht mitbekommen haben. Dies liege unter anderem daran, dass die Testkapazitäten geringer gewesen seien. Er halte es für entscheidender, dass man wisse, wie viele Menschen stationär oder intensivmedizinisch behandelt werden müssen.

So machten ihm 50 Menschen, die nach einem Ausbruch in einem Altenheim stationär behandelt werden müssten, viel mehr Sorgen als 150 infizierte junge Raver, die nur milde Symptome zeigten. Sie dürften das Virus nur nicht in die Altenheime tragen. Das sei "eigentlich auch die Crux der Diskussion", man solle sich viel mehr darauf konzentrieren, Risikopatienten besser schützen zu können. Im Anschluss warb er wieder für sein Ampel-System zur Kontrolle der Pandemie-Lage. Wie man konkret Senioren-, Pflegeheime oder Risikopatienten, die zu Hause leben, bei explodierenden Infektionszahlen schützen kann, sagte Streeck nicht.

Experten widersprechen

Streecks Auftritt blieb nicht unbeantwortet. So twitterte Karl Lauterbach, er setze bei seiner Annahme von 200 Toten bei 20.000 Fällen pro Tag wie Christian Drosten eine Sterblichkeit von einem Prozent in Deutschland voraus. Das entspreche zum Beispiel auch Studien der Harvard-Universität. Später rechnete Lauterbach noch vor, warum man nicht erst reagieren darf, wenn die stationären Behandlungen Grenzen überschreiten. Wolle man in vier Wochen Todesfälle vermeiden, müsse man jetzt Maßnahmen ergreifen.

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek lässt Streecks Aussage, es gelte auch die Verschiebung von Operationen zu verhindern, nicht unkommentiert stehen. Operationen müssten nämlich auch dann verschoben werden, wenn immer mehr medizinisches Personal in Isolation oder Quarantäne zu Hause sei, twitterte sie. "Hohe Infektionszahlen sind insgesamt schlecht für den Betrieb im Krankenhaus."

Quelle: ntv.de, kwe