Person der Woche

Personen der Woche Die gefühlten Kanzler heißen Lindner und Habeck

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Die Koalitionsverhandlungen haben die Machtverhältnisse der neuen Regierung offenbart. Christian Lindner und Robert Habeck bilden das künftige Machtzentrum der Ampelregierung. Der Kanzler wirkt wie ihr Vize. Die Republik bestaunt eine völlig neue Machtarchitektur.

Es gehört zu den Stärken von Olaf Scholz, dass er leise und aus dem Hintergrund agiert, sich hanseatisch bescheiden nicht ins Rampenlicht drängen muss. Diese Tugend wird er als künftiger Kanzler dringend brauchen. Denn im Vordergrund der neuen Ampelregierung stehen Robert Habeck und Christian Lindner. Die Verhandlungswochen haben gezeigt, dass sie das neue Machtzentrum der Republik verkörpern. Die Ampelkoalition wird nicht vom Kanzler her definiert. Die Machtarchitektur ruht vielmehr auf der Achse der beiden jüngeren Macher.

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Links: Robert Habeck. Weiter rechts: Christian Lindner.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PR)

Für die Bundesrepublik wird das ein Novum. Die politische Kultur verschiebt sich von der vertikalen Führung einer starken Kanzlerfigur zum horizontalen Führungsdoppel. Es gibt vier Gründe für die gefühlten Doppelkanzler namens Christian und Robert:

Erstens hat das Wahlergebnis zu einer eklatanten Schwächung der Kanzlerfigur geführt. Seit den fünfziger Jahren ist Olaf Scholz der Erste, der sich in einer Dreiparteienregierung arrangieren muss. Damit ist die Macht der Kanzlerpartei von vornherein reduziert. Zugleich hat die SPD nur 25,7 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Noch nie ist ein Kandidat mit so wenigen Prozentpunkten seiner Partei Kanzler geworden. Die Legitimationsbasis von Scholz ist damit vom Start weg wesentlich kleiner als die aller seiner Vorgänger.

Eher wie ein präsidialer Vize

Obendrein haben seine Koalitionäre addiert mehr Mandate als seine eigene Partei. Das heißt, sie sind schon numerisch stärker als er. Und schlimmer noch: Sie können jederzeit in der Legislatur das Lager wechseln und mit der Union einen neuen Kanzler wählen. Machtpolitisch muss Olaf Scholz daher eher wie ein präsidialer Vize seiner beiden mächtigen Koalitionäre auftreten.

Zweitens sind Robert Habeck und Christian Lindner von Begabung und Naturell her stärkere Kommunikatoren als Olaf Scholz. Neben diesen beiden wirkmächtigen Rednern und geschmeidigen Inszenatoren wirkt Scholz wie der spröde Fachmann. Der Charisma-Vorsprung von Lindner und Habeck verstärkt in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass sie die Köche und Scholz nur der Kellner sei.

Drittens verkörpern Habeck und Lindner das Neue und die Ambition der Ampelregierung. Scholz hingegen steht für die Kontinuität einer SPD, die von den vergangenen 21 Jahren bereits 17 Jahre in der Regierungsverantwortung werkelt. Scholz steht für die Stabilität - Lindner und Habeck hingegen für die Erneuerung. Es sind die Grünen und Liberalen, die das Avantgarde-Versprechen, also die Zukunft, verheißen. Beide wollen die Republik pragmatisch modernisieren und eine neue digital-nachhaltig-liberale Generation am liebsten auch verkörpern. Auch das lässt sie stärker erscheinen als Scholz.

Gleiche Sprache konzilianter Machtingenieure

Viertens haben Habeck und Lindner einen erstaunlich guten Draht zueinander gefunden. Ihr selbstbewusster Griff nach der Doppelmacht lief Hand in Hand. Beide wissen, dass sie das Zentrum der neuen Regierung nur dauerhaft bilden können, wenn sie zusammenstehen. Die geräuschlosen Koalitionsverhandlungen haben gezeigt, dass sie das auf bemerkenswert gute Weise können. In ihrer Machtintelligenz sind sie sich ähnlich: Beide sind Argumenten zugänglich und denken strategisch. Indem Lindner und Habeck den üblichen Spieß der Koalitionsverhandlungen einfach umgedreht und erst einmal miteinander verhandelt haben, demonstrierten sie der Republik die Machtverschiebung 2021. Nicht mehr CDU und SPD und ihre Kanzlerfiguren bestimmen die Spielregeln, sondern FDP und Grüne sagen an, wo es lang geht. Dieser erste Coup wirkt wie ein Grundgesetz der Ampelregierung nach.

Obwohl beide aus politischen Gegenwelten kommen, sprechen sie die gleiche Sprache konzilianter Machtingenieure, beide pflegen den Habitus einer Machtausübung sanfter Sympathie, beide sind politische Popstars ihrer Milieus und fühlen sich in diesen Rollen instinktiv nahe. Beide haben einen kumpelhaften Modus miteinander, den man im Showbusiness von Schauspielern hinter dem Vorhang kennt.

Fazit: Habeck und Lindner leuchten. Der Kanzler muss aufpassen, neben ihnen nicht zum farblosen Darsteller seiner eigenen Nebenrolle zu werden. Und beide eröffnen sich - sollten sie die Arbeit erfolgreich machen - eine seltene Chance in vier Jahren. Sie könnten am Ende der Ampelregierung als Kanzlerkandidaten antreten und den Wechsel vom gefühlten zum echten Kanzler wagen. Die neue Machtarchitektur der Vielparteienrepublik macht vieles möglich.

Quelle: ntv.de

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