Person der Woche

Person der Woche: Netanjahu Israel zeigt der Welt, wie es geht

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Schon am 19. Dezember konnte Netanjahu sich öffentlich impfen lassen.

(Foto: AP)

Während der verstolperte Impf-Start in Deutschland für Ärger sorgt, melden andere Länder große Fortschritte. In Israel haben bereits 1,3 Millionen Menschen einen Impfstoff erhalten. Jeder zweite Alte ist schon geimpft. Der Impf-Weltmeister entlarvt zugleich, was in Deutschland falsch läuft.

Weltweit sind bereits 13 Millionen Menschen gegen Corona geimpft. Während Deutschland mit seiner Impf-Kampagne nur langsam vorankommt, sind Großbritannien, die USA, aber auch Dänemark oder Bahrain wesentlich schneller. Global am erfolgreichsten ist Israel. Nach den tagesaktuellen Daten der Universität Oxford hat das kleine Israel bereits mehr als 1,2 Millionen Staatsbürger geimpft, das ist ein Siebtel der Gesamtbevölkerung. Fast die Hälfte der Älteren (60plus) hat bereits die erste Dosis des Biontech/Pfizer-Impfstoffs erhalten.

Der Kontrast zu Deutschland ist eklatant - obwohl der Schlüsselimpfstoff von Biontech hierzulande entwickelt wurde, sind erst 0,3 Prozent der Deutschen geimpft. Auf neuen Impfstoff muss in Deutschland wochenlang gewartet werden, unterdessen sterben Hunderte Corona-Patienten. "Es ist schwer zu erklären, dass ein sehr guter Impfstoff in Deutschland entwickelt, aber woanders schneller geimpft wird", schimpft der bayerische Ministerpräsident Markus Söder von der CSU. Die ebenfalls mitregierende SPD diagnostiziert gar ein "Impf-Chaos" und beklagt ein Versagen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Auch aus der Wissenschaft hagelt es Kritik. Ein prominentes Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina wirft der Bundesregierung schwere Versäumnisse bei der Beschaffung von Impfstoff vor: "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagt Frauke Zipp, die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Doch worin liegt das vermeintliche Versagen genau?

Vier Dinge sind es, die Israel richtig und Deutschland falsch gemacht hat.

Erstens: Deutschland hat den Biontech-Impfstoff viel zu spät bestellt. Während Israel, Großbritannien und die USA bereits im Juli ihre Bestellungen fixierten, wurde für Deutschland - umständlich über das EU-Kontingent - erst am 11. November eingekauft. Bei Biontech war man darüber verblüfft bis entsetzt, denn da war die zweite Welle bereits unterwegs. Der Biontech-Chef Ugur Sahin kritisiert die langsame Bestellpolitik Deutschlands und der EU höflich, aber unüberhörbar: "Es gab die Annahme, dass noch viele andere Firmen mit Impfstoffen kommen. Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert." Israel hat (wie die USA) früh und konsequent eingekauft, um im Winter versorgt zu sein. Der israelische Präsident Netanjahu fragte im Herbst regelmäßig telefonisch beim Pfizer-Chef Albert Bourla nach, um die Dringlichkeit des Interesses zu unterstreichen. Als die ersten Impfdosen von Biontech-Pfizer am 9. Dezember eingeflogen wurden, nahm Netanjahu sie persönlich am Flughafen in Empfang. Er machte die Beschaffung schlichtweg zur Chefsache. Am 20. Dezember ließ sich Netanjahu schließlich als Erster vor laufender Kamera im schwarzen Polo-Hemd impfen. "Eine kleine Injektion für einen Mann und ein gigantischer Sprung für unser aller Gesundheit", erklärte er dabei einigermaßen großspurig. Und doch mobilisierte er damit zugleich die Stimmung für die Impfkampagne. In nur neun weiteren Tagen schaffte es das Land, rund eine halbe Million weiterer Menschen gegen das Coronavirus zu impfen, was fast fünf Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Zweitens: Israel verfolgte eine stringente, national entschlossene Bestellstrategie. Deutschland hat sich hingegen in die Fänge der europäischen Beschaffungsbürokratie begeben. Dabei mussten allerlei politische Kompromisse gemacht werden. Sowohl nationale Industrie-Interessen (so etwa Frankreichs mit Blick auf Sanofi) wie richtungspolitische (so kritisierten die Grünen im Europaparlament den Biontech-Deal) als auch finanzielle. Die EU musste einen komplexen Interessenausgleich organisieren und war doch schon mit der klassischen Beschaffungsmethodik organisatorisch überfordert. Der SPD- Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach resümiert, dass die EU mit zu wenig Geld in die Verhandlungen gegangen sei, zu lange verhandelt und auf die falschen Pferde gesetzt habe. "Wäre Moderna beispielsweise ein französischer Impfstoff, hätten wir sicher noch mehr bestellt." Markus Söder ist ähnlich frustriert: "Fakt ist: Es ist zu wenig bestellt worden, auch von den falschen Herstellern."

Drittens: Während Israel bereit war, auch hohe Preise für neue Impfstoffe zu zahlen, verhielt sich Deutschland lange Zeit knausrig in den Verhandlungen. Netanjahu vertrat von Anfang an die Meinung, dass auch hohe Kosten für Impfungen am Ende billiger sein würden als die enormen wirtschaftlichen Schäden durch verzögerte Impfungen. Er wollte daher von vornherein die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna haben, obwohl diese bis zu zehnmal teurer sind als die klassischen Impf-Präparate. Deutschland und die EU versuchten hingegen mit hohem Zeitaufwand, die Preise bei Biontech zu drücken. Am Ende bekam man den besten Impfstoff auch billiger, aber eben viel später. Und so zahlt Israel für die einzelne Biontech-Dosis 23 Euro. Nach der versehentlich von der belgischen Finanzstaatssekretärin Eva De Bleeker veröffentlichten Liste kostet eine Dosis in Europa nur zwölf Euro.

Viertens: Israel organisiert die Verteilung und Verimpfung im Land militärisch, unbürokratisch und zentral. Deutschland hingegen behindert sich beim Verimpfen des wenigen Impfstoffes auch noch föderalistisch und bürokratisch. Seit dem Impfstart am 27. Dezember wurden in Deutschland bisher rund 270.000 Menschen geimpft. Geliefert wurden bis Ende 2020 allerdings schon 1,3 Millionen Impfdosen von Biontech und Pfizer. "Mit der Entscheidung, zuerst in Pflegeheimen zu impfen, war klar, dass es langsamer losgeht. Dort müssen mobile Teams eingesetzt werden, das ist aufwändiger als im Impfzentrum", verteidigt Spahn die deutsche Strategie. Ein weiterer Grund für die deutsche Langsamkeit: Weil zur vollständigen Wirksamkeit der Impfung jeder zweimal geimpft werden muss, halten manche Bundesländer die Hälfte des Impfstoffs zurück, um in jedem Fall genügend Dosen für die zweite Impfung zu haben.

In Israel wird hingegen im Katastrophenmodus gehandelt. Professor Arnon Afek, Vize-Direktor des Schiba-Krankenhauses bei Tel Aviv, berichtet, dass man als krisenerfahrenes Land leichter pragmatisch zupacke. In Deutschland fahren Gesundheitsämter an Wochenenden oder über Weihnachten ihren Betrieb herunter. In Israel ist das anders. Viele Krankenschwestern, so Afek, blieben etwa oft nach Dienstende freiwillig für eine weitere Schicht, um noch mehr Menschen impfen zu können.

Netanjahu gefällt sich unterdessen in der Pose des Impf-Weltmeisters und kündigt an, bis Ende Januar die meisten Bürger über 60, das medizinische Personal sowie die komplette Lehrerschaft geimpft zu haben. "Wenn wir das geschafft haben", so Netanjahu, "können wir nach weiteren 30 Tagen das Virus hinter uns lassen, die Wirtschaft öffnen und Dinge tun, die kein anderes Land kann." In Deutschland dürfte das noch Monate dauern.

Quelle: ntv.de

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