Politik

Kritik zu Tempo und Beschaffung Steckt Deutschland wirklich im Impf-Chaos?

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Bisher wurden in Deutschland rund 250.000 Menschen geimpft - nicht genug, heißt es aus Forschung und Opposition.

(Foto: imago images/Michael Schick)

Um den Impfstart in Deutschland bildet sich eine hitzige Diskussion: Die Regierung muss sich den Vorwurf eines "Impf-Debakels" gefallen lassen. Konkret geht es dabei um Versagen bei der Bestellung des Corona-Impfstoffs und der Ausführung der Impfungen.

In Deutschland tobt derzeit eine Debatte darüber, warum die Impfungen bisher nur schleppend angelaufen sind und ob zu wenig Impfstoff bestellt wurde. In der Kritik stehen dabei sowohl die EU als auch Bund und Länder. Bei den Vorwürfen geht es vor allem um zwei Fragen: Hätte Deutschland beziehungsweise die EU mehr Impfstoff bei dem Hersteller Biontech und Pfizer bestellen sollen? Und warum wurden in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern erst so wenige Menschen geimpft?

Seit dem Impfstart am 27. Dezember waren das bisher rund 250.000 Menschen. Geliefert wurden bis Ende 2020 allerdings schon 1,3 Millionen Impfdosen von Biontech und Pfizer. Das Impfen der Bevölkerung geht deshalb vielen zu langsam. Die Bundesregierung verteidigt die anscheinend niedrige Impfquote damit, dass der Fokus zunächst auf Pflegeeinrichtungen liege und nicht auf Impfzentren. Dort müsse man mit mobilen Teams impfen, was schwieriger sei, sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. Hätte man die Impfzentren gleich hochgefahren, wäre es schneller gegangen. "Aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden", so Seibert. Gleichzeitig räumt er aber ein, dass es beim Tempo "noch Luft nach oben" gebe.

In anderen Ländern, etwa in Israel, wurden bis Anfang Januar mit dem Vakzin von Biontech schon mehr als eine Million Menschen geimpft. Bis Ende Januar sollen es zwei Millionen sein, kündigte die israelische Regierung an. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sieht für die Impflage zum Teil auch die EU verantwortlich. Sie hätte von den teuren, aber besonders wirksamen Impfstoffen nicht zu viel und so früh gekauft wie zum Beispiel die USA, sagte er ntv.

Doch es gibt auch Länder, in denen der Impfstart deutlich schlechter verlief: In Frankreich wurden der Website Covid Tracker zufolge seit Impfstart vor gut einer Woche nicht mehr als 500 Menschen geimpft. Die Niederlande haben als einziges EU-Land mit den Impfungen noch überhaupt nicht begonnen. Die Schweiz hatte bei ihren Bestellungen auf den Impfstoff Moderna gesetzt, der aber noch nicht zugelassen ist. Einen Vertrag mit Biontech hat das Land erst im Dezember geschlossen und kurz vor Weihnachten die ersten 100.000 Impfdosen erhalten.

"Dass es am Anfang knapp sein würde, war klar"

Doch auch Deutschland muss sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht genügend Impfdosen bestellt zu haben. Die Leopoldina-Neurologin Frauke Zipp hatte die Regierung scharf kritisiert: "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagte sie der "Welt". Es habe im Sommer Angebote für mehr Impfstoff gegeben. "Wir hätten sie jetzt zur Verfügung." Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci sagen in einem Interview im "Spiegel", dass die EU sich offenbar sicher war, genug Impfstoff zu bekommen. Gleichzeitig räumen sie ein, dass es im Sommer durchaus sinnvoll war, sich einen "Korb aus verschiedenen Anbietern zusammenzustellen".

Kritik an der Beschaffung des Impfstoffs weist die Regierung jedoch von sich. Die Schließung von Verträgen mit den verschiedenen Impfstoff-Herstellern der EU zu überlassen, sei "der richtige Weg gewesen", sagt Sprecher Seibert. Der europäische Zusammenhalt habe sich gerade in der Pandemie als wichtig erwiesen. "Dass es jetzt am Anfang knapp sein würde mit dem Impfstoff, das war von Anfang an klar."

Insgesamt hat die EU im Spätsommer fast zwei Milliarden Impfdosen für 450 Millionen EU-Bürger bestellt - verteilt auf sechs Hersteller. 200 Millionen Impfdosen bei Biontech, 400 Millionen bei Astrazeneca, 405 Millionen bei Curevac, 300 Millionen bei Sanofi-GSK, 400 Millionen bei Johnson and Johnson und 160 Millionen bei Moderna. Weil zu dem Zeitpunkt noch nicht klar war, welcher Impfstoff das Rennen machen würde, hat die EU das Risiko somit gestreut und deutlich mehr bestellt, als die Bevölkerung letztlich braucht. Im Dezember hat sie nochmal 100 Millionen Dosen von Biontech nachbestellt.

SPD schießt gegen Spahn

Richtig ist aber auch, dass die EU noch mehr Impfdosen von Biontech hätte bestellen können. Ob Deutschland davon jetzt zu Beginn des Impfstarts einen Vorteil gehabt hätte, ist jedoch fraglich. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides argumentierte, das "Nadelöhr ist derzeit nicht die Zahl der Bestellungen, sondern der weltweite Engpass an Produktionskapazitäten", wie sie zur Deutschen Presse-Agentur sagte. "Das gilt auch für Biontech." Auch Regierungssprecher Seibert verwies darauf. In Marburg soll deshalb mit Unterstützung des Bundes die Produktionsstätte von Biontech so schnell wie möglich ausgebaut werden.

Massive Kritik an der Impfstrategie von Gesundheitsminister Jens Spahn kam von den Linken und der SPD. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil forderte, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Impfstrategie einschalte und es zur "Chefinnensache" machen solle. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus verteidigte Spahn: "Alle wichtigen Entscheidungen werden im Corona-Kabinett getroffen. Da sitzt auch ein (Finanzminister) Olaf Scholz, da sitzen auch SPD-Minister drin", sagte Brinkhaus vor der Unionsfraktion. "Es sterben jeden Tag Menschen. Und da stelle ich mich nicht hin und mache Koalitionsspielchen."

Für Hoffnung auf ein schnelleres Impfen sorgt die EU-Zulassungsbehörde Ema, die sich bereits an diesem Montag mit dem Vakzin des US-Konzerns Moderna befassen will statt wie geplant am Mittwoch. Die Regierung rechnet noch diese Woche mit einer Zulassung, 50 Millionen Impfdosen sind für Deutschland eingeplant. Von Biontech kommen knapp 60 Millionen Impfdosen und nochmal 30 Millionen weitere, die die Regierung separat geordert hat. Insgesamt sind das 135,8 Millionen Impfdosen für Deutschland. Genug, um die ersten Monate zu überbrücken.

Quelle: ntv.de