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ARD-Dopingexperte im Interview "Corona-Krise ist ideale Phase für Betrüger"

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"Wenn in dieser Zeit gedopt worden ist, dann kann das vermutlich nicht so leicht aufgearbeitet werden", sagt der ARD-Experte für die Dopingproblematik, Hajo Seppelt, zur Corona-Krise.

(Foto: imago images/Eibner Europa)

Die Corona-Pandemie sorgt weltweit für die Aussetzung von Dopingtests. Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt erklärt im Interview mit ntv.de, wie sich Betrüger die Test-Pause zunutze machen könnten und warum man sie wohl niemals erwischen wird. Seppelt erzählt, wieso die Wettbewerbsverzerrung bis 2021 anhalten könnte und wieso Doping nichts mit Micky Maus zu tun hat.

ntv.de: Weltweit, auch in Deutschland, werden Dopingkontrollsysteme gegen null gefahren: Ist die Corona-Krise ein Schlupfloch für Dopingsünder?

Hajo Seppelt: Es ist richtig: Da es keine Dopingkontrollen gibt, ist das Risiko natürlich entsprechend gering, beim Doping erwischt zu werden. Insofern ist dies eine ideale Phase für potenzielle Betrüger.

Doping-Betrug hat vor allem in der wettkampffreien Zeit Hochkonjunktur.

Doping in der Trainingsphase ist in Kraftsportarten besonders effektiv. Und die Trainingsphase ist die wettkampffreie Phase. Insofern macht das jetzt besonders viel Sinn - aber nur in Kombination mit Training. Wenn ich nicht trainiere, nutzt mir das Doping nichts. Manche Leute sehen im Doping eine Pille, die Supergoof in den Micky-Maus-Comics nimmt und dann plötzlich fliegen kann. So banal ist das nicht.

Wie genau könnten Dopingsünder also diese nie da gewesene Ruhephase nutzen?

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Das Doping von thailändischen Gewichtheberinnen und Gewichtheber wurde in einer ARD-Dokumentation 2019 aufgedeckt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doping ist ein kleiner, aber häufig entscheidender Teil für die Leistung eines Athleten in Kraft- und Ausdauersportarten. Es ist das i-Tüpfelchen und kann dazu führen, dass manche Leute dadurch ein Quäntchen mehr an Leistung erbringen, was den Unterschied zwischen Platz eins und 20 ausmacht. Ohne Training geht aber gar nichts und ohne Talent auch nicht. Gleichzeitiges, effektives Training ist jetzt in manchen Sportarten gar nicht möglich und dort wäre eine Dopingwirkung eher begrenzt. Es gibt aber auch Sportarten, wie zum Beispiel Gewichtheben, in denen bei Vorhandensein entsprechender Geräte auch in den eigenen vier Wänden trainiert werden kann. Dort würde der Muskelaufbau durch Anabolika extrem gefördert werden. Wie Tierversuche nahelegen, besteht die Möglichkeit, dass man davon auch langfristig profitieren kann - über Monate oder sogar Jahre.

Welche Sportarten sehen Sie denn dann noch als besonders anfällig?

Generell gilt das für alle Sportler, die weiter trainieren können. In Sportarten, in denen Kraft, Schnellkraft und Kraftausdauer eine große Rolle spielen, kann mit Anabolika oder ähnlich wirkenden Substanzen ein bedeutender Effekt erzielt werden. Und wenn Sportler dann nicht kontrolliert werden, haben sie sich einen unbemerkten Vorteil verschafft.

Werden in einer so langen Pause ohne Dopingtests womöglich neue Substanzen oder Methoden ausprobiert?

Das kann sein, aber ich sehe da keine großen Anhaltspunkte für. Die Leute müssten ja erstmal an die neuen Substanzen herankommen und ich frage mich, ob sie die so einfach bekommen. Sie müssen ja auch unter erschwerten Bedingungen arbeiten und leben. Deshalb würde ich eher annehmen, dass das ein Stück weit Verschwörungstheorie ist.

Der Chef des Leichtathletik-Weltverbandes Sebastian Coe sagt über potenzielle Dopingsünder: "Wir werden sie erwischen." Kann er das wirklich?

Ich kann alle Dopingfahnder verstehen, die jetzt drohend den Zeigefinger heben und sagen: "Wir erwischen euch alle." Aber wir müssen ehrlich sein: Wenn es auch so wie gerade ginge, warum brauchen wir dann ein Dopingkontrollsystem? Die Phase jetzt ist eine eindeutige Schwächung des Systems.

Der biologische Athleten-Pass soll in der Zeit ohne Tests Auskunft über möglichen Dopingmissbrauch liefern können und die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) will Projekte vorantreiben, bei denen sich Athleten mit einem kleinen Piks unter Video-Liveüberwachung selber Blut abnehmen können. Ist dieses Verfahren wirklich manipulationssicher?

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Sebastian Coe, hier bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha, will alle Doping-Sünder während der Corona-Krise "erwischen".

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Die Möglichkeiten, die jetzt angeführt werden, Videoüberwachung und der Nachweis mittels Buttropfen-Test sind zwar nachvollziehbare Überlegungen und in guter Absicht angedacht, aber sie sind natürlich kein vollwertiger Ersatz. Der Bluttropfen-Test deckt nicht alle Dopingsubstanzen ab, die Videoüberwachung wäre datenschutzrechtlich heikel und ließe womöglich Möglichkeiten der Manipulation zu. Letztlich ist das Kontrollsystem derzeit deutlich ineffektiver. Trotzdem sind solche Gedanken in dieser Phase in Ordnung und vielleicht kann man daraus lernen. Es werden solche Ideen weitergesponnen und man wird vielleicht neue Wege im Dopingtestsystem finden.

Wie lange nach Ende der Ausgangssperren und den Kontaktsperren wird das Kontrollsystem wieder regulär funktionieren?

Sobald die Leute sich wieder annähern dürfen, wird es besser werden. Aber wenn ein Sicherheitsabstand von ein bis zwei Metern auch künftig bei Dopingkontrollen die Regel ist und zum Standard wird, dann kann man nicht mehr so genau hinschauen wie es Dopingkontrolleure bei der Probenentnahme bisher taten. Was manche Kritiker dieser Vorgehensweise, die eine Verletzung der Intimsphäre sehen, womöglich sogar für eine Verbesserung halten.

Schon jetzt ist klar, dass viele Athleten, die im Sommer wegen Dopings noch gesperrt gewesen wären, bei den auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen von Tokio nach dem Ablauf ihres Banns wieder am Start sein könnten.

Die Strafen sind an Zeiträume und nicht an Wettkämpfe gebunden. Wenn diese Sperren ablaufen, dann sind die bislang gesperrten Sportler natürlich Profiteure von der Verlegung der Olympischen Spiele. Sie haben einfach Glück gehabt. Jeder Sportler hat nach Ablauf seiner Sperre das Recht auf Resozialisierung, das Coronavirus-Problem kann man ihnen da natürlich nicht anlasten.

Travis Tygart, Vorsitzender der US-Anti-Doping-Agentur Usada, sagte Mitte März, noch bevor die Verlegung beschlossen wurde, dass Olympia 2020 "die schmutzigsten Spiele überhaupt" werden würden. War die Verschiebung auch aus Doping-Sicht unabdingbar?

Diese Spiele hätten unter dem Makel gestanden, dass etliche Athleten überhaupt nicht getestet worden wären. Das wäre nicht gut gewesen. Es wäre sicherlich ein weiterer Faktor gewesen bei der Beurteilung der Frage, ob es richtig es gewesen wäre, Olympia im Jahr 2020 auszurichten.

Bedeutet das nicht, dass wir jetzt die "schmutzigste" Olympia-Qualifikation überhaupt sehen werden?

Hajo Seppelt

Hajo Seppelt ist Journalist und ARD-Dopingexperte und berichtet seit 2006 über die Dopingproblematik im deutschen und internationalen Sport. Recherchen von Seppelt und seinem Team deckten unter anderem das russische Staatsdoping-System auf.

Die Qualifikation dauert ja noch ein bisschen länger. Man kann jetzt noch nicht sagen, was im Herbst, Winter oder im Frühjahr nächsten Jahres ist. Da müsste man jetzt einen Blick in die Glaskugel tätigen.

Muss man trotzdem generell von einer großen Wettbewerbsverzerrung sprechen?

Die Sportler, die jetzt nicht kontrolliert werden, können womöglich mit Doping einen Langzeiteffekt erzielen. Insofern ist eine Verzerrung des Wettbewerbs, genauer gesagt eine Reduzierung der Chancengleichheit, auch für das Jahr 2021 nicht ausgeschlossen. Potenzielle Betrüger, die vor Corona vielleicht Angst hatten, erwischt werden zu können, haben nun möglicherweise weniger Hemmungen. Ob das ihre Bereitschaft zu dopen größer macht, ist aber reine Spekulation.

Kann überhaupt irgendwann lückenlos geklärt werden, wer in der Corona-Zwangspause gedopt hat?

Nein. Wenn in dieser Zeit gedopt worden ist, dann kann das vermutlich nicht so leicht aufgearbeitet werden.

Mit Hajo Seppelt sprach David Bedürftig

Quelle: ntv.de