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Paulke zu Sport und Corona "Spieler können ihren Habitus nicht leben"

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Bitte Abstand halten! Die neue Verhaltensregeln werden den Fußball verändern.

(Foto: imago images / Team 2)

Und am Ende des Interviews geht es dann plötzlich ganz unbeschwert um Darts. Und um Tomas "Shorty" Seyler. Durchstarten? Nochmal zurück in den legendären "Ally Pally" zur Weltmeisterschaft? Klar, warum nicht? So sieht es "Shorty" Seyler. Warum doch? So sieht es Elmar Paulke. Ein Streitthema? Natürlich nicht. Eher gepflegter Running Gag in ihrem gemeinsamen Podcast "Game on". Und demnächst womöglich auch Machtprobe in einem Kölner Autokino, vor verkleideten und hupenden Pkw? Dort könnte es zum epischen Duell, zum Formtest der beiden deutschen Darts-Stimmen kommen. Aber alles natürlich schön auf Abstand, ohne Shakehands - und mit Mundschutz? Wir haben mit Elmar Paulke über Sport in Zeiten von Corona gesprochen, über den kuriosen Umgang mit Emotionen, über Reiz und Nicht-Reiz von Geisterduellen und warum diese gerade für Darts-Profis existenziell sind.

ntv.de: Die Sportwelt redet beim Thema Rückkehr des Live-Sports fast ausschließlich über den Neustart der Fußball-Bundesliga. Dabei gab's ja beim kaum beachteten Tennisturnier in Höhr-Grenzhausen bereits einen Eindruck davon, was uns erwartet. War das eher Ausdruck von Normalität oder von Absurdität?

Elmar Paulke: Nein, das war keine Normalität. Das glaube ich nicht. Zumindest keine, an die wir uns gewöhnen müssen. Ich sehe es eher als Zwischenschritt, um den Spielern Matchpraxis zu verschaffen und ein wenig Geld zu verdienen. In kaum einer Sportart wissen die Profis, wie es für sie weitergeht. Und trainieren, ohne zu wissen wofür, das ist schon zermürbend.

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"Ich sehe weder die Spieler noch den Wurf und auch keine Emotionen von und zwischen den Spielern. Das ist für mich ein riesiges Manko der Veranstaltung", sagt Elmar Paulke.

Auch der Darts-Verband PDC hat sich mit der Home-Tour etwas ausgedacht, um seine Profis im Wettkampf-Modus zu halten ...
Ja, und ich freue mich, dass es weitergeht. Aber ich muss auch ehrlich sagen, ich verfolge die Tour nicht komplett. Das ist vor allem etwas für Hardcore-Fans. Ich sehe weder die Spieler noch den Wurf und auch keine Emotionen von und zwischen den Spielern. Das ist für mich ein riesiges Manko der Veranstaltung, es nimmt dem Sport das, was ihn so einmalig macht.

Dieses fortwährende gegenseitige Pushen?

Beim Darts geht es ja vor allem darum, in den Kopf deines Gegners zu kommen. Sobald der sich nicht mehr nur mit seinem Spiel beschäftigt, hast du als Gegner die besten Chancen, das Match zu gewinnen. Und da hat jeder Spieler seine eigenen kleinen Tricks. Die einen, wie etwa Gerwyn Price, machen das laut und gestenreich, andere Spieler wechseln zum Beispiel ständig den Rhythmus. Jeder hat so seine Miniaktionen. Dieser Aspekt geht verloren ...

... und macht das Spiel langweilig?

Nein, das nicht unbedingt. Joe Cullen (englischer Profi-"Rockstar", Anm.d.Red.) hat etwas ganz Interessantes dazu gesagt. Darts ist so nicht mehr das kleine, schmutzige Geschäft. Es geht nicht mehr darum, den Gegner aus dem Konzept zu bringen. Plötzlich ist alles clean, jeder spielt für sich. Darts, so sagt Cullen, war nie so fair wie jetzt. Und tatsächlich ist es so, dass große Namen plötzlich früh scheitern und Spieler aus den hinteren Regionen der Rangliste plötzlich gewinnen. Also langweilig? Nein. Aber klar: die Emotionen fehlen absolut!

Nun startet am Wochenende die Fußball-Bundesliga. Statt voller Stadien gibt es leere Ränge. Statt Instinktverhalten gibt es Verhaltensregeln. Schürt das die Vorfreude?

Puh, nee, so richtig nicht. Ich bin da sehr gespalten in meiner Meinung. Aber ich glaube, dass es vielen so geht. Ich freue mich als sportbegeisterter Mensch natürlich, dass es wieder losgeht und werde mir die Spiele auch anschauen. Aber die Umstände sind schon kurios. Dabei finde ich die Geisterkulisse weniger schlimm als den auferlegten Verhaltenskodex. Die Spieler können ihren normalen Habitus doch gar nicht leben. Dass Rotzen nicht erlaubt ist, ist ja noch ganz angenehm. Aber kein Jubeln, kein Abklatschen, keine Rudelbildung? Da sind doch alle Emotionen raus. Und wenn die Emotion verloren geht, dann nimmst du dem Sport vielleicht nicht alles, aber doch sehr, sehr viel.

Also ergibt das alles keinen Sinn?

Doch, natürlich. Man will ja, dass die Liga und die Vereine überleben. Das ist für mich total nachvollziehbar. Und ich finde auch, dass die Deutsche Fußball-Liga da einen fantastischen Job gemacht hat. Das erarbeitete Hygiene-Konzept ist super. Das hat kein anderer Sportverband hinbekommen und übrigens auch keine Wirtschaftsbranche. Jetzt müssen wir schauen, was daraus wird. Ich bin sehr gespannt.

Das Konzept wird ja tatsächlich weltweit von allen möglichen Ligen und Verbänden beachtet. Haben Sie vonseiten der PDC schon gehört, ob es vergleichbare Pläne gibt?

Nein, die Engländer sind da etwas zurück mit den Planungen. Anfang Juni sollen wohl die nächsten Schritte beschlossen werden. Aber aktuell ist es so, dass die PDC noch 95 Prozent ihrer Turniere austragen möchte - mit zwei Veranstaltungen pro Woche. Und das übrigens nicht aus Starrsinn, sondern es geht auch darum, den hart erarbeiteten Status mit mittlerweile sehr vielen Profis zu erhalten und den Spielern jenseits der Top 50 der Rangliste mit den ausgeschütteten Preisgeldern die Existenz zu sichern.

Aber in vollen Hallen mit verkleideten und dauerhaft eskalationsbereiten Zuschauern wird das ja nicht gehen. Wo gehts dann hin? In Kneipen? In Sporthallen? Oder bleibt es bei den großen Hallen?

Nein, ich Kneipen gehts ganz sicher nicht. Vermutlich eher in die Sporthallen wie bei der Pro Tour. Aber noch ist ja nicht entschieden, ob und wann es weitergehen kann.

Wie reizvoll wäre es eigentlich für Sie, ein Darts-Geisterturnier zu kommentieren?

Während der Home-Tour habe ich für mich festgestellt, dass es bei solchen Duellen auf jeden Fall jemanden braucht, der diese Spiele kommentiert. Sonst ist da gar keine Atmosphäre. Als Kommentator kannst du versuchen, ein wenig Atmosphäre zu schaffen.

Die Spieler werden das für sich selbst übernehmen müssen. Können Sie sich vorstellen, dass sich etwa Gerwyn Price so extrovertiert und provokant verhält, wie er das in den großen Hallen und gegen die Pfiffe der Zuschauer so oft tut?

Dieses Verhalten ist nicht nur Show. Es dient ja auch dazu, dem Gegner die eigene Stärke zu demonstrieren. Das gilt übrigens nicht nur für Price. Er braucht das allerdings ganz besonders, um seine Wettkampf-Aggressivität zu bekommen, um seinen Rhythmus zu finden. Deswegen glaube ich: Ja, er wird sich so pushen. Auch wenn es eventuell etwas komisch wirken wird.

Auch wenn es noch eine Weile hin ist, aber wagen wir noch einen Ausblick auf die WM im Dezember …

Ganz schwierig, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die WM vor 3500 Zuschauern im Ally Pally ausgetragen wird. Es wird anders. Wie anders, das weiß ich nicht. Aber ich bin mir zumindest sicher, dass die PDC sich die Austragung im Ally Pally nicht nehmen lassen möchte. Da haben sie sich einfach eine Kultstätte geschaffen.

Mit Elmar Paulke sprach Tobias Nordmann

Quelle: ntv.de