Sport

Drei Jahre nach Klinsmann-Aus US-Fußballer kicken gegen die Krise an

imago40752916h.jpg

Gregg Berhalter übernahm das US-Team am Tiefpunkt. Der Gold Cup muss zeigen, ob das Team seit dem enttäuschenden Aus in der WM-Quali Fortschritte gamcht hat.

(Foto: imago images / Icon SMI)

Mit den USA steigt der Titelverteidiger in den Gold Cup ein. Doch bei der Kontinental-Meisterschaft von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik weiß niemand, wie gut das Team eigentlich ist. Vielmehr lautet die Frage: "Quo vadis, US Soccer?"

Gregg Berhalter müsste eigentlich ein glücklicher Mensch sein. Am 2. Dezember ist der 45-Jährige US-Nationaltrainer geworden. Seitdem hat der ehemalige Profi von Energie Cottbus und 1860 München auf den Start des Gold Cups hingearbeitet. Auf jenen Tag des ersten Gruppenspiels der Amerikaner beim Gold Cup.

Der Auftaktgegner bei der Kontinentalmeisterschaft des Concacaf-Verbandes ist heute Nacht Neuling Guyana (4 Uhr Mitteleuropäische Zeit). Klingt einfach. Und wird es wohl auch werden. Denn das Team aus der rund 750.000-Einwohner-Nation wird in der Fifa-Weltrangliste auf Platz 177 geführt - 147 Positionen hinter den USA.

*Datenschutz

Doch Berhalter wirkt trotzdem nicht wie jemand, der den Anpfiff in Saint Paul/Minnesota kaum erwarten kann. Der voller Überzeugung seine Wunschelf auf’s Spielfeld schickt. Und dessen Aura verrät: der Turniersieg geht nur über uns. Denn Berhalter musste in den vergangenen Tagen viel zu viele Fragen beantworten. Fragen, die niemand erwartet hatte - die nach den beiden Niederlagen gegen Jamaika am 5. Juni (0:1) und vier Tage später gegen Venezuela (0:3) jedoch mehr als berechtigt sind. Fragen wie: Quo vadis, US Soccer?

Berhalter bittet um Geduld

Wie gut die US-Fußball-Nationalmannschaft im Frühjahr 2019 ist, darauf soll es in den kommenden Tagen und Wochen Antworten geben. Es kann jedoch gut sein, dass Fans, Fachpresse und auch den Verantwortlichen diese Antworten nicht gefallen werden. Dass sie erschreckend sind. Ernüchternd. Enttäuschend. "Wir müssen ruhig bleiben", sagte Berhalter mit bittendem Blick nach dem 0:3-Debakel gegen Venezuela in der Gold-Cup-Generalprobe, als seine Spieler mit lauten Buh-Rufen der Fans in die Halbzeitpause begleitet wurden.

Die Medien reagierten jedoch alles andere als besonnen. Es war von "Alarmzeichen" (ESPN) die Rede, von einer "erbärmlichen Niederlage", die die "entmutigende Realität des US-Programms" aufzeige. (Yahoo Sports). Und in einigen sozialen Netzwerken wurde gar der Ruf nach Jürgen Klinsmann laut. Der Schwabe war bekanntlich im November 2016 als US-Coach entlassen worden.

Erste wichtige Spiele seit verpasster WM

Seit Klinsmanns letzten Tagen hat sich in der Nationalmannschaft nicht viel verändert. Spötter könnten sogar behaupten, es sei noch weiter nach unten gegangen. Am 17. Oktober 2017 verpassten die USA im letzten Qualifikationsspiel die WM 2018. Bei Gruppen-Schlusslicht Trinidad & Tobago hätte schon ein Punkt zur Reise nach Russland gereicht. Doch diese Aufgabe war zu schwer - die Amerikaner verloren 1:2.

Es folgte ein Aufschrei und eine endlos erscheinende Trainersuche. Nun, knapp 20 Monate nach dem traurigen Tag Mitte Oktober auf Trinidad & Tobago, spielen die US-Amerikaner erstmals keine Testspiele mehr, sondern endlich wieder wichtige Partien. Es geht um Punkte, ums Prestige und darum, die Basis für das Fernziel zu legen. "Wir versuchen, uns Richtung WM 2022 zu bewegen", sagt Berhalter. Dementsprechend jung ist sein Kader. Von den 23 Spielern sind 13 erstmals bei der Kontinentalmeisterschaft dabei - und ein Dutzend von ihnen hat weniger als zehn Länderspiele.

Schalker McKennie einziger Bundesliga-Profi

imago40724149h.jpg

Schalkes Weston McKennie ist der einzige Bundesligaprofi im US-Kader für den Gold Cup.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

"Wir wollen Fortschritte machen. Dazu gehört natürlich auch, Spiele zu gewinnen. Aber, wir wollen auch unseren Spielstil entwickeln", betont Weston McKennie. Der 20-Jährige von Schalke 04 ist nach den verletzungsbedingten Absagen von Tyler Adams (RB Leipzig) und John Brooks (VfL Wolfsburg) der einzige Bundesliga-Profi im US-Team. McKennie soll zusammen mit dem Ex-Dortmunder Christian Pulisic die beiden Positionen im offensiven Mittelfeld besetzen. Allerdings haben beide erst 62 Minuten zusammen in der Nationalmannschaft gespielt.

Guyana dürfte da ein willkommener Auftaktgegner sein - und den USA die Chance bieten, ein wenig Momentum und Selbstvertrauen aufzubauen. Und auch die anderen Vorrunden-Kontrahenten Trinidad & Tobago sowie Panama sollten - vor allem daheim - zu besiegen sein. Doch wie würde es später in der K.o.-Runde in Duellen mit Costa Rica, Jamaica und vor allem Mexiko aussehen? Natürlich hat Berhalter darauf noch keine Antworten. Aber es hat den Anschein, als wolle er ein mögliches Turnieraus im Viertel- oder Halbfinale schon mal rechtfertigen, indem er gegenüber der "Sports Illustrated" sagte, dass es ihm wichtiger sei, wie sein Team das Turnier beende und nicht wann.

Berhalter weiß, dass er Zeit braucht. Und er weiß auch, dass er diese Zeit wohl bekommt wird. Doch ihm dürfte in seinen ersten sechs Monaten im Amt auch klar geworden sein, dass der Kader, aus dem er seine Besten rekrutiert, nur wenig Qualität hat. Oder um es mit den Worten von "Yahoo Sports" zu sagen: "Der Spielerpool ist so dünn und schwach, wie noch nie im 21. Jahrhundert."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema