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Absurd cooles WM-Märchen Was zur Hölle macht dieses DEB-Team da?

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Das pure Glück.

(Foto: AP)

Wieder ein wichtiger Sieg gegen den großen Rivalen Schweiz. Das deutsche Eishockey-Nationalteam zieht mit unbändigem Willen und nach einem großen Drama bei der Weltmeisterschaft in Lettland ins Halbfinale ein und spielt am Samstag um den Einzug ins Endspiel.

Die Frage muss gestattet sein. Nein, sie muss sogar gestellt werden: Was zur Hölle hat Marcel Noebels eigentlich geritten, den entscheidenden Penalty im WM-Viertelfinale der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft gegen die Schweiz auf eine solch absurd coole Art zu veredeln, wie er es am späten Sonntagnachmittag getan hat? War es ein Anflug von Größenwahn, es so zu tun wie einst der legendäre Peter Forsberg, einer der besten Spieler, die jemals die Schlittschuhe geschnürt haben? War es überhaupt ein Anflug von irgendwas? Ja, das war es. Ohne die Karriere des 29-Jährigen im Detail zu kennen: Vermutlich war es die beste (Eishockey)-Idee, die er je hatte.

Was Noebels da gegen 17:42 Uhr gemacht hatte, das war die sensationellste Pointe in einem sensationellen Spiel. In einem Spiel voller Wendungen, voller Emotionen, voller kleiner (deutscher) Wunder. Noebels nahm Anlauf für seinen Penalty, wackelte Goalie Leonardo Genoni mit schnellen Finten aus und legte den Puck dann mit langem Arm und noch längerem Schläger einhändig rechts am Schweizer vorbei. Mit einer, tja was sagt man da? Ar...kälte eventuell? Ist kein schönes Wort, aber vermutlich das passendste. Also noch mal ganz kurz auf Start: Was zur Hölle hat Noebels da geritten? "Ihr könnt mir glauben, mein Herz ist einiges tiefer gerutscht. Ich habe einfach den Kopf ausgeschaltet", sagte er nur wenige Minuten nach seinem Sensationstor bei Sport1.

Ein "Ich-mach-einfach-mal"-Moment war der Penalty allerdings nicht. Er war vielmehr eine sorgfältig gewählte Entscheidung. Ich hatte viele Sachen im Kopf und bin froh, dass ich diese Variante gemacht habe. Als ich aufs Eis bin, wusste ich, dass ich es mache und habe den Kopf ausgeschaltet", sagte Noebels. Er sagte das so entspannt, wie es sich liest. Wahnsinn. "Ich dachte, dass er (Anmerk. d. Red.: Genoni) das heute noch nicht gesehen hat. In der Liga hat das auch schon geklappt." Dass ausgerechnet Noebels, dessen Einsatz nach einer Verletzung aus dem Spiel gegen Lettland bis kurz vor dem Spiel völlig ungewiss war, Deutschland zur Medaillenchance, die letzte gab es vor 68 Jahren (!), schoss, das ist auch wieder so eine Heldengeschichte, die die DEB-Cracks da gerade in der lettischen Hauptstadt schreiben. Nach beispielsweise Mathias Niederberger, der mittlerweile als "Krake von Riga" verehrt wird und Deutschland gegen die Schweiz gleich mehrfach vor dem Knock-out rettete.

Die "Krake" rettet zweimal spektakulär

Zwei Szenen bleiben besonders in Erinnerung. In der spektakulären Overtime, beim Drei gegen Drei. Gut eine Minute war erst gespielt, da rettete der Goalie mit einer Wahnsinnstat gegen Grégory Hofmann. Noch besser: Wie er seinen Schoner in den Penalty von Andres Ambühl grätschte. Dass unmittelbar vor Noebels erneut Hofmann gescheitert war (müßig zu sagen, dass Niederberger wieder im Weg stand) ist die bittere Geschichte der Schweizer. Denn der 28-Jährige gehörte nicht nur im Viertelfinale zu den besten Spielern, sondern war überhaupt einer der auffälligsten Eidgenossen in Riga. Und von denen gab es ja nicht wenige. Beeindruckend hatte sich das Team durch die Vorrunde gespielt - mit Ausnahme der bizarren 0:7-Klatsche gegen die Schweden.

Wie gut die Mannschaft Eishockey spielen kann, das zeigte sie phasenweise auch gegen Deutschland. Zwischen der 10. und 35. Minute war die Schweiz klar besser. Klar in den Aktionen zum Tor, die Führung durch Ramón Untersander war einer der am schönsten herausgespielten Treffer des Turniers. Klar in den Aktionen gegen das deutsche Team. Die Spieler von Bundestrainer Toni Söderholm wurden massiv an die Bande gepresst. Schüsse, in dieser Phase kaum bis nicht möglich. Wann das Spiel genau kippte? Natürlich mit dem wütend erzwungenden Anschlusstreffer von Tom Kühnhackl, der nur vier Minuten nach dem 0:2 durch Fabrice Herzog (34.) traf. Einen gewaltigen Booster für diese nächste Energieleistung hatte sich Deutschland aber schon zuvor geholt. Mitte des Drittels überstand das DEB-Team eine 3:5-Unterzahl. Der Anlauf für das dramatische Finish.

Das letzte Drittel, es war das wohl beste der Nationalmannschaft bei diesem Turnier. Angeführt vom zweifachen Stanley-Cup-Champion Tom Kühnhackl und NHL-Spieler Tobias Rieder nahm Deutschland Genoni heftigst unter Beschuss. Die Schweizer wirkten seltsam platt, seltsam lethargisch. Doch es dauerte tatsächlich bis 44 Sekunden vor Schluss, ehe Leon Gawanke die Scheibe mit Wut durch das Gewusel vor Genoni ins Tor hämmerte. Für die Eidgenossen ein fast schon tragisches Déjà-vu. Vor zwei Jahren kassierten sie ebenfalls im Viertelfinale einen späten Ausgleich. Doch im Vergleich dazu wirken die 44 Sekunden nun fast großzügig. Damals fehlten nur 0,4 Sekunden (!) zur Sensation gegen Kanada. Das Spiel ging in der Overtime verloren.

"Das ist der Grund, warum ich Trainer bin"

Kühnhackl, Gawanke, Noebels, Niederberger - vier Protagonisten, vier Heldengeschichten. Aber natürlich nicht die einzigen. Wie Korbinian Holzer die deutsche Abwehr organisierte, wie er den Schweizern den Puck vom Schläger nahm, wie er seine Gegenspieler in die Bande panierte, das war erneut Weltklasse. Und was Rieder auf dem Eis unterwegs war, mit seiner Schnelligkeit, mit seiner Galligkeit, ebenfalls beeindruckend. Selbst für den Bundestrainer, dessen finnisches Temperament, nun ja, eher selten eskaliert. Nach dem Drama aber packte auch Söderholm die Leidenschaft (die finnische): "Es ist ein Privileg, wenn man miterleben darf, wie eine Mannschaft so zusammenkommt. Das ist der Grund, warum ich als Trainer angefangen habe. Dass man einen Teil beitragen kann, dass sie alles opfern, dass sie als Sieger aus einem Spiel rauskommen, das freut mich. Ich bin stolz auf die Spieler, richtig stolz."

Aber die Mission ist noch nicht beendet. Für Söderholm sowieso nicht. Der hatte vor dem Turnier auf die Frage, was er sich wünscht, finnisch klar geantwortet: Gold. Am Samstag kämpft das Team nun gegen Titelverteidiger Finnland, gegen den es in der Vorrunde knapp 1:2 verlor, um den Einzug ins Endspiel. Skurriles Detail: Die vier Halbfinalisten sind die vier Erstplatzierten der deutschen Gruppe. Die größte Überraschung dabei: Die in diesem Turnier lange eher schwachen Kanadier schossen Russland aus dem Goldtraum, mit einem spektakulären Angriff in der Overtime. Aber zurück zu Deutschland. Das Team will den Olympia-Coup von 2018 bei der WM unbedingt wiederholen. "Es ist wie damals", sagt NHL-Stürmer Dominik Kahun, einer von sechs Silbermedaillengewinnern im Team, "wir sind wieder eine Gruppe außergewöhnlicher Spieler." In Pyeongchang übrigens auch dabei: Marcel Noebels.

Quelle: ntv.de

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