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Der erste Schwarze in der NHL Willie O'Ree, der andere Mann auf dem Mond

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"Ich dachte nur, wo ich herkomme, ist es viel zu kalt für Baumwollfelder": Willie Eldon O'Ree.

imago/ZUMA Press

Für die ganz große Eishockey-Karriere reicht es bei Willie O'Ree nicht. Doch obwohl es der Kanadier nur auf 45 Spiele in der NHL bringt, ist er ein ganz wichtiger Spieler für die nordamerikanische Profiliga. Im "weißen Sport" ist er vor mehr als 60 Jahren der erste Schwarze.

Obwohl sein großer Tag bereits 61 Jahre her ist, kann sich Willie O'Ree noch sehr genau an alles erinnern. Es war ein Sonnabend, dieser 18. Januar 1958. Und es war ein ganz besonderer Tag. Für ihn. Für seinen Verein, die Boston Bruins. Und für die gesamte nordamerikanische Eishockey-Profiliga. Denn es war der Tag, an dem Willie Eldon O'Ree als erster Schwarzer auf dem NHL-Eis stand. Doch das ist ihm selbst gar nicht bewusst, als er das Eis im berühmten Forum in Montreal betritt. Der 22-Jährige ist fokussiert, denn er weiß, dass das Spiel für beide Vereine etwas Besonderes ist.

Die Boston Bruins und die Montreal Canadiens sind Erzrivalen und O’Ree ist schlichtweg "dankbar, eine Chance zu bekommen". Dass der linke Flügelstürmer beim 3:0-Sieg der Bruins Geschichte schreibt, erfährt er nach eigener Aussage erst einen Tag später aus der Zeitung. "Negro Star in lineup" ("Schwarzer Star in der Aufstellung"), steht am 19. Januar 1958 im "Boston Globe". Bruins-Manager Lynn Patrick wird mit den Worten zitiert, "der neue, junge Kerl auf dem linken Flügel war schnell, aber er muss noch viel lernen".

Eishockey ist der "weiße Sport"

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Für die Zuschauer war er 1958 einfach einer, der ihrer Meinung nach auf keinen Fall aufs Eis gehört.

(Foto: imago/Icon SMI)

In den anderen drei nordamerikanischen Profiligen im Football, Baseball und Basketball hatten Schwarze schon längst debütiert. Hier hießen die Pioniere Fritz Pollard und Bobby Marshall (beide NFL/1920), Jackie Robinson (MLB/1947) Earl Lloyd (NBA/1950). Die NHL hingegen ist nicht so progressiv. Denn Eishockey ist in den 50er und 60er Jahren ein "weißer Sport". 95 Prozent aller NHL-Spieler kommen in dieser Zeit aus Kanada, wo der Anteil der Farbigen in der Bevölkerung wiederum nur 0,02 Prozent beträgt.

Dennoch setzt sich Willie O’Ree mit 14 Jahren daheim in Fredericton in der Provinz New Brunswick zwei Ziele: Er will Eishockey-Profi werden und er will in der NHL spielen. Alles, was er benötigt, ist eine Chance. Eine Chance, die es für Menschen mit seiner Hautfarbe nicht gibt. Nicht bis zum 18. Januar 1958. Und wie Pollard, Marschall, Robinson und Lloyd wird auch O’Ree mit Rassismus konfrontiert - vor allem von den Rängen. Er wird unter anderem als "Nigger" beschimpft. Dass er Kanadier ist, wissen viele Zuschauer nicht. Es interessiert sie auch nicht. Für sie ist er einfach einer, der ihrer Meinung nach auf keinen Fall aufs Eis gehört. "Geh zurück auf die Baumwollfelder", schreien sie O’Ree entgegen. Doch der nimmt es mit Humor. "Ich dachte nur, wo ich herkomme, ist es viel zu kalt für Baumwollfelder."

Auch ohne große Karriere ein Großer

Seine Karriere in der NHL dauerte nur 45 Spiele. O’Ree schoss vier Tore und bereitete zehn Treffer vor. Doch auch ohne Titel und ohne entscheidendes Tor wird sein Name für immer ein besonderer in der Liga-Geschichte bleiben. Willie O’Ree hat gezeigt, dass die Hautfarbe keine Rolle spielt. Dass in der besten Eishockeyliga der Welt sehr wohl Platz für Schwarze ist. Und das sie nur eine Gelegenheit bekommen müssen, um ihr Können zu zeigen.

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"Er hatte niemandem, mit dem er darüber sprechen konnte, wie hart der Weg ist. Er war der Astronaut und die NHL der Mond."

(Foto: imago/ZUMA Press)

"Willie war der Erste. Er hatte niemandem, mit dem er darüber sprechen konnte, wie hart der Weg ist. Er war der Astronaut und die NHL der Mond", sagt Wayne Simmonds, der seit 2008 in der NHL spielt. Nach O'Rees letztem NHL-Auftritt 1961 dauerte es bis 1974, ehe mit Mike Marson bei den Washington Capitals wieder ein Schwarzer in der NHL auftauchte. Bis 1991 spielten insgesamt nur 18 in der Liga.

1984 gewann Torhüter Grant Fuhr von den Edmonton Oilers als erster von ihnen den Stanley-Cup. 1998 stellten die Chicago Blackhawks mit Dirk Graham den ersten farbigen Trainer ein - und vier Jahre später wurde Jerome Iginla von den Calgary Flames zum "wertvollsten Spieler" (MVP) gewählt. Heute ist Verteidiger P.K. Subban von der Nashville Predators einer der Stars der Liga. Und dennoch ist die Anzahl an schwarzen Spielern im Vergleich zu den anderen drei Profiligen immer noch äußerst gering.

Viel erreicht und noch viel zu tun

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"Wir haben einen erheblichen Schritt nach vorne gemacht."

(Foto: imago/ZUMA Press)

In der NBA gibt es fast 80 Prozent Schwarze, in der NFL sind es zwei Drittel. In der NHL indes ist die Prozentzahl im unteren einstelligen Bereich. Das liegt unter anderem an den Kosten für Equipment, Eiszeit und den langen Fahrten zu den Hallen. Um für mehr Diversität zu sorgen, ist Willie O'Ree seit mehr als 20 Jahren im Auftrag der NHL unterwegs. Er leitet unter anderem Eishockey-Programme in Gegenden der USA und Kanada mit übermäßig schwarzer Bevölkerung.

"Wir haben in den vergangenen 20 Jahren einen erheblichen Schritt nach vorne gemacht", betonte O'Ree als er am 13. November in die Eishockey-Ruhmeshalle, die "Hall of Fame", aufgenommen wurde. Zugleich machte er jedoch deutlich, dass man "noch lange nicht am Ziel" sei. Es gebe noch so viele Hindernisse zu überwinden, sagte O’Ree. Dann schaute er ins Publikum und beendete seine Dankesrede mit den Worten: "Wenn ihr zurück in eure Städte und Gemeinden kommt, schaut euch um, findet ein Kind, das Eishockey spielen will und macht es ihm möglich. Ihr wisst nie, vielleicht ist es dieses Kind, das Geschichte schreiben wird."

Quelle: n-tv.de