Am Rand der Siegerehrung wusste er nicht, wohin mit sich. Er wollte auf dem Bild bleiben, doch in weißen Sneakern kam sein Freund Gianni angerauscht und bedeutete ihm: Das ist nicht dein Moment! Diese fast schon als aktiven Widerstand gegen US-Präsident Donald Trump zu bezeichnende Aktion des FIFA-Präsidenten Gianni Infantino bildete nach dem 1:0 der Spanier gegen Argentinien den Abschluss von 39 langen WM-Tagen. Sie war sinnbildlich für ein Turnier, das niemand so richtig greifen konnte. Am Rande lauerte das Weltgeschehen, in der Mitte feierten die Menschen. Immer wieder brachte der Lauf der Dinge beides zusammen.
Dabei blieb die Politik für große Teile des Turniers unsichtbar und war doch immer präsent. Der große Trump-Aufschlag rund um die zurückgenommene Rote Karte des US-Angreifers Folarin Balogun war die sichtbare Spitze eines abtauchenden Eisbergs. Die Willkür der FIFA-Entscheidungen manifestierte sich ebenfalls in der Nichtbeachtung der politischen Falkland-Botschaften der Argentinier nach dem Sieg gegen England. Sie zeigte sich ebenfalls in den Aufforderungen an Haiti, das Trikotdesign von einem umstrittenen Kriegsmotiv zu befreien. Die Posse um die verbotene Einreise des somalischen Schiedsrichters Omar Artan und die Verbannung des iranischen Nationalteams nach Mexiko hatten im Vorfeld große Bedenken ausgelöst, danach nahm die US-Regierung eine Beobachterposition ein. Das reichte. Wenn sie intervenieren wollten, machten sie das eben. Die FIFA war hörig. Die Kritiker kritisierten, und nichts passierte. Politik und Fußball verbrüderten sich bei diesem Turnier zu einer unheilvollen Allianz.

Görner: "Da hat Infantino recht behalten"
Die Weltausstellung der Fans
Den sich den Lebenstraum vom Besuch einer WM erfüllenden Anhängern war das schnuppe. Sie boten eine Show abseits der Spiele. Sie brachten die WM in die Städte und zündeten das Turnier mit ihrer Leidenschaft an. So erfreute sich die Welt an jenen Dingen, die eine WM schon immer besonders gemacht haben: Die Welt freute sich über einen Ort, an dem sie abseits der großen Probleme dieser Zeit zusammenkommen und sich präsentieren konnte. Fußball vereint die Welt, wiederholte FIFA-Alleinherrscher Infantino die einfache Wahrheit in seinem Stream of Unconsiouscness, seinem irritierenden, wohl kuratierten Bewusstseinsstrom auf Social Media.
Die FIFA und die USA badeten in den Bildern der glücklichen Anhänger aus jenen Ländern, die von den Einreisestopps ausgenommen waren. Auf den reaktionären TV-Kanälen wie FOX wurde diese Zurschaustellung der eigenen Kultur, der Norweger, der Brasilianer, der Schotten und all der anderen Fans, zu Propagandazwecken ausgeschlachtet. Das Turnier wurde dort zu einer besonders gelungenen Weltausstellung. Nur in den Vereinigten Staaten, dem Land der unendlichen Freiheit, sei solch ein Glück, solch ein Frieden überhaupt möglich, repetierten die Republikaner aus ihren Schnellfeuermündern. Sie kommunizierten mit ihrer eigenen Anhängerschaft und irritierten den Rest.
Das Grundrauschen eine Sommers
Sportlich zeichnete sich die WM besonders in der K.o.-Phase durch kontroverse Schiedsrichterentscheidungen aus. Viele Spiele waren von einer überraschend konsequenzlosen Brutalität gekennzeichnet. Die Schiedsrichter agierten passiv, trafen kaum Entscheidungen, beschützten oftmals die großen Nationen und interpretierten Regeln häufig ganz anders als in dem führenden Klubwettbewerb, der UEFA Champions League. Leidtragend war unter anderem das deutsche Team, das den vermeintlichen Siegtreffer gegen Paraguay durch Jonathan Tah einkassiert sah.
Das war vor ewigen Zeiten. Die Nationen flogen von Zeitzone zu Zeitzone und von Klimazone zu Klimazone. Heute hier, morgen da. Die WM zog sich nicht nur durch die als Trinkpausen verschleierten Viertelpausen zu Werbezwecken in die Länge. Von den 104 Spielen werden nur wenige in Erinnerung bleiben. Durch die schiere Anzahl an Partien liefen diese als Grundrauschen dieses Sommers 2026 im Hintergrund, ohne in der Masse die Bedeutung früherer Turniere zu erreichen.
48 Länder produzierten unendliche Geschichten, von denen nur ganz wenige überdauern werden. Für jedes Kap Verde mit dem Wundertorhüter Vozinha gibt es ein Jordanien und ein Usbekistan, deren Teilnahme nicht mehr als eine Randnotiz blieb. Es fiel viel leichter, den Überblick zu verlieren, als den Überblick zu behalten. Der Grad der Beliebigkeit steigt mit zunehmender Teilnehmerzahl. Es bleiben Häppchen, schnell konsumiert und ebenso bald vergessen wie eine Folge einer austauschbaren Serienstaffel auf einem dieser neuen Streamer. Alles sehr nett anzuschauen, alles in dem Moment auch anregend, doch selten nur ein Spiel, was sich für immer einbrennen wird. Schon gar nicht in das kollektive Gedächtnis der Welt. Hier scheitert Infantinos Versuch, über den Fußball die Welt zu vereinen. Die Erinnerungen werden noch konsequenter in die Nischen des Nationalen abgeschoben.
Das unbezahlbare Ereignis
Beim Verlassen des Turms der Romantiker bietet sich der Blick in das Tal der Rekorde aller Art. Mehr Spiele, mehr Teilnehmer, mehr Zuschauer führen zwangsläufig zu immer neuen historischen Bestmarken. Bei dieser WM waren sie so präsent wie die plötzlichen sintflutartigen Regenfälle an den Standorten im Süden der USA und in Mexiko. Wenn immer jemand spielt, bricht immer jemand einen Rekord. Auch der für das teuerste WM-Spiel aller bisherigen Zeiten wurde durch die dynamische Preisgestaltung mehrfach gebrochen.
Noch mehr als zu früheren Zeiten wird der Fußball im Stadion zu einem unbezahlbaren Ereignis für zahlreiche Bevölkerungsgruppen. Der Weg der FIFA ist dabei klar. Es ist der Weg einer maßlosen Hyperexpansion. Ein Großteil der Welt trägt diesen mit, auch weil die immer neuen Erlösrekorde zum "Wohle des Fußballs" in Teilen an die nationalen Verbände fließen.
Aus deutscher Sicht war dieses Turnier erneut vorbei, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Das Aus im Sechzehntelfinale eröffnete die Zeit für eine neue Erzählung rund um den zukünftigen Bundestrainer Jürgen Klopp, der sich als Magenta-Experte mit launigen Kommentaren und Handshakes mit allen Stars im Hintergrund als Nachfolger Julian Nagelsmanns positionierte. Der ehemalige "Normal One" soll den DFB zurück in die Weltspitze führen. Eine Mammutaufgabe.
Ein Gefühl permanenter Überforderung
Beinahe ganz oben angekommen wäre ein anderer Deutscher. Thomas Tuchel löste mit den Three Lions bis zur 85. Minute des Halbfinals gegen Argentinien große Euphorie in England aus. Doch in sieben fatalen Minuten entglitt dem Weltmeister von 1966 alles. Aus einem 1:0 wurde ein 1:2. Aus einem sicheren Job eine beinahe sichere Entlassung. Mit Inbrunst rechneten Experten und Medien sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Deutschland mit Tuchel ab. Der stand den ersten Sturm durch und biss sich mit dem spektakulären 6:4 (4:0) im Finale um Bronze gegen Frankreich zurück.
Das Finale um Bronze ist einer der neuen von der FIFA in Umlauf gebrachten Begriffe. Das Vokabular des Fußballs hat seit diesem Turnier etliche Standards mehr. Die Hydration Breaks und das Momentum, das bei diesem Turnier die Expected Goals in den Hintergrund rückte, gehören zu den auffälligsten neuen Vokabeln eines Turniers, das in den USA nicht als Fußball-Weltmeisterschaft, sondern als The FIFA wahrgenommen wurde. Die Markenbildung ist dem Weltverband gelungen, die Rückkehr von The FIFA in das Land der NBA, der NHL, der NFL und der MLB dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Dann nur ohne die alternden Superstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, die nach 20 Jahren Weltmeisterschaft tränenreich ihre Bühne verließen.
Das Turnier der Widersprüche, die WM 2026 mit ihrem Sieger Spanien, wird sich sportlich rückblickend im unteren Drittel einreihen. Auch hier schließt sich der Kreis bei dem unwürdigen Finale, das von einer überbordenden, kaum kontrollierten Brutalität Argentiniens gekennzeichnet war. Als es vorbei war, überwog die Erleichterung. Am Ende hatte zumindest nicht die falsche Mannschaft gewonnen. Der Fußball jedoch auch nicht. Der musste bei diesem Turnier viele Federn lassen. Die FIFA beraubt ihn der Einzigartigkeit und macht dabei große Geschäfte. Für den Beobachter stellt sich ein Gefühl der permanenten Überforderung ein. Nichts ist mehr zu kontrollieren. Der Fußball ist da und doch nicht mehr greifbar.



