Fußball

Überraschendes Urteil von Kahn Kader des FC Bayern wird zum Stressthema

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Die Bayern-Macher.

(Foto: picture alliance / FC Bayern Muenchen/Marco Donato/)

Der FC Bayern stolpert gewaltig in die neue Saison. Vier Spiele hat die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann in der Vorbereitung bestritten, kein einziges gewonnen. Nun entbrennt eine Diskussion darüber, ob die Qualität im Kader für die Top-Ziele wirklich ausreicht.

Panik ist (noch immer) nicht angebracht. Zwar hat der FC Bayern auch am Samstag wieder nicht gewonnen, auch im vierten Vorbereitungsspiel auf die neue Saison nicht. Aber noch ist halt nichts passiert, was eine Panikreaktion rechtfertigt (weil eben "nur Vorbereitung".) Nun kann man darüber diskutieren, was eine Panikreaktion ist oder wäre. Zum Beispiel ein Neuzugang. Der würde der Mannschaft sehr helfen. Sagen die einen. Die anderen sagen: Nein, das muss nicht sein. Zur Seite der anderen gehört Klub-Boss Oliver Kahn. Der erklärte am Samstag bei RTL, noch bevor seine Münchner gegen Neapel (0:3) verloren hatten, dass der Kader "exzellent" besetzt sei. Und das in allen Mannschaftsteilen. Tauglich also für die großen Ziele: Meisterschaft und mindestens Top vier in Europa.

Kahn sagte am Samstag auch, dass man mit diesem Kader in den vergangenen zwei Spielzeiten "immerhin sieben Titel" gewonnen habe. Die Sache mit den Titeln stimmt natürlich. Was dagegen nicht ganz richtig ist: Der Kader sah in den furiosen Titeljahren unter Coach Hansi Flick ein wenig anders aus. Bereits in der vergangenen Saison fehlte Thiago, der spanische Spielmacher. Er fehlte nicht nur, weil er nicht mehr da war, sondern beim FC Liverpool. Er fehlte auch, weil er dem bisweilen müden und ausgepowerten Starensemble mit seinem Gefühl für den Takt wichtige Auszeiten hätte geben können.

Und in dieser Saison fehlen dann auch David Alaba, der seinen ewigen Platz in München auf fatale, auf gierige Weise (so sagt Klub-Patriarch Uli Hoeneß) am Pokertisch verzockt hatte, und Jérôme Boateng, den in München niemand mehr haben wollte, außer Hansi Flick. Der aber hatte nicht mehr viel zu sagen (wenn er das je hatte), schließlich hat auch er den Verein verlassen. Zermürbt von den ewigen Kader-Streitigkeiten mit Sportvorstand Hasan Salihamidžić. Zur vollständigen Wahrheit gehört dann noch: Auch Javi Martinez ist weg. Der körperlich völlig ausgelaugte Baske hatte zuletzt zwar nur noch wenige Höhepunkte, war aber für einen Titel maßgeblich: Ein Kopfball von ihm machte den europäischen Supercup klar.

Bayern hat auch aufgerüstet, aber ...

Nun ist es natürlich nicht so, dass die Münchner sehenden Auges ihren Kader abgewrackt hätten. Mit Leroy Sané haben sie sich im vergangenen Sommer ihr heftig umworbenes Luxus-Geschenk gegönnt. Und zu dieser Saison kam mit Dayot Upamecano ein neuer, teurer Abwehrchef von RB Leipzig. Auch der Franzose gehörte schon was länger zu den Wunschkandidaten der Münchner Bosse. Bei Sané ist die Lage so: Er hat ordentlich gespielt. Angesichts der wuchtigen Investition in sein Können ist ordentlich aber nicht das, was man erwartet hat. Sprich: Da muss noch etwas mehr kommen. Über Upamecano lässt sich dagegen noch nicht viel sagen. Bislang war für ihn ja Vorbereitung. Die nicht so schöne.

Neben den Königstransfers hat Salihamidžić auch reichlich schmückendes Beiwerk herangeschafft. Ein paar Versprechen sind dabei. Abwehr-Talent Tanguy Nianzou (19) etwa, der in der vergangenen Saison fast immer verletzt war und nun ein Gewinner des ruckeligen Saisonstars ist. Oder aber Omar Richards (23), der aus der zweiten englischen Liga kam und die Bosse bislang ebenfalls begeistert. Er kann auf links sowohl defensiv als auch offensiv spielen. Wie Alphonso Davies. Andere Spieler wie etwa Marc Roca oder aber Bouna Sarr müssen derweil noch eine erstaunliche Steigerung hinlegen, um in der Transfers-Bilanz des Sportvorstands doch noch auf die Seite "guter Deal" zu wechseln. Bislang stehen sie eher auf der Seite "Missverständnis".

Nein, der Kader der Münchner ist nicht schlecht. Natürlich ist er das nicht. Er ist gut, sogar sehr gut. Aber exzellent? Das wäre er womöglich dann, wenn alle Pläne mit den Spielern aufgehen. Wenn alle Leistungsträger auf Top-Niveau spielen (was bei Stürmer Robert Lewandowski phänomenal wäre), wenn es keine großen Formkrisen gibt (Niklas Süle und Benjamin Pavard hatten damit zu kämpfen), wenn es keine (oder nur wenige) Verletzte gebe, wenn arg gebeutelte Spieler wie Lucas Hernández oder aber vor allem Corentin Tolisso (er gilt immer wieder und wohl auch immer noch als Verkaufskandidat) endlich mal konstant trainieren und spielen können. Und, wenn sich mehr Talente als nur Jamal Musiala dauerhaft als starke Option anbieten. Auf dem Weg zur Exzellenz darf also nichts schiefgehen.

Allerdings wächst auch schon die Skepsis, dass die kommende Bundesliga-Saison in die zehnte Meisterparty des FC Bayern nacheinander mündet. Dietmar Hamann, zugegeben streitbarer, aber bisweilen auch fachkundiger Experte bei Sky, setzt etwa auf ein Ende der Münchner Dauer-Titelfeierlichkeiten. "Da muss sich erst viel finden", sagt der frühere Nationalspieler und meint damit die neu sortierte Innenverteidigung ohne das bisherige Stammduo Alaba und Boateng, aber auch Nagelsmann als neuen Trainer mit neuer Spielidee und Oliver Kahn, der als Vorstandsvorsitzender auf Karl-Heinz Rummenigge folgt und einen eigenen Führungsstil erst noch entwickeln müsse.

"Was soll ich den großen Zampano machen?"

Julian Nagelsmann nimmt die wohl holprigste Vorbereitung der Klub-Vergangenheit noch gelassen hin. Nach der verbockten Generalprobe (gegen Neapel) für den Pflichtspielauftakt am kommenden Wochenende, im DFB-Pokal beim Oberligisten Bremer SV, sagte er: "Natürlich fühlt es sich nicht gut an. Was soll ich den großen Zampano machen? Es wird alles gut." Was ihm Hoffnung macht: "Jetzt kommen nochmal drei wertvolle Spieler zurück, und dann haben wir eine gemeinsame Trainingswoche. Das muss reichen." Zurückkehren werden Manuel Neuer, Thomas Müller und Joshua Kimmich. Drei Typen, die für Stabilität und Führung im Kader unverzichtbar sind. Grundsätzlich sei ihm "nicht angst und bange", sagt Nagelsmann. !Ich übernehme eine funktionierende Mannschaft. Die Spieler kennen die Abläufe. Das werden wir schon hinbekommen".

Die Wichtigkeit, die Unverzichtbarkeit der Stars, machte das Duell mit dem italienischen Top-Team mehr als deutlich: Nach den Test-Pleiten gegen den 1. FC Köln (2:3) und Borussia Mönchengladbach (0:2) sowie dem Teilerfolg gegen Ajax Amsterdam (2:2) gaben Lewandowski, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané nach nur drei Trainingseinheiten ihren Einstand. Sie sorgten schon für erkennbar mehr Stabilität und Spielfluss. So traf Neapel erst nach einer umfassenden Rotation im Team des FC Bayern. Es war eine Rotation, die die Nachwuchsspieler auf den Platz wirbelte. Also jene Spieler, auf die Kahn und Salihamidžić hoffen. Denn Durchbrüche von Talenten, das steht dick im Aufgabenheft des Trainers für die nächsten Jahre. Damit sollen mögliche Nachteile im irren Wettbieten auf dem internationalen Transfermarkt ausgeglichen werden. Das Urteil von Nagelsmann dürfte die Bosse nicht freuen: "Sie haben ihre Sache gut gemacht, brauchen aber alle noch Zeit, von ihnen wird in dieser Saison kaum einer in der Bundesliga spielen."

Als Hilferuf nach Verstärkungen wollte es der Trainer aber nicht verstanden wissen. Gute Idee von ihm. Denn laute Hilferufe kommen in München nicht so gut an. Man kennt das noch von Hansi Flick. "Wenn nichts auf dem Markt ist, dann haben wir einen guten Kader", sagte der Bayern-Trainer. Ein Satz, der irgendwie komisch klingt. Aber immerhin nicht nach Panik.

Quelle: ntv.de

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