Fußball

Arm, aber sexy? Bayerns brutaler Kampf um Millionenverträge

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Bayern Sport-Vorstand Hasan Salihamidžić will Bayern "anders sexy" machen.

(Foto: imago images/kolbert-press)

Der FC Bayern München ist im Moment darum bemüht, der Öffentlichkeit mit jeder Silbe zu erklären, dass er auch abseits finanzieller Mittel sexy für Topspieler sein kann. Die Verträge von Schlüsselspielern laufen jedoch aus. Ablösefreie Abgänge drohen. Was ist da los?

"Wir versuchen anders sexy zu sein", sagte Hasan Salihamidžić. Es war die Antwort auf die Frage, wie man auf dem Transfermarkt mit Blick auf die wirtschaftlichen Grenzen agieren würde. Die Pandemie hat auch bei den Bayern eingeschlagen. Von rund 150 Millionen Euro Umsatzeinbußen ist die Rede. Bayerns Antwort also ist "anders sexy sein". Das hat der Sportvorstand nun schon häufiger gesagt. Es werden spannende Zeiten in München. 2022 laufen die Verträge von Leon Goretzka, Niklas Süle und Corentin Tolisso aus, 2023 folgen mit Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Kingsley Coman, Thomas Müller, Robert Lewandowski und Manuel Neuer weitere Schlüsselspieler.

Die komplizierten Verhandlungen mit Goretzka und die Fälle Thiago und David Alaba zeigen: Der FC Bayern ist längst nicht mehr in der Lage, jeden Spieler locker und leicht von sich zu überzeugen. Warum die Gespräche mit Goretzka sich derart in die Länge ziehen, ist unklar. Im April sagte der Mittelfeldspieler, dass die Tendenz klar zum FC Bayern gehe. Mittlerweile macht sich unter anderem Real Madrid Hoffnung, den deutschen Nationalspieler im kommenden Sommer ablösefrei nach Spanien zu locken.

Es scheint also aktuell noch Differenzen zu geben. Die exakten Bezüge der Spieler sind für die Öffentlichkeit in den meisten Fällen ein Rätsel. Für die Spieler ist es natürlich eine andere Situation. Goretzkas Beraterseite weiß genau um den Wert des Spielers einerseits und die Gehaltsstruktur bei den Bayern andererseits. Sie weiß auch genau um die Verträge, die Lucas Hernández und Leroy Sané erhalten haben, als der Klub noch nicht wusste, wie viel Umsatz er in einem Jahr verloren haben würde. Und Kingsley Comans Berater Pini Zahavi weiß genau, was Robert Lewandowski verdient. Er hat den Vertrag ausgehandelt. Das war bereits bei Alaba problematisch.

Die Spieler wissen um ihren Wert

Nachvollziehbar, dass die Spielerseite diesen Wert, der zusätzlich durch mögliche Angebote von außen beeinflusst wird, einfordert. Auf der anderen Seite steht der Klub, der sich ebenso nachvollziehbare Grenzen gesetzt hat. Wirtschaftlich geht es dem FC Bayern immer noch besser als einem Großteil der nationalen und internationalen Konkurrenz. Doch andere Klubs scheinen von der Krise deutlich weniger betroffen zu sein. Ein Blick nach Frankreich, wo Paris Saint-Germain sich einen sündhaft teuren Kader hinstellt, oder ein Blick nach England, wo Manchester United groß investiert und sogar Aston Villa einen Spieler für beinahe 40 Millionen Euro verpflichtet, genügt.

Die Bayern hingegen fahren einen aggressiven Sparkurs. Der neue Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn erklärte bei seiner Vorstellung Anfang Juli, wie der Klub für die Spieler "anders sexy" sein möchte: "Wir als FC Bayern haben ein großartiges Paket anzubieten. Hier können sie eine Ära prägen."

Auch andere Klubs sind sexy

Das Problem: Woanders können sie das auch. Ein großer Teil der Spieler hat erst 2020 mit den Bayern die Champions League gewonnen. National sind die Münchner ihrer Konkurrenz sowieso meilenweit enteilt. Neun Meistertitel in Serie, nur vereinzelte Ausrutscher im Pokal - ist diese Dominanz wirklich "sexy" für jene Topspieler, die immer wieder betonen, sich selbst auf dem höchsten Level herausfordern zu wollen? Alles, was sie jetzt noch mit den Bayern erreichen, ist eine Wiederholung der schon erlebten Erfolge.

In den anderen Top-Ligen gibt es zwar ebenfalls dominante und der Konkurrenz weit enteilte Klubs, aber gerade in England oder Spanien ist der Meisterschaftskampf in der Regel etwas offener. Vor allem langfristig gesehen. Und finanziell? Darüber muss gar nicht erst diskutiert werden. Dass der FC Bayern nicht so wirtschaften will wie der FC Barcelona oder Real Madrid, die ihre Gehaltsstrukturen teilweise torpediert haben, ist vernünftig. Aber mit der Bundesliga im Rücken wird es auf Dauer schwer sein, die besten Spieler von sich zu überzeugen.

Die Bundesliga und der FC Bayern: Eine nicht mehr funktionierende Ehe?

Und das beruht auf Gegenseitigkeit: So wie die Bundesliga für die Bayern ein Problem darstellt, ist andersherum der Rekord- und Serienmeister mit seiner Dominanz kein sonderlich gutes Argument für die Attraktivität der Liga und somit für die Vermarktung. International wird die Qualität der deutschen Liga häufig belächelt, das Interesse für andere Ligen ist größer. Die Bundesliga hat mit ihrer Fankultur, spannenden Duellen um die europäischen Plätze und einem oft packenden Abstiegskampf sicher einiges zu bieten, aber für die internationale Vermarktung ist der Meisterschaftskampf ein wesentlicher Faktor.

In der Saison 2020/2021 nahm die Fußball-Bundesliga mit der Auslandsvermarktung 230 Millionen Euro ein, davon 177 Millionen Euro aus Fernsehrechten und den Rest aus Lizenzverträgen. Die englische Premier League nimmt während der aktuell laufenden Rechteperiode rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr aus der Auslandsvermarktung ein.

Dass man in München aktuell trotz allem noch sehr entspannt und locker ist, deutet darauf hin, dass die Lage momentan noch nicht sehr kritisch ist. Aus dem Umfeld des Klubs ist immer wieder Optimismus zu vernehmen, was die Vertragsgespräche mit den Spielern anbelangt. Zukünftig werden diese aber immer schwerer.

Nicht wirklich arm, aber konservativ

Fakt ist: So arm, wie sich der Klub gibt, ist er nicht. Aus dem Bericht des Geschäftsjahres 2019/20 geht hervor, dass die Bayern am Ende, also im Sommer 2020, 131 Millionen Euro liquide Mittel zur Verfügung hatten. Der operative Cashflow, also die aus der operativen Geschäftstätigkeit heraus generierten liquiden Mittel, betrugen trotz der ersten Monate COVID-19 immerhin 49 Millionen Euro. Hinzu kommt, dass der FC Bayern keine langfristigen finanziellen Verbindlichkeiten bei Kreditinstituten hat.

Auch wenn für das Geschäftsjahr 2020/2021 weitere Einbußen und Rückgänge zu erwarten sind, so steht der Klub immer noch deutlich gesünder und besser da als ein großer Teil der europäischen Konkurrenz - mit Ausnahme jener, die besonders finanzkräftige Investoren im Rücken haben. Ein Ausverkauf droht den Bayern aber wohl eher nicht, weil sie immer noch sehr zahlungsfähig sind.

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Im Gegensatz zu anderen Klubs ist man aber finanziell viel konservativer unterwegs - oder vernünftiger, je nach Blickwinkel. Deshalb kann auch Kahn mittlerweile nicht mehr ausschließen, dass es den einen oder anderen Abgang in Zukunft geben wird, wenn ein Spieler - wie Alaba - mehr einfordert, als die Bayern bereit sind zu zahlen. Da stellt sich dann aber zusätzlich die Frage nach der Perspektive. Kann der FC Bayern seinen Spielern tatsächlich ein attraktives Gesamtpaket anbieten, oder zieht es Spieler wie Coman nicht doch auch deshalb nach England, weil sie dort sportlich im Alltag anders gefordert werden?

Unter den Superreichen will der FC Bayern finanziell nicht mitmischen, sportlich will er aber bei ihnen bleiben. Und so braucht es eben kreative Lösungen, um für die Spieler weiterhin "sexy" zu sein. Die Bundesliga ist dahingehend zumindest keine Hilfe für den wahrscheinlich bald zehnmaligen Serienmeister. Dass eine besser durchdachte Super League irgendwann doch noch eine solche Lösung werden könnte, haben Sie jetzt gedacht.

Quelle: ntv.de

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