Redelings Nachspielzeit

Lachnummer und Rekord von 2006 Als der Schiri dem Nationalspieler dreimal Gelb zeigte

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Einmal, zweimal, gleich dreimal Gelb gab es an dem Tag für Simunic.

Am Abend kämpfen die Kroaten um den Einzug ins Achtelfinale. Genau wie vor 15 Jahren bei der WM 2006 in Deutschland. Damals sorgte allerdings der englische Schiedsrichter für das legendäre Gaga-Highlight im Spiel gegen Australien. Bis heute ist seine Aktion unübertroffen.

Langweilig wurde es mit Graham Poll, dem Schiedsrichter aus England, eigentlich nie. Schon 2002 hatte er für Schlagzeilen gesorgt, weil er den walisischen Nationalspieler Robbie Savage wegen eines besonderen Vergehens angezeigt hatte. Tatsächlich hatte es der Profi von Leicester City damals gewagt, die Toilette in der Schiedsrichterkabine zu benutzen. Natürlich wurde er dabei auch prompt erwischt. Graham Poll meldete dem englischen Fußballverband allerdings nicht nur das eigentliche Delikt, sondern packte dazu noch einige delikate Einzelheiten. So soll Savage weder die Toilettentür hinter sich zugesperrt, noch die Spülung benutzt und zu allem Überfluss sich anschließend auch nicht die Hände gewaschen haben. Ein Aufschrei des Ekels ging durch England!

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Savage wurde daraufhin sofort von seinem Verein für die nächsten beiden Partien suspendiert und musste sich persönlich bei Graham Poll für diese Unartigkeit entschuldigen. Allerdings muss man für Savage auch direkt einmal in die Bresche springen. Denn Absicht soll es wohl nicht gewesen sein. Vielmehr muss man vermuten, er habe es in seinem natürlichen Drang einfach nicht besser gewusst. Schließlich hat sein Kollege Alan Birchenall einmal über ihn gesagt: "Wenn das Gehirn aus Schokolade wäre, dann hätte Robbie Savage noch nicht mal genug davon, um einen einzigen Smartie zu füllen."

"... schon längst auf dem Scheiterhaufen gelandet"

Doch zurück zu Graham Poll - denn der sollte im selben Jahr noch weit größere Schlagzeilen schreiben. Und zudem sollte seine Aktion dazu führen, dass er wohl nach der WM 2002 in Japan und Südkorea nicht mehr so schnell einen Italien-Urlaub gebucht haben wird. Denn damals verpfiff er im zweiten Vorrundenspiel die Squadra Azzura gegen die Kroaten nach Strich und Faden. Unter anderem verwehrte er den Italienern zwei völlig korrekt erzielte Tore. Paolo Maldini meinte damals sichtlich frustriert: "Wenn das ein italienischer Schiedsrichter gepfiffen hätte, wäre er schon längst auf dem Scheiterhaufen gelandet." Respekt für seine spontane und pointierte Antwort auf die Kritik des Italieners Christian Vieri, der Poll unterstellt hatte, er habe wie ein Dorfschiedsrichter gepfiffen, muss man dem damaligen FIFA-Mediendirektor Keith Cooper zollen. Mit seiner Replik nahm er einiges an Wind aus den Segeln: "Ich kenne einige sehr gute Dorfschiedsrichter. Vielleicht war es ein Kompliment."

Doch nun zum Höhepunkt in der Karriere des Graham Poll. Es war der 22. Juni 2006 als in Stuttgart Kroatien und Australien um den Einzug ins Achtelfinale kämpften. Als es zum Ende der Partie zusehends hektischer wurde, weil das Spiel auf Messerschneide stand, passierte dem englischen Schiri ein legendäres Missgeschick - über das FIFA-Mediendirektor Markus Siegler hinterher sagen sollte: "Das ist ein bisschen viel."

Und so lautete die Schlagzeile am nächsten Morgen in den bunten Blättern folgerichtig auch: "Schiri sieht Gelb - und Simunic auch!". Allerdings hatte der Kroate Josip Simunic an diesem Tag nicht nur eine gelbe Karte gesehen, sondern nach 93 Minuten derer sogar drei (!). Denn Poll hatte drei Minuten zuvor schlicht und ergreifend vergessen, dass Simunic bereits nach knapp 60 Minuten das erste Mal verwarnt worden war. Als er nun in der 90 Minute zum zweiten Mal den gelben Karton zückte, hätte er den Kroaten eigentlich mit Gelb-Rot vom Feld verweisen müssen. Doch das verpasste Poll - und so nahm das Unglück seinen verrückten Verlauf.

Poll fliegt wie Simunic früh aus dem Turnier

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Denn auch Simunic war an diesem Tag offensichtlich alles egal. Als ihm endgültig klar wurde, dass nichts mehr zu holen sein würde, meckerte er Poll so aggressiv an, dass diesem nun nichts anderes mehr übrigblieb, als den Kroaten mit der dritten gelben Karte doch noch vom Platz zu schicken. Kurz darauf war die WM dann allerdings für beide zu Ende. Für Simunic, weil sein Land sich nicht für die nächste Runde qualifiziert hatte, und für Poll, weil die FIFA-Offiziellen nicht wirklich begeistert von seiner legendären Einlage waren.

Übrigens: Das Verteilen von gelben Karten kann auch noch anders zu einem echten Spektakel werden - wie im November 2008 der deutsche Schiedsrichter Thomas "Django" Metzen bei der Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen den FC St. Pauli anschaulich bewies. Als er nach 43 Minuten Doppel-Gelb gegen Miroslav Karhan und Florian Bruns zeigte, tat er dies auf eine besondere Art und Weise. Metzen hielt zwei gelbe Karten zeitgleich in die Luft!

Dass die Aktion möglicherweise von langer Hand geplant gewesen war, zeigt ein Ausruf Metzens beim Betreten des Platzes. Da soll er beiden Mannschaften bereits zugerufen haben: "Auf geht's, Cowboys!" St.-Pauli-Profi Ralph "Felgenralle" Gunesch war hinterher jedenfalls begeistert: "Es hatte was von Terence Hill. Ich habe so etwas auch noch nie gesehen, dass man synchron Karten verteilen kann. Ich würde sagen: Das ist effizient und ökonomisch gedacht - weiter so!" Und auch der damalige Mainzer Manager Christian Heidel konnte sich ein ungläubiges Schmunzeln nicht verkneifen: "Ich kam mir vor wie bei Bonanza." Man kann sicher sein: Auch Graham Poll hätte die kleine Showeinlage von Thomas "Django" Metzen durchaus gefallen.

Quelle: ntv.de

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