Fußball-WM 2018

"Der schlimmstmögliche Start" Löw beschwört, Hummels ätzt, alle hadern

Hilflos, unstrukturiert, ideenlos: So präsentiert sich Fußball-Weltmeister Deutschland beim WM-Fehlstart gegen Mexiko. Der DFB schaltet prompt auf Krisenmodus, die Spieler schwanken zwischen Schönreden und Selbstkritik und Bundestrainer Löw wirkt ratlos wie lange nicht mehr.

Wie erklärt man, was man selbst nicht recht versteht? Joachim Löw entschied sich nach dem in so vielerlei Hinsicht debakulösen 0:1-Fehlstart in die Fußball-Weltmeisterschaft für die sichere Variante, die Variante "gar nicht". Der Bundestrainer sagte, nach den Gründen für Niederlage und Nachlässigkeiten gegen Mexiko gefragt, nur: "Das müssen wir ergründen." Denn: "Klar, das war natürlich nicht so geplant." Und er gab nach dem "Fiasko Mexicana" tatsächlich schon vor dem Ende des ersten WM-Vorrundenspieltags Durchhalteparolen aus, diese: "Wir werden wieder aufstehen und natürlich, das nächste Spiel müssen wir gewinnen."

Die WM in Russland ist Löws siebtes Turnier als Chefcoach der deutschen Fußballer, er hat mit diesem DFB-Team einen großen und einen mittelgroßen Titel gewonnen und große Niederlagen erlitten. Aber so ratlos wie nach dem komplett unweltmeisterlichen Auftritt gegen Mexiko im Moskauer Luschniki-Stadion hat man den Bundestrainer lange nicht mehr gesehen und gehört, vielleicht seit dem legendär vercoachten EM-Halbfinale 2012 nicht.

Und das lag nicht daran, dass der Bundestrainer Löw in seinem 100. Pflichtspiel erstmals eine Turnier-Auftaktniederlage hinnehmen musste. Kann vorkommen, ist eigentlich kein Drama. Äußerst befremdlich war aber, wie sich der mit Titelverteidigungsambitionen nach Russland gereiste Weltmeister dabei gegen Mexiko präsentierte. Wie überrascht, unstrukturiert und hilflos er in der ersten Halbzeit immer wieder in die ebenso gnadenlosen wie offenkundig komplett unerwarteten Konter der Mexikaner lief und die eigene Abwehr entblößte. Wie ideenlos er in der zweiten Halbzeit den mexikanischen Strafraum belagerte und erst ganz spät zu zwei ordentlichen Ausgleichschancen durch die Joker Mario Gomez (87.) und Julian Brandt (89.) kam.

Toni Kroos fast abgemeldet

Der bis auf einen Lattenfreistoß offensiv abgemeldete und defensiv lustlose Mittelfeldspieler Toni Kroos fand zwar hinterher erstaunlicherweise, man habe genug Chancen "für mindestens ein Tor gehabt", ergo zum Ausgleich. Das Beste am Auftaktspiel war aus deutscher Sicht aber fraglos, dass es nur 0:1 ausgegangen war, auch eine veritable WM-Klatsche war durchaus möglich. Wenn an diesem Abend ein Team mit seiner Chancenverwertung hadern durfte, dann Mexiko, fand auch dessen Coach Juan Carlos Osorio: "Bei allem Respekt: Wir waren sehr überlegen in der ersten Halbzeit."

Dass Kroos hinterher überhaupt über vermeintliches Pech in der zweiten Halbzeit räsonieren konnte, war einzig der Riesenportion Dusel geschuldet, die der Weltmeister zuvor gehabt hatte. Realistischer war Kroos' Einschätzung, was die Pleite für den weiteren Turnierverlauf bedeutet: "Druck". Und zwar reichlich.

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Toni Kroos konnte nicht überzeugen.

(Foto: imago/Icon SMI)

Dass Osorio erklärte, Mexikos Konter-Matchplan habe seit sechs Monaten festgestanden, machte die Sache nicht besser. "Natürlich war das von uns erwartet, dass Mexiko auch in dieser Klasse und Qualität Spiele gezeigt hat", widersprach Löw dem Eindruck, sein Team sei von der Spielweise überrascht worden - und damit nicht nur dem Augenschein, sondern auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Der erklärte: "Wir werden das entsprechend klar analysieren, was heute falsch gelaufen ist. Wir haben keine richtige Lösung gefunden, die Mexikaner waren flinker und aggressiver."

Die Schwachstellen im deutschen Spiel sezierte Löws Analyse aber exakt und schonungslos. "Wir haben nicht unser gewohntes Offensiv- und Passspiel ins Spiel gebracht, wir haben die Räume nicht gut besetzt, sind alle dem Ball immer entgegengekommen" - statt in die Tiefe zu starten, wie es Löw fordert und fördert. Oder: "Wir machen den Platz nicht groß genug", wodurch man nicht ins Positionsspiel komme.

Oder: "Wir sind manchmal ein bisschen fahrig im Spiel, was die Passqualität betrifft. Und auch die räumliche Aufteilung stimmt nicht so, wie wir uns das vorstellen." Die Konsequenz: Wie in den Testspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien gab es erneut viel zu viele Ballverluste "und dadurch mussten wir wahnsinnig lange Wege nach hinten machen". Beleg dafür: Das deutsche Team war am Ende drei Kilometer mehr gelaufen als der Gegner - ein erstaunlicher Wert angesichts von 67 Prozent Ballbesitz für Deutschland. Aber es war eben, vor allem im ersten Durchgang, großteils eine deutsche Hinterherlaufleistung.

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Alles andere als weltmeisterlich war auch Boateng.

(Foto: imago/ZUMA Press)

"Am Willen, das Spiel zu drehen, hat es sicherlich nicht gelegen", betonte Löw aber, auch nicht an Kraft und körperlicher Fitness, um die es im ersten Durchgang nicht zum Besten bestellt schien. Aber in der Gesamtschau war das vermurkste Auftaktspiel für den Bundestrainer eine einzige große Sorgenfalte, das verhehlte er gar nicht. Über die bessere zweite Halbzeit, in der Mexiko konditionell abbaute und sich auf die Defensive verlegte, sagte er trocken: "Wir hatten in der zweiten Halbzeit schon auch ein paar Torabschlüsse und Tormöglichkeiten, aber irgendwie hatte man das Gefühl, der Ball geht irgendwie nicht rein." Denn irgendwie blieb es halt immer ziemlich dünn, was sein Team spielerisch ablieferte, in allen Belangen.

Hummels kritisiert öffentlich

Parallel zum ratlosen Bundestrainer gaben seine Spieler in Fernsehen und Mixed Zone Auskunft. Innenverteidiger Mats Hummels machte kurzerhand seine interne Kritik öffentlich und ätzte noch auf dem Rasen ins ZDF-Mikrofon: "Es ist ziemlich einfach heute, wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt - nur gegen einen besseren Gegner." Wenn sieben oder acht Spieler angreifen, sei die "offensive Wucht größer (…) als die defensive Stabilität". Das spreche er intern oft an, aber "das fruchtet anscheinend noch nicht so ganz. Unsere Absicherung klappt noch nicht, Jerome und ich sind oft alleine hinten." Trotzdem ein Weckruf zur rechten Zeit? "Ein Weckruf zu spät."

Boateng war nicht minder frustriert: "Wir haben es drei Tage lang besprochen. Mehr können wir nicht machen." Mit einem solchen Auftritt könne "man kein WM-Spiel gewinnen". Sein Fazit: "Ganz ehrlich, das war der schlimmstmögliche Start ins Turnier." Aber, betonte er, "wir werden zurückschlagen". Nur: Wie?

An öffentlicher Selbsterkenntnis und Selbstkritik mangelte es nach dem Spiel beim Trainer und großen Teilen der Mannschaft nicht. Wie es intern um Hierarchie und Binnenklima bestellt ist, bleibt ein Rätsel. Analyse und Aufarbeitung der Pleite werden als erste Krisenreaktion unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, eine Pressekonferenz mit EM-Botschafter Philipp Lahm wurde gestrichen. Denn die große Frage, auf die alle Beteiligten keine Antwort geben konnten oder wollten, bleibt trotz löblicher Selbstkritik: Warum dann trotzdem solche Räume, in deren Weiten sich Mexikos Angreifer immer wieder verloren? Solche Nachlässigkeiten? Kurz: Warum dann solch ein Spiel?

Eine Antwort gab Löw nicht, aber einen Hinweis auf den Fragilitätsgrad des durch Balance-Probleme und Erdogan-Debatte strapazierten Binnenklimas. Er beschwor: "Es gibt keinen Grund, jetzt auseinanderzufallen. In der Gruppe gibt es drei Spiele. Wir haben alle Möglichkeiten, das zu korrigieren." Auf die Frage nach dem Titelverteidiger-Fluch sagte er: "Warum das immer so war, weiß ich auch nicht bei den anderen Nationen. Uns wird das nicht passieren, wir werden es schaffen." Dabei lachte der Bundestrainer plötzlich - und wirkte so verkrampft wie zuvor seine Mannschaft.

Quelle: n-tv.de

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