Wirtschaft

"Die Fabrik ist alles" Auto-Stadt Toljatti leidet unter Sanktionen

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Der Bau der Auto-Fabrik begann 1966 mit Hilfe von Fiat in der nach dem italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti benannten Stadt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die russische Industriestadt Toljatti bereitet sich auf harte Zeiten vor. Dort wird seit Jahrzehnten für den größten Autohersteller des Landes produziert, die ganze Stadt ist um die Fabrik herum gebaut. Die aktuellen westlichen Sanktionen treffen die Branche und ihre Beschäftigten hart.

Seit Generationen ist die russische Stadt Toljatti mit ihrer gigantischen Autofabrik ein Synonym für den Lada-Hersteller Avtovaz, den größten Autobauer des Landes. Doch wegen der internationalen Sanktionen droht die Stadt in einen Abwärtsstrudel zu geraten - und mit ihr die Arbeiterinnen und Arbeiter.

In einer kleinen Wohnung im schachbrettartig angelegten Viertel rund um die weitläufige Fabrik sitzen einige dieser Arbeiter unter den roten Fahnen ihrer Gewerkschaft. "Es ist eine Fabrikstadt. Jeder hier arbeitet entweder für die Fabrik oder für die Polizei", sagt Alexander Kalinin. Der 45-jährige Lastenaufzugsfahrer arbeitet seit 15 Jahren beim Avtovaz-Konzern, der mehrheitlich im Besitz der Renault-Nissan-Allianz ist.

"Für Toljatti ist die Fabrik alles. Um sie herum wurde die ganze Stadt gebaut", sagt die 33-jährige Irina Mijalkina, die seit elf Jahren in einem Ersatzteillager arbeitet. Der Bau der Fabrik begann 1966 mit Hilfe von Fiat in der nach dem italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti benannten Stadt.

Toljatti gelangte zu Ruhm während der Sowjetzeit, erlebte dann die Wirtschaftskrise der 1990er Jahre und schließlich eine Renaissance in den 2010er Jahren mit dem Einstieg von Renault. Mit der russischen Offensive in der Ukraine und den darauf folgenden internationalen Wirtschaftssanktionen bereiten sich Toljatti und seine Arbeiter nun aber wieder auf dunklere Zeiten vor. "Als ich anfing, war ich voller Enthusiasmus, ich hoffte auf ein gutes Einkommen. Das hoffe ich immer noch", sagt Irina mit einem traurigen Lächeln.

Doch derzeit werden die Zeiten härter: Wegen der Sanktionen kommen keine Komponenten und Ersatzteile mehr an. Die Arbeiter sind im bezahlten Urlaub, mit zwei Dritteln ihres üblichen Lohns. Irina bekommt dadurch von ihren monatlich 20.000 Rubel nur rund 13.000 - umgerechnet weniger als 140 Euro. "Der Preisanstieg ist enorm und die Leute sind nervös", sagt Irina mit Blick auf die galoppierende Inflation.

Der Trend war eigentlich positiv

2018 sah die Zukunft noch rosig aus. Renault lud die Presse zu einem Besuch seines aufwändig renovierten Industriejuwels an der Wolga ein, rund 780 Kilometer südöstlich von Moskau. Der französische Konzern hatte die ausgediente sowjetische Fabrik dank Milliardeninvestitionen auf den neuesten Stand gebracht - verbunden war damit aber auch ein Personalabbau: Zu Sowjetzeiten waren in der 700.000-Einwohner-Stadt noch rund 120.000 Menschen im Fahrzeugbau beschäftigt; binnen zehn Jahren wurde die Zahl dann von 70.000 auf 40.000 verringert.

"Es gab viele Probleme mit dem Weggang von Mitarbeitern, aber dennoch gab es einen klar positiven Trend", sagt Andrej Jakowlew von der Moskauer Hochschule für Wirtschaft. "Ein großer russischer Automobilhersteller war im Entstehen."

Doch nun droht dieser Traum angesichts gestoppter Fließbänder zu platzen. Die Mitarbeiter müssen im April ihren dreiwöchigen Sommerurlaub nehmen, während Renault einen Ausstieg bei Avtovaz erwägt. Das Unternehmen selbst will sich nicht äußern; die Türen der Fabrik bleiben für AFP diesmal geschlossen, ebenso wie die des Lada-Museums und die vieler Zulieferer. Als AFP die Umgebung der Fabrik filmt, ruft der Avtovaz-Sicherheitsdienst die Polizei, die die Journalisten mit zur Wache nimmt und für mehrere Stunden befragt.

Die tausenden Beschäftigten leiden

Auch wenn es vorerst keine Entlassungen gibt, sind viele Beschäftigte bereits gezwungen, einen zweiten Job anzunehmen. Der 31-jährige Leonid - eigentlich Mechaniker - berichtet, dass er sein Gehalt mit einem Job im Wachdienst aufbessert, um Frau und Kinder zu ernähren.

In einer Tiefgarage beugen sich unterdessen zwei Männer in Vintage-Overalls über das Innere eines frisch rot lackierten Lada Niva aus den 80ern, dem legendären 4x4. "Seit meiner Kindheit war mein ganzes Leben mit der Fabrik verbunden", erzählt Sergej Diogrik, der sich um den Lada History Club kümmert und üblicherweise Enthusiasten aus der ganzen Welt zusammenbringt. "Mein Onkel kam in den 70er Jahren, um dort zu arbeiten, dann kamen mein Vater, dann meine Mutter und ich dazu", berichtet er.

"Alle unsere Verwandten in Toljatti arbeiteten in der Fabrik und ich selbst habe dort gearbeitet. Ich hatte keine andere Wahl, alles ist mit dem Unternehmen verbunden", sagt er. Diogrik berichtet, dass der Produktionsrekord Anfang der 80er Jahre bei 720.000 Autos pro Jahr lag - gegenüber knapp 300.000 Autos, die 2021 in Toljatti produziert wurden.

Wirtschaftsforscher Jakowlew geht davon aus, dass Avtovaz sich künftig auf Modelle konzentrieren wird, "deren Produktion vollständig lokal ist" und sich zudem "mit den Chinesen in Verbindung setzen" werde. Aber Avtovaz und seine Fabrikstadt könnten wohl einige Jahre brauchen, um sich noch einmal neu zu erfinden.

Quelle: ntv.de, smu/AFP

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