Wirtschaft

Smogbelastung fordert Lösungen Elektro-Rikschas erobern Indiens Hauptstadt

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Rikschafahrer neben einer Batterie-Ladestation für Elektro-Rikschas.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dichter Smog empfängt Kanzlerin Merkel bei ihrem Besuch in Neu Delhi. Die Stadt kämpft um saubere Luft und verteilt vorsorglich Atemschutzmasken. Könnten Elektro-Rikschas die Lösung sein? Über 60 Millionen Inder benutzen täglich das günstige Vehikel. Doch noch sind deren Umweltfolgen nicht gelöst.

Wer in Indiens Hauptstadt Neu Delhi günstig die letzten Kilometer zurücklegen will, fährt elektrisch. Genauer gesagt mit einer Elektro-Rikscha. Jeden Tag nutzen Schätzungen zufolge 60 Millionen Menschen die mindestens 1,5 Millionen bunten E-Tuk-Tuks. Und es werden immer mehr. Zwei, drei Kilometer von der Metro zur Arbeit kosten rund 10 Rupien, etwa 13 Cent. Für die Passagiere ist das um ein Vielfaches günstiger als die mit Benzin betriebenen schnelleren Rikschas.

Merkel beim Abspielen der Nationalhymnen.

Vor lauter Smog etwas schwer zu sehen: Merkel beim Erklingen der Nationalhymnen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Können solche Elektro-Taxis auch in Deutschland helfen, den CO2-Ausstoß zu verringern und unsere Klimaziele zu erreichen? Die Bundeskanzlerin möchte sie sich auf ihrer Indien-Reise jedenfalls genauer anschauen. Angela Merkel besucht Indien, um mit Premierminister Narendra Modi und Wirtschaftsvertretern auch über neue Formen der Mobilität und Nachhaltigkeit zu sprechen. Obwohl der durch die Stadt wabernde Smog nicht zu übersehen war, schritt Merkel im Kaiserpalast ohne Schutzmaske eine militärische Ehrenformation ab. Das Abspielen der Nationalhymnen verfolgte die 65-Jährige, die in den vergangenen Monaten bei ähnlichen Anlässen Zitteranfälle erlitten hatte, allerdings im Sitzen.

Die Verwaltung der 20-Millionen-Metropole ordnete gerade erst die Ausgabe von fünf Millionen Atemschutzmasken an Schulkinder an. Die Schulen wurden bis Dienstag ganz geschlossen und alle Bauaktivitäten untersagt. Die Feinstaubbelastung in Neu Delhi war laut der Homepage der US-Botschaft beim Besuch der Kanzlerin 19 Mal höher als der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für zulässig erklärte Höchstwert.

Chaotische Lösung für fehlende Ladestationen

E-Rikschas gibt es in Indien seit gut zehn Jahren. Damals importierten Hersteller günstig Teile aus China, heute werden sie auch von heimischen Produzenten beliefert. Die E-Rikschas wurden gekauft - obwohl es seinerzeit noch gar keine Ladestationen und staatlichen Anreize gab, erläutert Mobilitätsforscherin Megha Kumar vom indischen Energy and Resources Institute. Für viele Fahrrad-Rikscha-Fahrer sei es ein willkommener Aufstieg gewesen - und günstiger als die benzinbetriebenen Rikschas. Das sagt auch der 49 Jahre alte Amar Singh, der vor zwei Jahren umgestiegen ist. "In meinem Alter wurde es mir einfach zu anstrengend, immer in die Pedale zu treten."

Und für das Ladeproblem haben die Inder schnell eine Lösung gefunden - etwas chaotisch und improvisiert, wie so oft in dem Land. Singh zeigt den E-Rikscha-Parkplatz, wo er in der Nacht oft seine Batterien lädt - für umgerechnet etwa einen Euro. Der Ort befindet sich in einem ärmeren Viertel in Neu Delhi. Die Betreiber sagen, sie zapften direkt die Stromleitungen an. Viele Fahrer würden ihre Batterien auf ähnlich illegale Art laden, weiß Kumar. Stromanbieter beklagen das Treiben, berichten lokale Medien.

Doch E-Rikschas werden immer beliebter - auch weil die indische Regierung inzwischen Käufer unterstützt. Für ein Gefährt, das je nach Hersteller rund 1200 bis 1900 Euro kostet, gibt es knapp 380 Euro. So liegt Indien bei Elektrofahrzeugen inzwischen nach China an zweiter Stelle, wie es in einem Bericht der International Energy Agency heißt.
Die Luft der Großstädte Indiens ist schmutzig. Ganz sauber sind aber auch E-Rikschas nicht - denn in Indien besteht der Strommix ähnlich wie in Deutschland noch zu einem beträchtlichen Teil aus Kohle, was CO2 verursacht.

Umweltvergiftung durch Rikscha-Batterien

Kurvt man mit einer E-Rikscha durch die staubigen Straßen, wird es auf der Rückbank heiß. Die Batterien erhitzen sich teils erheblich - und das bei oft schweißtreibenden indischen Temperaturen. Hinzu kommt ein Problem, das auch bei E-Autos bedacht sein will: die Entsorgung. Für E-Rikschas werden zudem oft alte Bleibatterien genutzt, die gerade mal ein halbes Jahr halten, sagt Chemikalienspezialist Satish Sinha der Umweltgruppe Toxics Link. Die Fahrer verkauften sie dann an Wiederverwerter, die daraus wieder das Schwermetall gewinnen - wodurch oft giftige Gase entstünden, die ohne große Sicherheitsvorkehrungen in die Umwelt gelangten. Auch Wasser und Erde würden verschmutzt.

Aber inzwischen suchen große Firmen Lösungen für diese Probleme. Dabei setzen sie etwa auf E-Rikschas mit modernen, länger haltbaren und teureren Lithium-Ionen-Akkus, die auch für Elektro-Autos benutzt werden. Der indische Konkurrent des Fahrdienstvermittlers Uber baute etwa Batteriewechselstationen, wo Fahrer ihre leeren Batterien gegen aufgeladene tauschen können. Ein anderes Unternehmen, SmartE, arbeitet mit der Metro von Neu Delhi zusammen und will den E-Rikscha-Dienst professionalisieren mit einer einheitlichen Flotte mit Fahrern in gleichen Firmen-T-Shirts.

Mittlerweile gibt es E-Rikschas auch in Europa. In Berlin und anderen Städten etwa fahren damit Touristen. So alltagstauglich wie in Indien und anderen asiatischen Städten sind sie aber nicht - wohl auch, weil Menschen in Deutschland es gewohnt sind, die letzten Meter zu laufen.

Quelle: ntv.de, jru/dpa/AFP