Wirtschaft

"Stabilität noch weit entfernt" Sind die Lieferketten stark genug für die nächste Krise?

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Der nächste Schwarze-Schwan-Moment - ein unvorhergesehenes Ereignis mit großer Auswirkung - kündigt sich bereits an.

(Foto: picture alliance / imageBROKER)

Der "perfekte Sturm" im Welthandel hat sich gelegt. Der Warenverkehr in der globalisierten Welt funktioniert wieder. Leere Regale in Geschäften, Hamsterkäufe und Staus von Containerschiffen sind fast vergessen. Ein Grund zur Entwarnung ist das aber noch nicht.

Drei lang Jahre lang hat die Corona-Pandemie die globalisierte Welt auf den Kopf gestellt. Lieferengpässe, eine Industrie, die nur noch den Mangel verwaltet, Weihnachtsfeste, die aus Angst vor leeren Gabentischen zur Zitterpartie geraten. Gefühlt scheint all das lange her.

Häfen im Lockdown, gestrandete Container, die sich an den Umschlagplätzen gen Himmel stapeln und verrottende Lebensmittel, weil Container in China nicht mehr gekühlt werden können, haben sich ins Gedächtnis eingebrannt - aber eher wie Katastrophenfilme aus Hollywood, nicht wie etwas, das unsere Realität über Jahre begleitet hat.

Die Lieferketten scheinen wieder zu flutschen. Der "perfekte Sturm" im Welthandel, der in den Corona-Jahren für so viel Panik gesorgt hat, hat sich gelegt - fast genauso schnell wie sie gekommen ist. Die zwischenzeitlich in horrende Höhen geschossenen Frachtraten sind gesunken, Containerschiffe stauen sich nicht mehr vor den Häfen, und Peking hat sogar seine Null-Covid-Politik aufgegeben. Die totgesagten Lieferketten sind plötzlich wieder quicklebendig.

Zwar hake es war noch, zum Beispiel bei Komponenten, wie integrierten Schaltkreise und Mikrocontroller, die an mancher Stelle fehlten und die Produktion beeinträchtigten, zitiert CNN den Vorsitzenden des Institute for Supply Management, Timothy Fiore. Aber "im Großen und Ganzen ist der Druck weg". Was ist mit dem kollabierten Warenverkehr, der buchstäblich zum Himmel stank, passiert? Ist die Krise wirklich schon aufgearbeitet?

Kein Grund zur Entwarnung

"Mitnichten", sagt Thomas Wandler von Kloepfel Consulting, Dienstleister für Einkauf und Lieferketten-Management im Gespräch mit ntv.de. "Wir sind noch weit davon entfernt, wieder stabile, gut funktionierende Lieferketten zu haben." Die Lieferketten hätten sich in der Pandemie - aus der Not heraus - zwar bereits stark verändert, aber sie hätten noch keine Zeit gehabt, "sich zu konsolidieren". Richtig sei, dass es zurzeit rund laufe, aber es fehle noch "ein klares Bild".

Erfreulicherweise hinterlässt diese Entwicklung aber schon positive Spuren in der Wirtschaft. Der Preisauftrieb auf Erzeugerebene hat sich verlangsamt. Auch die konjunkturellen Aussichten insgesamt haben sich so sehr verbessert, dass die allseits gefürchtete Rezession von Wirtschaftsexperten ad acta gelegt wurde.

Die jüngste Studie von Germany Trade and Invest (GTAI) ) gibt allerdings auch einen Hinweis darauf, wie sehr die Wirtschaft zwischen einem neuen und einem alten Normal gefangen ist. Die Einfuhren aus der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt haben rasant zugenommen. Das bedeutet, die Abhängigkeit von China hat zuletzt sogar noch zugenommen, statt abzunehmen. Die Lehre aus dem Lieferketten-Chaos in der Pandemie war eigentlich eine andere.

Ist das Projekt De-Globalisierung abgesagt?

Fachleute und Finanzmarkt waren sich zu Beginn der Krise schnell einig, dass mit dem Virus auch die Zeit gekommen war, die Rolle rückwärts in der Globalisierung zu proben. Produktionsstandorte in Fernost sollten so schnell wie möglich überdacht und diversifiziert werden, lautete der Appell. Die Experten waren sich sicher, die Lieferketten würden nie mehr dieselben sein. Sind die guten Vorsätze, weniger abhängig von Produktionsstandorten in China zu werden, also schon wieder vergessen?

Eine Studie des Capgemini Research Institute zeigt, dass Unternehmen durchaus Konsequenzen aus den Erfahrungen in der Pandemie gezogen haben. Die Resilienz von Lieferketten hat eine große Priorität bekommen. Von Entwarnung oder Vergessen kann also keine Rede sein.

Knapp 90 Prozent der Befragten weltweit (sogar 91 Prozent in Deutschland) halten demnach Unterbrechungen der Lieferkette für das größte Risiko für das Weltwirtschaftswachstum in den kommenden 18 Monaten, noch vor den steigenden Rohstoffpreisen und der Energiekrise. Um das Risiko zu minimieren, planen deshalb 43 Prozent der Entscheidungsträger, die Investitionen in ihre Lieferkette im nächsten Jahr und darüber hinaus zu erhöhen. Im Schnitt sind Mehrausgaben von gut 10 Prozent geplant.

Laut dem Lieferkettenexperten Wandler führen solche Zahlen aber schnell in die Irre. "Die Realität sieht anders aus als das Wunschdenken. Bei genauerer Begutachtung sieht man drei Bereiche: Der eine sind reine Absichtserklärungen, der nächste Absichtserklärungen mit Wünschen und der dritte Absichtserklärungen, die auch umgesetzt werden."

Fakt sei, dass 20 Jahre lang "auf Teufel komm raus alles nach Asien verlagert wurde, wir haben uns komplette Industrien in Europa abgeschnitten. Wir können nicht innerhalb von ein oder zwei Jahren das ganze nahtlos zurückholen". Europa habe zum einen nicht die Kapazitäten, zum anderen auch teilweise die Technologien nicht. Zwar gebe es ambitionierte Projekte, um die Wirtschaft zu unterstützen, unabhängiger von China zu werden, beispielsweise den europäischen Chips Act. Aber das bedeute hohe Investitionen. Zudem müsse grundsätzlich überlegt werden, "welche Produktionstechnologien wollen wir zurückholen. Wo macht es Sinn?“

Und wenn der nächste Schock kommt?

Die Lieferketten sind heute widerstandsfähiger als Ende 2019, sind die Experten überzeugt. Bereits die Störungen im Warenverkehr durch die Invasion von Russland in der Ukraine konnten dadurch ihrer Ansicht nach besser abgefedert werden.

Umfragen zeigen, auch in den Führungsetagen der Unternehmen hält man die Lage für stabil. Der sogenannte Logistics Managers' Index (LMI), ein Wert, der Lagerbestände und deren Kosten sowie Lager- und Transportkapazitäten und deren Preise misst, lag im Dezember bei 54,4. Das entspricht nach acht Rückgängen in Folge einem Anstieg um einen Punkt. Davor hatte der Index in der Pandemie durchgängig in den hohen 70er oder 80ern gelegen.

Trotz großer Kraftanstrengungen und Investitionsvorhaben: Am Ziel sind die Unternehmen mit dem Umbau ihrer Lieferketten aber noch lange nicht. Niemand könnte zurzeit belastbare Vorausschauen machen, sagt Wandler. "Jeder, der für 2023 budgetiert hat, weiß nicht, ob er das Budget erreichen wird. Warum? Weil wir noch in einem stark volatilen Markt unterwegs sind und sich die Gegebenheiten noch nicht stabilisiert haben."

Aber die Zeit drängt. "Klar sagen alle, weg aus China. Dort schwelt der Streit zwischen China und Taiwan." In anderthalb bis zwei Jahren könnte das die nächste große Krise, der nächste schwarze Schwan, sein.

Quelle: ntv.de

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