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Mit Stoffmütze zur Abnahme Mercedes SL - vom Gleiter zum Fighter

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Inzwischen fährt der Mercedes SL kaum noch mit Tarnung. Die Markteinführung ist für das Frühjahr 2022 geplant.

(Foto: Mercedes-AMG)

Über Generationen wurde der Mercedes SL zu einem echten Rentnerauto. Dabei war das Cabrio einst Sportwagen und Seriensieger, dann Dauerläufer und Bestseller für die sonnenhungrige Schickeria. Deshalb muss jetzt AMG ran und den Nachfolger kräftig entstauben. Eine erste Mitfahrt in der Eifel macht Mut.

Für diesen Job muss sich Jochen Hermann warm anziehen. Zumindest an diesem Morgen. Denn vom Sommer ist in der Eifel nicht mehr viel zu spüren und viel lieber würde der Technikvorstand des Mercedes-Ablegers AMG jetzt auf den wohltemperierten Massagesesseln eines GLE 63 thronen oder zur Not auch in einem EQS 53 schwelgen, während er durch den Frühnebel rund um den Nürburgring stochert.

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Neben dem V8 als Standard-Motor wird es für den Mercedes SL noch einen Reihensechszylinder geben.

(Foto: Mercedes)

Doch stattdessen sitzt der Ingenieur hinter dem Lenkrad des neuen Mercedes SL und gibt dem Roadster rund um den Ring den letzten Schliff: "Nach über drei Jahren Entwicklungszeit haben wir 99 Prozent des Weges geschafft, jetzt feilen wir am letzten Prozent, bevor wir in Bremen die Bänder anschalten und im Herbst offiziell das Tuch ziehen", sagt Hermann und treibt seinen nur noch leicht getarnten Prototypen durch die hügelige Landschaft. Lange Haube, schmale Schnauze, kurzes Heck und dazwischen endlich wieder eine stramm geschnittene Stoffmütze statt eines Kunststoffhelms - bei solchen Proportionen ist ohnehin nicht viel zu verbergen.

Kein Rentnerauto mehr

Zwar hält er das Lenkrad bei seinem flotten Ritt um den Ring locker mit einer Hand, muss nicht viel korrigieren und könnte sogar bei geöffnetem Dach lässig den Arm auf die Brüstung legen, wenn es nicht so lausig kalt wäre. Doch während der Roadster sanft über Gullydeckel und Frostaufbrüche schmatzt, lässt Hermann keinen Zweifel daran, dass der SL vom Gleiter wieder zum Fighter geworden ist und sich seiner Wurzeln als Sportwagen besonnen hat: "Nicht umsonst hat erstmals AMG die Entwicklungsverantwortung übernommen."

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Auch der Mercedes SL fährt jetzt wieder mit einem Stoffdach.

(Foto: Mercedes)

Natürlich bleibe der Roadster auch ein Luxusmodell mit all dem gebotenen Komfort und selbstredend wolle er nicht dem AMG GT ans Leder. Schon deshalb sitzt man hier in der Mitte des Autos und nicht direkt auf der Hinterachse. Doch die Zeiten einer fast schon barocken Behäbigkeit scheinen endgültig vorbei. Und von den zwei Notsitzen im Fond, wie man sie zuletzt beim SL der Genration R129 gesehen hat, darf man sich genauso wenig täuschen lassen wie von der digitalen Cockpitlandschaft, die eine große Nähe zur S-Klasse vermuten lässt: Kaum drückt Hermann auf den im Lenkrad integrierten Schalter für die Fahrprofile und tritt dabei aufs Gas, spannt der SL die Muskeln an, schärft die Sinne und bringt selbst an diesem kalten Morgen das Blut auf Temperatur, so schneidig geht es plötzlich voran.

Auch wieder ein V8?

Treibende Kraft ist dabei ein Motor, der sich beim ersten Gasstoß selbst verrät. Denn auch wenn Hermann noch kein Wort zum Antrieb sagen möchte und das wiederentdeckte Stoffdach noch so gut isoliert, kann der SL seinen V8 kaum verhehlen, so markant ist dessen Grummeln und Grollen - nur die peinlichen Fehlzündungen haben sie dem 4,0-Liter-Motor offenbar aberzogen.

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Ein mächtiger Touchscreen in der Mittelkonsole soll die Insassen in ein zeitgemäß digitales Umfeld entführen.

(Foto: Mercedes)

Neben diesem Standard-Motor mit geschätzt etwa 650 PS wird es dem Vernehmen nach noch ein oder zwei Reihensechszylinder dies- und jenseits von 400 PS geben. Später sind dann auch ein Plug-in-Hybrid wie das mehr als 800 PS starke Power-Pack aus dem viertürigen AMG GT und wohl auch eine voll elektrische Version zu erwarten, während Hermann dem bei den besonders Reichen und Schönen gern genommenen V12 eine klare Absage erteilt. Zu schwer, zu durstig und obendrein zu groß, verweist er den mächtigsten aller SL-Motoren ins Museum.

Noch ein paar Wochen muss Hermann frösteln und Runde um Runde mit dem Roadster durch die Eifel drehen. Dann ist es vorbei mit der Geheimniskrämerei und den Abstimmungsfahrten, die Premiere ist gefeiert und spätestens im Frühjahr kann er die dicke Jacke in den Schrank hängen und offen mit einem glaubwürdigen, womöglich gar authentischen SL in die neue Cabrio-Saison starten. Und wenn die AMG-Truppe ihren Job gut gemacht haben, dann können sich stattdessen die Macher von Autos wie einem 8er BMW, einem Porsche 911 oder einem Aston Martin Vantage warm anziehen. Vor allem, wenn dann vielleicht endlich mal wieder richtig Sommer ist. Oder gerade deswegen.

Quelle: ntv.de, Benjamin Bessinger, sp-x

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