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Wende in der Virus-Krise? Warum Merkel "Hoffnung" schöpft

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Ernstfall Pandemie-Abwehr: Bundeswehrsoldaten helfen beim Aufbau einer Behelfsklinik auf dem Messegelände in Hannover.

(Foto: imago images/localpic)

Ist der Höhepunkt der Coronavirus-Pandemie in Deutschland erreicht? Kurz vor Ostern wagt die Kanzlerin vorsichtige Zuversicht. Die Auflagen müssten nicht verschärft werden, sagt Merkel. Welche Daten hat die Regierung dabei im Blick?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält derzeit keine Verschärfung der virusbedingten Einschränkungen im öffentlichen Leben und in der Wirtschaft für erforderlich. "Die neuesten Entwicklungen der Zahlen geben Anlass zu vorsichtiger Hoffnung", fasste Merkel ihre Einschätzung zur Lage kurz vor Ostern zusammen. Der Anstieg der Neuinfizierten-Zahlen "flacht sich langsam ab", erklärte sie. Eine Verschärfung der Maßnahmen sei deshalb "zum jetzigen Zeitpunkt nicht notwendig".

Aus welchen Quellen speist sich Merkels neue Zuversicht? Bei der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 zeichnete sich zuletzt tatsächlich ein möglicher Beginn der erhofften Trendwende ab. In den von ntv gesammelten Daten aus den Bundesländern war bereits am Vorabend zu erkennen, dass die Zahl der aktuell Infizierten in Deutschland insgesamt zurückgeht.

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Errechnen lässt sich diese Zahl auf Basis der von den Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder veröffentlichten Angaben, indem von der Gesamtzahl aller bisher bestätigten Coronavirus-Fälle in Deutschland die Summe der Verstorbenen und die Anzahl der bereits Genesenen abgezogen wird.

Eine zentrale Rolle spielen dabei die jüngsten Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Anzahl jener Personen, die eine Ansteckung mit dem Erreger Sars-CoV-2 bereits überstanden haben und wieder vollständig als gesund gelten. Um ein besseres Bild vom aktuellen Stand der Pandemie in Deutschland zu bekommen, muss diese Zahl von der Masse der immer weiter steigenden Infektionsfälle abgezogen werden. Schließlich sind in der Gesamtstatistik weiterhin auch all jene Fälle verzeichnet, die aus der Frühphase des Ausbruchsgeschehens stammen.

Da zwischenzeitlich auch immer mehr Bundesländer dazu übergegangen sind, eigene Schätzungen zu den Genesenenzahlen zu veröffentlichen, wird die Datenlage dazu immer besser: Entsprechende Angaben liegen inzwischen aus 13 von 16 Bundesländern vor, nachdem am Donnerstag auch erstmals Schleswig-Holstein eine Schätzung der Genesenen veröffentlichte. In der Summe meldeten die Landesbehörden bis Mittwochabend knapp 40.000 Genesene. Diese Angaben lagen damit nur noch um wenige tausend Genesungsfälle unter der RKI-Schätzung zur bundesweiten Genesenenzahl, die das Robert-Koch-Institut inzwischen täglich aktualisiert.

Der enorme Sprung in der Schätzung der Genesenen von Dienstag (33.300 Genesene) auf Mittwoch (46.300 Genesene) erklärt sich durch einen veränderten Algorithmus bei der Berechnung der Genesenenzahl, der nun auch Corona-Fälle ohne klaren Erkrankungsbeginn mit einbeziehen kann. Diese waren zuvor nicht berücksichtigt worden. Die Genesenenzahl wurde also zuvor sehr wahrscheinlich deutlich unterschätzt, weshalb das RKI auch stets von einer Mindestzahl gesprochen hatte.

Mit dem weiteren Voranschreiten der Ansteckungswelle steigen aber nicht nur die Zahl der Toten und die Gesamtzahl aller bisher erfassten Infektionsfälle, sondern natürlicherweise auch die Zahl jener Menschen, die nach Einschätzung des RKI nach überstandener Erkrankung immun sind. Laut RKI-Chef Wieler ist derzeit von rund 50.000 Genesenen in Deutschland auszugehen.

Überstanden ist die große Coronavirus-Krise damit aber noch lange nicht, wie unter anderem der jüngste Anstieg bei den täglichen Zuwachsraten der neu gemeldeten Infizierten zeigt. Rückfälle und neue einzelne Ausbruchsereignisse wie etwa im bayerischen Kreis Tirschenreuth sind in ähnlicher Form weiterhin möglich.

Die Kanzlerin appellierte daher eindringlich an die Bürger, sich auch über die Osterfeiertage an die bestehenden Auflagen zu halten. "Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen", sagte sie. "Wir dürfen jetzt nicht leichtsinnig sein." Die Lage sei weiter "fragil", und "wir können jetzt schnell zerstören, was wir jetzt erreicht haben".

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Über die nächste Phase des Kampfs gegen das Virus will Merkel eigenen Angaben zufolge am kommenden Mittwoch mit den Ministerpräsidenten der Länder beraten. Dann soll es auch um die Frage gehen, wie es mit den bislang bis zum 19. April befristeten Maßnahmen weitergeht. Eine Lockerung nach Ostern werde "nur in kleinen Schritten" erfolgen können, kündigte die Kanzlerin an. "Wir müssen immer wieder die Folgen beachten."

Als zentrale Kennzahl zur Beurteilung der Lage hatte Merkel im Vorfeld wiederholt die sogenannte Verdopplungszeit genannt, an der sich Fortschritte im Kampf gegen das Virus erkennen lassen: Diese Kennziffer - kurz: die Spanne in Tagen, die es aktuell dauern würde, bis sich die Fallzahlen erneut verdoppelt haben - signalisierte zuletzt eine nachlassende Dynamik, das Pandemiegeschehen verlangsamte sich.

Aktuell liegt Deutschland hier deutlich über der von Merkel genannten Schwelle von zehn Tagen. Die Kurve flacht ab. Zugleich laufen die Vorbereitungen auf den befürchteten Massenandrang an Covid-19-Patienten auf Hochtouren.

Doch auch wenn die Maßnahmen in Deutschland nach Ostern wieder gelockert werden sollten, wird das Leben wohl nicht mehr so sein wie vorher. Das Virus wird Merkels Einschätzung zufolge so lange eine Bedrohung sein, bis ein Impfstoff gefunden und die Bevölkerung immunisiert ist. "Das heißt nichts anderes als: leben mit dem Virus", sagt Merkel. "Das ist nicht verschwunden. Auch wenn sich einen Tag mal weniger Leute anstecken."

Quelle: ntv.de, mit Material von AFP