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Bundesweit aktivster Virus-Herd Die heiße Spur im Kreis Tirschenreuth

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Bodenständige Menschen im Norden der Oberpfalz: Der Erreger könnte sich über eine Traditionsveranstaltung eingeschlichen haben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Was ist los im Nordosten Bayerns? Dort schwelt seit März der gefährlichste Coronavirus-Ausbruch Deutschlands. Nirgendwo sonst ist das Fallaufkommen so hoch wie im Kreis Tirschenreuth, nicht einmal in New York. Liegt es am Starkbier? Es gibt eine Vermutung.

Die weltweite Coronavirus-Pandemie erfasst Deutschland alles andere als gleichmäßig. Regional treten erheblich unterschiedliche Fallzahlen auf. Einige Bundesländer sind deutlich stärker betroffen als andere. Im Freistaat Bayern jedoch ragt ein einzelner Landkreis seit Tagen aus der Statistik der Infektionsfälle heraus: Im Landkreis Tirschenreuth gibt es deutschlandweit das mit Abstand höchste Fallaufkommen.

Zuletzt stieg die sogenannte Inzidenz, also die Summe aller bisher festgestellten Ansteckungen mit dem Erreger Sars-CoV-2, in dieser beschaulichen Gegend in der nördlichen Oberpfalz rein rechnerisch bis auf 1131 Fälle je 100.000 Einwohner. In Deutschland ist das ein absoluter Spitzenwert, der in keiner anderen Region auch nur annähernd erreicht wird. Selbst im Kreis Heinsberg, in dem es zum ersten größeren Coronavirus-Ausbruch in Deutschland gekommen war, liegt die Inzidenz "nur" bei 580,4 Fällen.

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Zum Vergleich: Der US-Bundesstaat New York, die am schlimmsten betroffene Region in den USA, kommt aktuell nur auf ein Fallaufkommen von knapp 670 Infizierten je 100.000 Einwohner. In absoluten Zahlen gerechnet gibt es im Nordosten Bayerns natürlich sehr viel weniger Erkrankte als in New York. Schließlich leben im Landkreis Tirschenreuth insgesamt nur gut 72.000 Menschen. Doch als Vergleichsgröße muss die extrem hohe Inzidenz dennoch alarmieren: Schließlich sind die Kapazitäten der örtlichen Gesundheitsversorgung entsprechend geringer und nicht auf solche außergewöhnlichen Spitzenbelastungen ausgelegt.

Im Zentrum des regionalen Coronavirus-Ausbruchs steht die Kleinstadt Mitterteich, die rund 50 Kilometer östlich von Bayreuth entfernt liegt. Bis zur tschechischen Grenze und dem bayerischen Grenzübergang Waldsassen sind es von Mitterteich weniger als elf Kilometer. Der Alltag der Menschen, das Wirtschaftsleben und der überregionale Austausch verlaufen hier eigentlich in eher gemäßigten Bahnen. Dennoch nahm eine der bisher folgenreichsten Infektionsketten in Deutschland ausgerechnet hier ihren Ausgang.

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Auf diese Berühmtheit hätte das kleine Städtchen Mitterteich gern verzichtet: Die Kommune in der Oberpfalz war am 19. März die erste in Deutschland, in der wegen der Coronavirus-Krise eine strenge Ausgangssperre verhängt wurde. Mittlerweile haben sich im umliegenden Landkreis Tirschenreuth insgesamt bereits 820 Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt. 48 Einwohner, die im Zuge der Ansteckungswelle an Covid-19 erkrankten, sind bisher gestorben. Mehrere Patienten liegen noch im Krankenhaus.

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus versetzten Mitterteich in den Ausnahmezustand: Die Polizei kontrollierte an den Hauptzufahrtsstraßen. Berufstätige durften nur zur Arbeit fahren, andere zum Einkaufen gehen. Aber wer nicht in Mitterteich wohnt oder etwas anliefert, der durfte den Ort nicht mehr betreten. Zeitweise stand zu befürchten, dass die Krankenhäuser der Region bald an ihre Grenzen gelangen.

Wie konnte es so weit kommen? Die 6500-Einwohner-Stadt entwickelt sich abseits der übrigen Ansteckungsgebiete und unabhängig von den bekannten Risikogebieten im Ausland binnen weniger Wochen zum landesweit aktivsten Coronavirus-Hotspot. Warum hat sich das Virus ausgerechnet hier so stark ausgebreitet?

Fest steht bislang nur, dass die Zahl der Infizierten und der dadurch an Covid-19 erkrankten Menschen Mitte März plötzlich auffallend stark angestiegen war. Als möglicher Ausgangspunkt des Ausbruchs wurde schnell ein in der Region beliebtes Großereignis vermutet: das "41. Starkbierfest des Burschenvereins der Renner". Tatsächlich wurde dort am Abend des 7. März im Beisein des Bürgermeisters und unter den Klängen einer Blaskapelle in der zur "Bierhalle" umgebauten Mehrzweckhalle das erste Fass Starkbier der Sorte "Süffikus" angestochen.

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Gesicherte Erkenntnisse zum Ansteckungsgeschehen in Mitterteich liegen noch nicht vor. Doch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bekräftigte diese Vermutungen sogar in einer Regierungserklärung zur Coronavirus-Lage im Freistaat: Das Starkbierfest sei vermutlich für die regionalen Fallzahlen verantwortlich, sagte er im Münchner Landtag. Die Annahme klingt plausibel: Die Großveranstaltung zieht seit Jahren Menschen aus der ganzen Umgebung an. "Starkbierfest in Mitterteich ist einfach Kult", heißt es in früheren Berichten über die Veranstaltung. "Da muss man einfach dabei gewesen sein." Lokale Medien sprechen vom "mit Abstand größten und wohl auch attraktivsten Starkbierfest in der Region".

Wenn die Theorien zum Starkbierfest als Ansteckungsherd stimmen, dann unterstreichen die Ereignisse in Mitterteich und der Umgebung vor allem, welche Bedeutung der Kontaktreduzierung und der Absage von Veranstaltungen zum Schutz der Bevölkerung zukommt. Am Abend des 7. März waren in Deutschland bereits 799 Coronavirus-Fälle bekannt. Die ersten beiden Todesfälle sollten sich zwei Tage später ereignen. Das RKI schätzte das Risiko zu diesem Zeitpunkt noch als "gering bis mäßig" ein. Großveranstaltungen wie die Berliner Tourismusmesse ITB waren da bereits längst abgesagt.

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In Mitterteich jedenfalls soll das Starkbier an jenem Abend "in Strömen in die Kehlen der vielen Besucher" geflossen sein. Die "Burschen" hinter dem Tresen und die "fleißigen Bedienungen" hätten "alle Hände voll zu tun" gehabt, heißt es, um "die durstigen und bierseligen Besucher mit Nachschub zu versorgen". Die vielen Besucher aus der Region genossen "bayerische Lebensfreude, gepaart mit Tradition und viel Gaudi".

Die "Bierhalle" drohte im Lauf des Abends allerdings nicht, wie ursprünglich hier berichtet, "vollends aus allen Nähten zu platzen". Lokale Medien berichteten in den Tagen danach von "wesentlich weniger Besucher als in den Vorjahren". Doch habe dies "der Stimmung keinen Abbruch" getan, hieß es. Vielmehr soll es an diesem Abend Anfang März "legerer und lockerer" zugegangen sein, wie es zum Beispiel auf den Seiten der in der Region erscheinenden "Oberpfalz Medien" heißt. "Auffallend" war demnach, dass in diesem Jahr kaum Besucher aus den mittleren Altersgruppen vertreten waren. Die Jugend sei "weitestgehend unter sich" geblieben.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde überarbeitet und durch zusätzliche Angaben zum Besucheraufkommen ergänzt.

Ob tatsächlich das bierseelige Fest mit engen Sitzbänken und feucht-fröhlicher Stimmung am 7. März verantwortlich war, kann noch niemand sicher sagen. In Mitterteich selbst scheint es wenig Zweifel daran zu geben. Der rasche Anstieg der Fallzahlen und die schnelle Ausbreitung in der ganzen Region legen einen Zusammenhang zumindest nahe.

Doch mittlerweile gibt es immerhin Anzeichen der Besserung: Auch im Landkreis Tirschenreuth zeigt die strikte Distanzierung offenbar Wirkung. Drei Wochen nach dem Verhängen der bundesweit ersten Coronavirus-Ausgangssperre im oberpfälzischen Mitterteich konnten die Vorschriften vorzeitig gelockert werden. Seit diesem Dienstag gelten in der Kleinstadt nun dieselben Ausgangsbeschränkungen wie in ganz Bayern. Das heißt: Alle Kontakte zu anderen Menschen außerhalb der Familie und des eigenen Haushalts müssen weiterhin "auf ein absolutes Minimum" reduziert werden.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa