Leben

Bye-bye, Umami Wie Covid-19 die Geschmackswelt lähmt

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Auch ein Vierteljahr nach der Corona-Infektion bleibt die Geschmacksexplosion aus.

Wer bei einer Covid-19-Erkrankung nur milde Symptome entwickelt, kann sich glücklich schätzen. Trotzdem gibt es oft Spätfolgen. Bei unserem Autor ist es ein trüber Schleier, der über seinem Geschmackssinn liegt und ihm den Luxus des Schmeckens und Genießens nimmt.

Allmählich frage ich mich, ob ich den Geschmack der Nummer 14 falsch in Erinnerung habe. In meinem Gedächtnis sind Zitronengras, Galgant und Kokosmilch abgespeichert. Ebenso Koriander und Fischsoße. Erwartungsvoll führe ich den Löffel zum Mund, puste, schlürfe und warte. Warte darauf, dass sich der Geschmack entfaltet, den ich so oft erlebt und doch nie satt habe. Doch es passiert - nichts. Statt der normalerweise rasch einsetzenden Chili-Schärfe, die die Zunge leicht betäubt und den Mund mit wohliger Wärme füllt, ist da bloß ein leichtes Brennen. Auf ein buntes Aromenspiel warte ich vergeblich und schmecke vor allem salzig (vermutlich Sojasoße) und süß (das dürfte die Kokosmilch sein), mehr nicht. Ich weiß, ich esse Tom Kha Gai. Ich weiß, wie dieses Gericht schmeckt. Doch Optik und Aroma passen nicht zusammen.

Die letzte echte Geschmacksexplosion, an die ich mich erinnern kann, liegt bereits gute drei Monate zurück. An meinem Geburtstag verschlägt es eine Freundin und mich in ein etwas schickeres Restaurant. Uns begleiten leichte Bedenken. Schließlich steigt die Zahl der Neuinfektionen in Berlin rasant an, unser Bezirk ist Corona-Hotspot. Doch der Laden ist gut belüftet, das Personal trägt Handschuhe und Masken. Wir sind vorsichtig und nach gründlichem Händewaschen guter Dinge.

Es gibt Beef Tatar, Rumpsteak, getrüffelten Kartoffelstampf und Portwein-Jus. Eine Crème Brûlée rundet das Menü ab und lässt uns auch das letzte Fünkchen Sorge vergessen. Dass wir kurz darauf das Lokal nicht nur mit vollen Bäuchen, sondern auch mit einem besonderen Souvenir verlassen, ahnen wir noch nicht. Vier Tage später zeige ich erste Symptome, die mich zunächst jedoch nicht beunruhigen. Schnupfen und ein kratzender Hals sind im Herbst schließlich nichts Ungewöhnliches. Doch dann wird es doch noch ziemlich ungemütlich. Plötzlich sind sie da, die heftigen Kopfschmerzen, der trockene Husten, das Fieber. Das Wochenende verbringe ich im Bett, an mehr ist nicht zu denken.

"Sie sind positiv"

Den Ausschlag, mich auf das Coronavirus testen zu lassen, gibt schließlich mein Frühstück. Denn komischerweise schmecken Kaffee, Müsli und Orangensaft komplett gleich, nämlich nach nichts. Statt bitter, süß und sauer nehme ich nur noch flüssig, knusprig und nochmal flüssig wahr. Konsistenzen ersetzen Geschmäcker, und ich kriege es allmählich mit der Angst zu tun. Also hieve ich mich zu meiner Hausärztin. Der PCR-Test ist nicht so unangenehm wie erwartet, und das Ergebnis liegt 24 Stunden später vor. "Sie sind positiv", höre ich die Ärztin am Telefon sagen und mich durchfährt ein Schreck. Ich hoffe das Beste, während ich das Schlimmste erwarte. Doch ich scheine Glück zu haben. Das Fieber sinkt nach wenigen Tagen, auch die migräneartigen Kopfschmerzen klingen langsam ab. Als nach etwa anderthalb Wochen auch Husten und Schnupfen sich verabschieden, glaube ich, das Gröbste durchgestanden zu haben. Doch was noch lange bleiben soll, sind extreme Erschöpfung und ein bitterer Nachgeschmack. Zumindest im übertragenen Sinne.

Ich würde mich als einigermaßen sportlich bezeichnen, bin 31 und ohne Vorerkrankungen. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr erstaunt, wie sehr mich Sars-Cov-2 umgehauen hat. Nach zehn Tagen endet meine Quarantäne und ich traue mich vorsichtig vor die Tür. Doch der lang ersehnte Spaziergang strengt mich derart an, dass ich ihn nach 15 Minuten abbreche, mich in meine Wohnung schleppe und mich erst einmal ausruhe. Staubsaugen, Treppensteigen, an- und ausziehen - alles ist viel anstrengender als sonst. Ich pfeife auf dem letzten Loch, selbst noch vier Wochen nach den ersten Symptomen. Ich baue gezielt Ruhepausen in meinen Alltag ein, nehme mir mehr Zeit. Und auch in der Küche - ein Ort, an dem ich normalerweise gerne viel Zeit verbringe - trete ich einige Schritte kürzer. Einerseits, weil mich putzen, schnippeln und braten wahnsinnig anstrengen. Andererseits, weil ich ohnehin nichts schmecke.

Seit meiner Covid-19-Erkrankung liegt über meinem Geschmackssinn ein trüber Schleier. Es wirkt gespenstisch, wenn beim Verzehr jeglicher Lebensmittel eher Ahnungen als tatsächliche Eindrücke entstehen. Schade um mein gut gefülltes Gefrierfach, das derzeit mit Eissorten wie "Mandelkrokant", "Cashew-Tonkabohne" und "Banane mit Milchcreme" ausgestattet ist. Doch leider sind das nur noch Produktbezeichnungen für mich, die nicht mit Geschmäckern verbunden sind. Als ich auf den Tonka-Kick warte, der irgendwo zwischen Vanille, Marzipan und Kaugummi anzusiedeln ist, bleibt es bei kalt und cremig. Das war's. Auch im herzhaften Segment sieht es nicht besser aus. Da könnte scharfer Senf auch Zahnpasta sein, schmeckt selbst der intensivste Käse nach halbfett und Reis quasi neutral. Dass das Abendessen nach mehrmaligem (und zwecklosem) Abschmecken vollkommen versalzen ist, merke ich erst daran, dass ich im Anschluss das Bedürfnis verspüre, Unmengen an Wasser zu trinken.

Manchmal kommt etwas im Gehirn an

Ich koche und esse für mein Leben gern, es macht mich glücklich. Und so sehr ich es genieße, neue Gerichte auszuprobieren, Geschmäcker zu erleben und Texturen zu erkunden, so oft nehme ich dieses Privileg als gegeben hin. Die Vielfalt an Produkten, die meinen Kühlschrank füllen, reflektiert mein Interesse am Kochen, meine Freude am Essen und Genießen. Doch der Käse aus der Steiermark, der italienische Espresso und bunte Tomaten, die wirklich nach Tomaten schmecken, spiegeln auch mein gesellschaftliches und monetäres Standing wider: Mir geht es gut, auch wenn ich von regelmäßigem Trüffel-Genuss und Steaks mit Blattgold meilenweit entfernt bin. Doch die Zeiten von viermal die Woche Nudeln mit Pesto sind auch vorbei. Ich habe es zum gelegentlichen Griff ins Öko-Regal des Supermarkts geschafft, bis zum kompletten Einkauf im Biomarkt ist es aber noch ein Stück Weg.

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Die Pandemie weist mich sehr direkt auf meine eigenen gesellschaftlichen Privilegien hin. Und auf eines, das mir bisher nicht bewusst war: das Privileg des Genusses. Essen und Schmecken sind wahrer Luxus. Aromen machen mein Leben bunter. Das beginnt schon mit dem täglichen Kaffeeritual, wenn der herbe Duft der gerösteten Bohnen durch die Küche zieht. Nun schmeckt der Kaffee höchstens wie eine warme Milch, immerhin mit bitterem Abgang. Um den Unterschied zwischen Mandel- und Bananeneis zu erkennen, muss ich mich voll auf den Geschmack konzentrieren. So wird der Nachtisch zur Sinnesübung. Auf derart andächtiges Essen habe ich aber nicht immer Lust. Also garniere ich die Nummer 14 seit Neuestem gerne mit Unmengen an scharfer Soße. Wenn Tom Kha Gai allein nicht reicht, müssen halt schwerere Geschütze her. Denn ich will schmecken.

Meine Coronavirus-Infektion liegt nun ein Vierteljahr zurück. Mittlerweile werden weltweit fast zwei Millionen Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet. Ich weiß, ich hatte Glück. Ich fühle mich fit und genesen, meine Kraft habe ich zurückerlangt. Fahrradfahren, Joggen und Einkaufen sind ohne anschließenden Mittagsschlaf wieder möglich. Auch mein Geschmackssinn scheint sich langsam zu erholen. Seit etwa einem Monat gibt es gute und schlechte Tage. An manchen kommt etwas im Gehirn an, wenn ich plötzlich den Koriander aus meinem Mango-Salat herausschmecke. Dann durchzuckt mich eine Welle der Freude: Koriander, Wahnsinn! An anderen Tagen hingegen könnte eine Scheibe Brot auch ein Stück Kuchen sein. Dann gibt es wieder keinen Unterschied zwischen Kaffee, Tee und heißem Wasser. Dann herrscht wieder gähnende Leere auf der Zunge.

Quelle: ntv.de