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Covid-19 greift Sinne an Wie Corona-Patienten wieder riechen lernen

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Riechen und das damit verbundene Schmecken hat nicht nur mit Genuss zu tun. Über diese Sinne nehmen Menschen auch Warnsignale wahr.

(Foto: imago images/Westend61)

Nichts mehr riechen können: Der Verlust des Geruchssinns gilt mittlerweile als eines der häufigsten Symptome für Covid-19. Manche Betroffene können selbst nach Monaten keine Düfte wahrnehmen. Ihr Leidensdruck ist hoch. Ein spezielles Riechtraining soll Abhilfe schaffen.

Der warme Duft von frischgebackenen Plätzchen, das intensive Aroma von geschälten Orangen, aber auch der warnende Gestank von schlecht gewordener Milch - all das können viele Menschen nach einer Infektion mit dem Coronavirus nicht mehr wahrnehmen. Zu Beginn der Pandemie fiel die Sinnesstörung nur als Begleiterscheinung auf. Inzwischen sind Geruchs- und Geschmacksstörungen bis hin zum Verlust längst als eines der Hauptsymptome nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 bekannt.

Laut Robert-Koch-Institut leiden 21 Prozent der Covid-19-Patienten unter entsprechenden Beschwerden. In Fachartikeln ist teilweise eine Häufigkeit von 30 bis 40 Prozent angegeben. Eine internationale Umfrage des Forschungszentrums Jülich ergab jüngst sogar: 80 Prozent der Erwachsenen mit positiver Diagnose berichten von Einbußen ihres Riechvermögens. Ein Großteil von ihnen beklagt sogar den vollständigen Verlust ihres Geruchssinns.

Zwar tritt das Symptom nicht nur bei Corona-Patienten auf. Jedes Jahr verlieren rund 50.000 Menschen in Deutschland ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Auslöser kann auch eine Grippe oder Erkältung sein. Die Intensität und Häufigkeit sticht bei Covid-19-Patienten allerdings besonders heraus. Im Vergleich zu anderen Infekten, "fällt der Verlust des Geruchs bei ihnen stärker aus - und dauert meist länger", sagt Jan Löhler vom Deutschen Berufsverband der HNO-Ärzte ntv.de. Manchmal sei er sogar das einzige Symptom der Erkrankung. "Das ist neu für uns", so der Geruchsexperte.

Unter den Betroffenen ist der Leidensdruck hoch. "Einige leiden extrem", sagt Löhler. Weil der Geschmack stark vom Geruch abhänge, schmecke das Essen nur noch fade. Dadurch sinke die Lebensqualität. Riechen sei auch für Emotionen zuständig, erklärt der HNO-Arzt. "Wenn man zum Beispiel den Partner nicht mehr riechen kann, hat dies weitreichende Auswirkungen, beispielsweise auf das Sexualleben." Zudem hat Riechen und das damit verbundene Schmecken nicht nur mit Genuss zu tun. Über diese Sinne nehmen Menschen auch Warnsignale wahr. Fallen diese weg, könnten verdorbene Lebensmittel oder ein Brand in der Wohnung nicht bemerkt werden, sagt Löhler.

Riechen kann man lernen

In vielen Fällen kehren sowohl Geschmacks- als auch Geruchssinn nach wenigen Wochen zurück. Doch manche Menschen können auch mehrere Monate nach einer überstandenen Infektion immer noch nichts schmecken oder riechen. Hilfe verspricht dann ein gezieltes Training, ein sogenannter "Schnupperparcours", wie der Deutsche Berufsverband der HNO-Ärzte auf seiner Website schreibt.

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Priv.-Doz. Dr. Jan Löhler ist Facharzt für HNO-Heilkunde und Landesvorsitzender Schleswig-Holstein des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte.

(Foto: Lopata/axentis.de)

"Sars-CoV-2 befällt die Nasenschleimhaut und zerstört die Epithelzellen, die für das Riechen verantwortlich sind", erklärt Löhler. Ein paar blieben aber oft übrig. Diese sich regenerierenden Riechzellen, die zum Teil Gerüche nur partiell wahrnehmen können, versuche man mit gezielten Riechübungen zu mobilisieren. "Mithilfe von charakteristischen Düften wird das Gehirn darauf trainiert, die Teilinformationen zu nutzen, um den Gesamteindruck zu erinnern."

In der Praxis funktioniert das so: Patienten suchen sich charakteristische Gerüche wie Nelke, Pfefferminz, Kaffee oder das Lieblingsparfum aus - eben Düfte, von denen sie sehr gut wissen, wie sie riechen. "Dann schließen sie die Augen, stellen sich vor, wie das riecht, und schnüffeln vorsichtig daran", erklärt Löhler. Möglicherweise werden die Gerüche anfangs nur ganz schwach wahrgenommen. Oder riechen vielleicht sogar ganz anders. "So kann das Gehirn neu lernen, den Sinneseindruck wieder richtig zuzuordnen."

Wer auf schnelle Ergebnisse hofft, den muss Löhler enttäuschen. Die Übung sollte zweimal am Tag für zehn bis 15 Minuten wiederholt werden - und das über einen langen Zeitraum. "Ein halbes Jahr sollte man das Riechtraining auf jeden Fall machen", empfiehlt der Arzt. Mit der Zeit könnten dann auch komplexere Gerüche wahrgenommen werden.

Wie sind die Erfolgsaussichten?

Doch hilft so ein Training wirklich - oder wäre der Geruchssinn nach einer gewissen Zeit auch von alleine wieder zurückgekehrt? Da eine Spontanheilung durchaus möglich ist und bei einigen Patienten eintritt, lässt sich der Erfolg einer Riechtherapie nicht eindeutig belegen, zumal größere Studien zur Wirksamkeit bislang fehlen.

Eine kleine Untersuchung an deutschen Unikliniken konnte allerdings einen gewissen Effekt nachweisen. Nach einem 18-wöchigen Training konnten immerhin 26 Prozent der Teilnehmer eine Verbesserung ihrer Riechleistung feststellen. In der Placebo-Gruppe, die nur extrem schwache Düfte zum Schnuppern bekamen, waren es hingegen nur 15 Prozent.

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Griechische Forscher der "Smell and Taste Clinic" in Thessaloniki konnten sogar noch bessere Ergebnisse erzielen: Sie ließen Patienten ebenfalls im Rahmen ihrer Studie zweimal täglich an vier verschiedenen Düften riechen. Die Ergebnisse: In der Langzeitgruppe berichteten nach Studienende 71 Prozent der Probanden von einer Verbesserung der Riechleistung. In der Kurzzeitgruppe waren es 58 Prozent. In der Kontrollgruppe nur 37 Prozent.

Auch Löhler berichten immer wieder Patienten über Erfolge durch das Riechtraining. "Es kann aber auch durchaus passieren, dass der Geruchssinn trotzdem nicht zurückkehrt", sagt der Experte. Wie Menschen auf so einen anhaltenden Verlust reagierten, sei sehr unterschiedlich. Manche fänden sich einfach damit ab. "Wer allerdings bereits zuvor unter Depressionen gelitten hat, leidet möglicherweise stärker darunter." Der Geruchssinn werde meist unterschätzt, so Löhler. "Wie wichtig er ist, merkt man oft erst, wenn man ohne ihn auskommen muss."

Quelle: ntv.de