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Viertägiger Rausch Das verrückteste Festival der Welt

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Die Besucher des Exit-Festivals fühlen sich wie im Rausch.

(Foto: EXIT Festival)

Techno, Metal Folk-Rock, Reggae - auf dem EXIT Festival im serbischen Novi Sad kann man alles erleben. Und das auf einer imposanten Festung aus dem 17. Jahrhundert.

Es knallt und donnert, als ein riesiges Feuerwerk den Himmel über der Donau erhellt. Das EXIT Festival kommt gerade erst in die Gänge, doch eins ist schon jetzt klar: Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. 40 Bühnen und Zonen, auf denen über 1.000 Acts auftreten, gibt es auf dem Festival, von Techno über Reggae bis zu Metal. Und um es noch ein bisschen aufregender zu machen, dient als Location die Petrovaradin Festung aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Kein Wunder, dass das EXIT schon zweimal mit dem European Festival Award als bestes Festival Europas ausgezeichnet. Das EXIT Festival ist ein viertägiger Rausch, bei dem alles extrem ist: Die Nächte lang, die Temperaturen heiß, das Bier billig - und, nur so als Tipp, die Mücken durstig.

Statt findet das EXIT Festival in dem hübschen Novi Sad, die zweitgrößte Stadt Serbiens. 2019 ist sie Europäische Jugendhauptstadt, in zwei Jahren – als erstes Beitrittsland überhaupt – Europäische Kulturhauptstadt. Der Lonely Planet hat Novi Sad deshalb schon dieses Jahr zu einem der zehn Top Reiseziele erklärt. Die Festung Petrovaradin, die von den Habsburger erbaut wurde und einst Europas größte Festung war, trägt den Spitznamen "Gibraltar an der Donau", und es könnte wirklich keine abgefahrenere Location für ein Festival geben.

Man kann sich auf dem riesigen Gelände wunderbar verlieren. Wir schlendern durch gepflasterte Gassen, durch Wälle und Tunnel. Hinter jeder zweiten Ecke verbirgt sich eine Bühne. Hier geht es eine Treppe hoch, dort wieder eine hinunter, vorbei an einer Silent Disco, wo die Leute mit Kopfhörern tanzen, und einer Karaoke Stage, einem Friseursalon und einer Telefonzelle, über die man Blind-Date-mäßig andere Festivalbesucher kennenlernen kann. Bis zu 56.000 Menschen strömen pro Abend über eine der Donaubrücken in die Festung. Die meisten von ihnen sind zum Feiern hier. Elektronische Musik ist inzwischen das Kerngeschäft des EXIT. Und die Dance Arena das große Zugpferd: In einen Graben gelegen, eingepfercht zwischen zwei hohen Mauern und erreichbar über eine wirklich waghalsige Treppe, steht ein Monstrum von einer Bühne, mit Scheinwerfern imposant in Szene gesetzt. Ein Kessel des Wahnsinns.

DJ-Legenden zeigen ihr Können

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Namenhafte DJs legen beim EXIT auf.

(Foto: EXIT Festival)

Wir landen bei Monika Kruse. Die Berliner Techno-Legende steht hinter einer hohen LED Wand, auf der sicherheitshalber das Wort "DJ" aufleuchtet. Nur, falls einer nicht weiß, was Sache ist. Neben uns tanzen ein Indianer und ein Zebra zu den gleichförmigen Techno-Beats. Von Lautstärke-Limits hat in Serbien ganz offenbar noch niemand etwas gehört, und so geht der Bass durch Mark und Bein. Nur den eigenen Körper und den Beat spielen – DJs wie Carl Cox und Maceo Plex, Paul Kalkbrenner und Dimitri Vegas & Like Mike legen hier bis in den Morgen auf: um fünf Uhr früh erhebt sich die Sonne langsam über der Festung. Das reguläre Programm auf dem EXIT Festival geht bis 8 Uhr. Wer danach noch kann, folgt den Schildern mit der Aufschrift "After Party". Bis zum Mittag raven sie dort zu pulsierenden Beats.

Aber nicht nur Fans elektronischer Musik kommen auf ihre Kosten. Auf der Hauptbühne stehen im Laufe des Wochenendes unter anderem der britische Pop-Sänger Tom Walker ("Leave A Light On"), Pantera-Legende Phil Anselmo, die amerikanische Band Greta van Fleet mit ihrem Led-Zeppelin-Gedächtnisrock und das EDM-Pop-Duo The Chainsmokers, das während seines Sets Samples von The White Stripes über Rocky bis zu König der Löwen aneinander reihen und mit Nebelfontänen, Konfettiregen und Feuerwerk untermalen. Und dann sind da noch The Cure, die am ersten Abend ein wirklich famoses Best-Of-Set spielen. Nicht nur das Publikum ist euphorisch, auch Sänger Robert Smith tänzelt am Ende geradezu beflügelt über die Bühne.

Vereint feiern alle zusammen

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Egal welche Musikrichtung man bevorzugt: Bei EXIT feiern alle zusammen.

(Foto: EXIT Festival)

Am besten ist das EXIT Festival aber, wenn man sich einfach treiben lässt. Wenn man einfach der Nase folgt. Vor allem der obere Teil der Festung ist voll mit kleinen Bühnen. Bei einem unserer Rundgänge erleben wir eine Folk-Rock-Band aus Serbien, holen uns an der Disco-Bühne einen Cocktail, nicken im Vorbeigehen kurz zu Reggae-Beats, tanzen dann zwischen zwei Mauern zu einem ziemlich coolen Drum-&-Bass-Act und moshen danach an der Metal-Bühne zu den schweren Riffs von Siberian Meat Grinder. Genres spielen hier wirklich keine Rolle. Und das schöne ist: Alle feiern zusammen.

Genau das ist übrigens auch die Idee hinter dem EXIT. Gegründet wurde das Festival im Jahr 2000 von einer Gruppe Studenten, die für Demokratie und Freiheit kämpften. Nach dem Zerfall Jugoslawiens wollten sie der Jugend in Serbien eine Alternative und kulturelle Wiederbelebung bieten – einen "exit" eben, also Ausgang. "EXIT war nach den Kriegen der Neunziger das erste Massen-Event, dass junge Leute aus Ex-Jugoslawien an einem Ort vereint hat", sagt EXIT-Gründer Dušan Kovačević. "Das Petrovaradin Fort wurde dadurch das Fort des Friedens." EXIT sei nicht bloß ein Festival, sondern eine Bewegung, ein Symbol für Fortschritt und ein Motor für Veränderung in der Gesellschaft. Auch wenn heute alles eine Spur kommerzieller ist, mit VIP Areas und allem Pipapo, ist dieser Spirit nach wie vor spürbar.

Für uns geht das Festival mit einer letzten Runde durch die Festung zu Ende. Noch einmal alle Eindrücke aufsaugen. Bei der Silent Disco ist kein Reinkommen, an der Karaoke-Stage singt jemand Nirvana. An der Reggae-Bühne wird immer noch gechillt und in der Dance Arena ist die Hölle los. Kurz vor dem Ausgang hängt noch ein Schild: Rechts geht’s zur After Party. Vielleicht doch noch mal kurz vorbeigucken…?

Quelle: n-tv.de

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