Unterhaltung

Nachfolgerroman von "Auerhaus" Flucht vor dem Väterfluch

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Der Selbstmord seines Vaters belastet Hauptfigur Höppner bereits seit seiner Kindheit.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wie lebt jemand weiter, der seinen Vater an die Depression verliert? "Auerhaus"-Autor Bov Bjerg erzählt in seinem neuen Roman "Serpentinen" die Geschichte von Höppner, der versucht, sich von seiner düsteren Familientradition zu befreien. Eine Reise in die Heimat soll ihm dabei helfen.

Ein Junge verliert mit sieben Jahren seinen Vater. Es ist ein Muster, das sich durch die Familie zieht: Vom Vater bis zum Urgroßvater haben sich alle Männer das Leben genommen. Und der Junge, inzwischen erwachsen und selbst Vater, droht, es ihnen gleichzutun. Bov Bjergs "Serpentinen" ist ein Roman über den Kampf eines Mannes gegen sich selbst. Entweder er hält seinen Schmerz aus oder er bereitet dem Ganzen ein Ende. Dazwischen gibt es nichts. Nur Leben oder Tod.

Die Geschichte wird abermals aus der Sicht Höppners erzählt. Genauso wie im Vorgängerroman "Auerhaus". Dieser handelt von Höppner und seinem Freund Frieder und davon, wie die beiden als Teenager zusammen unter ein Dach ziehen, um Frieder davon abzuhalten, sich umzubringen. In seinem neuen Roman traut sich Bjerg erneut an das Thema Depression und erneut gelingt es ihm, keine Opfer zu zeichnen, sondern Figuren, deren Gedanken und Taten nicht immer klug, aber nachvollziehbar erscheinen. "Serpentinen" steht allerdings für sich und erfordert kein Vorwissen.

Höppner, mittlerweile in seinen Vierzigern, fährt mit seinem Sohn in die alte Heimat nahe Stuttgart. Die Familie lebt in Berlin, dort arbeitet Höppner als Soziologe an der Universität. Seine Frau ist Expertin für Strafrecht. Der Junge hat Schulferien und Höppner nimmt ihn mit auf eine Fahrt in die Gegend mit den Serpentinen, wo er aufgewachsen ist. Vater und Sohn sind alleine unterwegs, teilen sich ein Zimmer in einer Pension. Das Handy liegt ausgeschaltet in einer Blechdose, niemand kann die beiden erreichen, auch die Mutter nicht.

In die Seele gefressen

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Was nach einem idyllischen Heimaturlaub klingt, ist für den Vater vor allem eine Reise in eine vergiftete Vergangenheit. Erinnerungen an die erste Beichte in der Kirche kommen hoch, an den alkoholkranken Vater, an die Legenden, die ihm seine Verwandten erzählt hatten und die Höppner "Familienbla" nennt. Nach und nach hatte er verstanden, dass seine Familie eine Nazivergangenheit hat und die Geschichten nicht aufgehen. All das gilt es aufzuarbeiten. Während der Reise steht auch ein Besuch bei der dementen Mutter im Altersheim an, genauso wie bei Frieders Grab.

Auf Höppner lastet die Historie der Väter in seiner Familie und ihrem freiwilligen Weg aus dem Leben. Es ist ein Trauma, das sich in seine Seele gefressen hat. Ein Satz trifft diesen Umstand besonders: "Sich trösten zu lassen, sich abzufinden, das war die wahre Geisteskrankheit." Gleichzeitig weiß Höppner: Bringt er sich um, setzt er die Tradition der lebensmüden Väter fort.

Der Junge, wie er durchgängig genannt wird, ist etwa in dem Alter, in dem Höppner war, als er seinen erhängten Vater fand. Und auch Höppner trinkt - wie sein Vater - ein wenig zu viel Alkohol, wobei er sich auf Dosenbier beschränkt. Mit diesen Parallelen spielt der Roman. "Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?", fragt sich Höppner nicht nur einmal. Dass er anerkannter Wissenschaftler war, sein Leben äußerlich in geregelten Bahnen verlief, all das befreite ihn nicht von der Vergangenheit. Er blieb der Sohn seines Vaters.

Reduzierte Sprache zieht in Höppners dunkle Gedankenwelt

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"Serpentinen" ist im Claassen-Verlag erschienen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Manche Worte setzt Bjerg wie Nadelstiche. Die reduzierte Sprache verleiht dem Roman einen nüchternen Grundton, der in Höppners mitunter dunkle Gedankenwelt zieht. Der Leser muss fürchten, dass Höppner nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Kind etwas antun könnte - so würde zumindest seinem Sohn das gleiche Schicksal erspart, so sein Gedanke.

Es bleibt unklar, wie sich Höppner entscheiden wird. Mit dieser Spannung arbeitet Bjerg und das gelingt ihm sehr gut. Er gibt genügend Raum, angedeutete Bilder weiterzuspinnen, Fakten zu ordnen und sich ein eigenes Bild von Höppners Seelenzustand zu puzzeln. Aussagen Höppners wiederholen sich fast wortgleich, die Depression färbt seinen Blick auf die Welt mit Zynismus. "Serpentinen" ist ein besonderer Roman, weil er unterhält, ohne den Respekt vor der Krankheit zu verlieren. Höppner bleibt bis zum Ende eine streitbare Figur, ein sympathischer Antiheld.

Keine Wohlfühlatmosphäre wie in "Auerhaus"

Genauso wie schon in "Auerhaus" verpackt Bjerg die ernsten Themen in eine Watte aus Nostalgie und Alltagsrealität. Diese Realität zeigt sich auch in kursiv eingerückten Fakten aus dem wahren Leben. Etwa mit einem Ergebnis der Landtagswahl in Baden-Württemberg aus dem Jahr 1968, als die NPD 9,82 Prozent erreichte - auch mit der Stimme von Höppners Vater.

Der Roman klingt dadurch an vielen Stellen deutlich sachlicher als sein Vorgänger, in dem noch eine gewisse Wohlfühlatmosphäre herrschte - aus jugendlichem Leichtsinn und der gewonnenen Freiheit durch das Abnabeln vom Elternhaus. Davon ist in "Serpentinen" nichts mehr zu spüren. Das Leben bleibt ein Kampf.

Quelle: ntv.de