Unterhaltung

Lindemanns Vergewaltigungslyrik Ist das Kunst oder kann das weg?

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Provoziert gern: Till Lindemann. Aber nehmt das doch nicht so ernst, ihr motherfucker, er will nur spielen!

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Im folgenden Text werden Sie, lieber Leser, ein Gedicht von Till Lindemann lesen. Sagen wir mal, FSK 16, wenn es ein Film wäre. Der Rammstein-Frontmann ist bekannt für sein zartes Wesen und sein Händchen für Zeitgeist. Und große Texte, findet wohl sein Verlag. Und Sie?

Okay, der Aufreger war schon letzte Woche, aber da hatten wir hier echt anderes zu tun. Jetzt, so am Sonntagabend, da gönnt man sich mal was, da will man abschalten, da will man vielleicht etwas lesen, bevor man vor der Glotze landet. Was böte sich da besser an als ein bisschen zeitgenössische Lyrik, zumal, wenn sie von einem erfolgreichen deutschen Künstler stammt, der immer gut ist für eine Schlagzeile und dessen Aussagen einem einfach nicht egal sein können. Im Guten wie im Schlechten. Wie Sie das im konkreten Fall nun finden, entscheiden allein Sie! Hier nun Lindemanns Stück aus dem Band "100 Gedichte":

Wenn du schläfst (von Till Lindemann)

"Ich schlafe gerne mit dir, wenn du schläfst.
Wenn du dich überhaupt nicht regst.
Mund ist offen, Augen zu. Der ganze Körper ist in Ruhe.
Kann dich überall anfassen. Schlaf gerne mit dir, wenn du träumst.
Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht es Spaß).
Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas).
Kannst dich gar nicht mehr bewegen. Und du schläfst, es ist ein Segen."

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Lindemans Lektor findet immerhin: "Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors."

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Tja, das war's auch schon. Was soll man sagen? Dass einem 57-jährigem Mann da einfach mal Vergewaltigunsfantasien durchgegangen sind, weil ihm öde war? Dass es da einer nicht mehr bringt oder Angst hat, es nicht mehr zu bringen, wenn das "Du", das neben ihm im Bett oder auf dem Tisch oder wo auch immer liegt, lebendig ist? Dass der Dichter auf seine alten Tage zu viel Bret Easton Ellis ("American Psycho") gelesen hat? Dass er ganz einfach mal wieder provozieren wollte? Man weiß es nicht. Also schön ist es nicht, besonders lyrisch auch nicht (Geschmackssache, schon klar). Und wenn die Töchter (die man schließlich vor Rohypnol warnt, seit sie drei sind, weil K.-o.-Tropfen eine wirklich unangenehme Sache sind) mit einem solchen Typen nach Hause kämen, der "Lyrik" wie diese schreibt, dann würde man sie wohl vor dem Typen warnen und mit Enterbung drohen, sollten weitere Treffen stattfinden.

Gewaltfantasie oder Kunst?

Vielleicht könnte man aber auch für den Angeklagten argumentieren, so wie Lindemanns Lektor Helge Malchow vom renommierten KiWi-Verlag es tut: Malchow findet, dass man in all seiner moralischen Empörung das "lyrische Ich" nicht mit dem realen Till Lindemann verwechseln darf. Denn die Differenz zwischen dem "lyrischem Ich" und dem Autor sei konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gelte für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt. "Andernfalls", findet Malchow, "wären keine literarischen Fiktionen und Fantasien des Bösen, der Gewalt, wie wir sie zahlreich aus der Weltliteratur von Henry Miller über B.E. Ellis bis zu A.M. Holmes kennen, möglich und die Freiheit der Kunst wäre damit hinfällig." Womit man zu der - durchaus berechtigten - Frage kommt: "Ist das noch Kunst oder kann das weg?"

Dass dieses Gedicht - und die unterschiedlichen Interpretationen von künstlerischer Freiheit - jedes Opfer einer Vergewaltigung verhöhnt und Gewalt gegen Frauen geradezu relativiert, lange Diskussionen nach sich ziehen wird, ist programmiert. Aber momentan haben wir ja ein bisschen mehr Zeit als sonst, uns Gedanken zu machen. Schönen Abend! 

Quelle: ntv.de