Unterhaltung

Weiße Musiker spielen Reggae Konzertabbruch in der Schweiz erregt Gemüter

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So zeigt sich die Gruppe Lauwarm auf ihrer Instagram-Seite.

(Foto: Instagram / lauwarm_music)

Längst ist Reggae einer der prägenden Musikstile, die weltweit Anklang finden. In der Schweiz jedoch entbrennt nun eine Debatte über "kulturelle Aneignung". So bricht der Veranstalter ein Konzert der Gruppe Lauwarm mittendrin ab. Der Grund: Die Band lässt Reggae-Töne erklingen, obwohl sie weiß ist.

Es ist noch nicht allzu lange her, da sorgte bereits Fridays for Future in Deutschland für eine ähnliche Debatte. Im März lud die Klimaschutzbewegung die Sängerin Ronja Maltzahn von einer Veranstaltung in Hannover kurzerhand wieder aus, nachdem sie die Frisur der 28-Jährigen in Augenschein genommen hatte.

Die im niedersächsischen Bad Pyrmont geborene Maltzahn ist eine weiße Deutsche, die Dreadlocks trägt. Das sei eine unerträgliche "kulturelle Aneignung, da wir als weiße Menschen uns aufgrund unserer Privilegien nicht mit der Geschichte oder dem kollektiven Trauma der Unterdrückung auseinandersetzen müssen", befand Fridays for Future. Der Wirbel, den Maltzahns Ausladung mit dieser Begründung erzeugte, war programmiert.

Nun gibt es auch in der Schweiz einen Fall, in dem die angebliche "kulturelle Aneignung" einer Gruppe von Musikern zum Verhängnis wurde. Betroffen ist die Berner Band Lauwarm, deren Texte in Mundart gehalten sind, während ihr Sound zwischen Reggae, Worldmusic und Indie-Pop schwankt.

"Unwohlsein mit der Situation"

Bereits am 18. Juli absolvierten Lauwarm einen Auftritt in der Berner Lokalität "Brasserie Lorraine". Die Gruppe war kurzfristig eingesprungen, nachdem eine ursprünglich für den Abend vorgesehene Band abgesagt hatte. Dabei präsentierten Lauwarm nicht nur ihren musikalischen Stil-Mix, einige der überwiegend weißen Musiker trugen auch Dreadlocks und afrikanisch anmutende Kleidung.

Nach einer Pause im Programm brach die für das Event verantwortliche "Genossenschaft Brasserie Lorraine" das Konzert ab. In einem Post in den sozialen Netzwerken nahmen die Veranstalter am Montag zu ihrem Vorgehen Stellung. Während des Konzerts hätten "mehrere Menschen unabhängig voneinander" ihr "Unwohlsein mit der Situation" zum Ausdruck gebracht. "Es ging dabei um die Thematik 'Kulturelle Aneignung'. Nach einem Gespräch mit der Band haben wir uns zusammen dafür entschieden, das Konzert abzubrechen", hieß es weiter.

Daraufhin entbrannte eine überregionale Diskussion, die die "Genossenschaft Brasserie Lorraine" am Dienstag zu einer weiteren Stellungnahme veranlasste. "Wir sind überrascht, dass unser Post zum Konzertabbruch wegen kultureller Aneignung solche Wellen geschlagen hat", teilten die Konzertveranstalter mit. Und weiter: "Wenn vor zwei Jahren die gleiche Band gespielt hätte, wären die Reaktionen vielleicht anders gewesen. Auch uns war zu wenig bewusst, welche Tragweite dieses Thema hat und was es mit Menschen machen kann."

"Wir sind keine Rassisten"

Man wolle nicht behaupten, mit dem Konzertabbruch das Richtige getan zu haben, stellen die Verantwortlichen fest. Die Veranstaltung fortzusetzen, hätte sich aus ihrer Sicht aber "auch falsch angefühlt". Sie fände nicht, "dass Mitglieder der Band oder 'weiße' Menschen automatisch Rassisten" seien, betont die "Genossenschaft Brasserie Lorraine". Es gehe vielmehr um "strukturellen Rassismus". So gebe es einen Unterschied dazwischen, "bekennende Rassist*in zu sein und unbewusst rassistische Strukturen zu reproduzieren".

Die Lokalität lädt nun zu einem Meinungsaustausch über die Thematik ein. Auch Lauwarm wollen sich der Diskussion stellen. "Wir begegnen allen Kulturen mit Respekt", schrieb die Gruppe am heutigen Mittwoch auf ihrer Instagram-Seite. "Wir stehen aber auch zu der Musik, welche wir spielen, zu unserem Erscheinungsbild und zu unserer Art, wie wir sind", machte sie zugleich deutlich. Bisher sei die Band noch nie mit dem Thema "Kulturelle Aneignung" konfrontiert gewesen. Aber: "Grundsätzlich denken wir, dass über die Definition und den Unterschied von Inspiration und Aneignung diskutiert werden muss." Fans seien eingeladen, unter dem Hashtag "talklauwarm" in einen Dialog einzutreten.

In einem Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal "20min.ch" hatte Bandleader Dominik Plumettaz zuvor dagegen noch schärfere Worte gefunden. "Wir sind keine Rassisten. Ich habe Vorfahren aus Afrika. Einer in unserer Band, der Dreadlocks hat, hat eine dunkelhäutige Frau und ganz viele Freunde aus afrikanischen Ländern. Uns Rassismus und Diskriminierung vorzuwerfen, ist daneben", erklärte er da.

Kulturelle Aneignung - oder kulturelle Vielfalt?

Hinter dem Begriff der "Kulturellen Aneignung" verbirgt sich der Vorwurf, dass sich Menschen einer Kultur bedienten, die nicht ihre eigene sei. Dabei kann es ebenso um Musik gehen wie etwa um Bekleidung oder Frisuren. Dreadlocks etwa werden tatsächlich oft mit der jamaikanischen Rastafari-Bewegung in Verbindung gebracht, wenngleich sie aus verschiedenen Kulturkreisen bekannt sind.

Auch Reggae entstand in den 1960er-Jahren in Jamaika - allerdings unter dem Einfluss zahlreicher anderer populärer Musikstile wie etwa Soul, Rhythm & Blues und Jazz. Der Reggae wiederum fand alsbald ebenfalls auch in vielen anderen Kulturen und Musikrichtungen Anklang. Punk-, Ska- und New-Wave-Bands wie The Clash, The Specials oder The Police ließen ihn einfließen. Seit der Jahrtausendwende ist auch der tanzbarere Reggaeton populär. In Deutschland feiern - oftmals weiße - Künstler wie Seeed, Gentleman oder Jan Delay große Erfolge mit Reggae-Klängen.

Quelle: ntv.de

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