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Das schöne Leben im Krieg Rühmann, Hitler und "Die Feuerzangenbowle"

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Besuch im Karzer: Rühmann als Pfeiffer - mit drei "f".

(Foto: imago stock&people)

"Die Feuerzangenbowle" ist der Inbegriff eines Filmklassikers. Dabei entsteht der Streifen mit Heinz Rühmann mitten im Zweiten Weltkrieg. Und der Hauptdarsteller spricht im Führerhauptquartier vor, um den Film gegen Widerstände ins Kino zu bekommen.

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Autorität ja, aber Scherze sind erlaubt: Pfeiffer mit Direktor Knauer, genannt "Zeus".

(Foto: imago stock&people)

"Ein heiterer Film" - so steht es im Vorspann von "Die Feuerzangenbowle". Doch die Umstände, unter denen der Film entstand und vor genau 70 Jahren uraufgeführt wurde, waren alles andere als lustig. Ganz im Gegenteil: Seit Jahren tobte der Zweite Weltkrieg und verwüstete ganze Landstriche, Millionen Soldaten starben an der Front, Millionen Juden und andere Minderheiten wurden deportiert und in den deutschen Konzentrationslagern ermordet.

Noch zur Zeit der Dreharbeiten zwischen März und Juni 1943 starben mehr als 40.000 Menschen während des Aufstands im Warschauer Ghetto. Gleichzeitig zeichnete sich die deutsche Niederlage bereits ab: Anfang 1943 hatte die 6. deutsche Armee in Stalingrad kapituliert, aus dem Kaukasus und Nordafrika zog sich die Wehrmacht zurück. Die Alliierten landeten derweil in Italien. Und die Bombenangriffe auf deutsche Städte nahmen zu: Am Tag vor der Premiere der "Feuerzangenbowle" am 28. Januar 1944 in Berlin griff die Royal Air Force mit fast 400 Flugzeugen die deutsche Hauptstadt an.

"Jeder nur einen winzigen Schlock"

Was für ein Gegensatz war diese Realität zu jenem beschaulichen Städtchen, in dem der Film um die Wende zum 20. Jahrhundert spielt. Hierhin verschlägt es den erfolgreichen Berliner Schriftsteller Johann Pfeiffer, dargestellt von Heinz Rühmann. Äußerlich verjüngt will er die Schulzeit nachholen, die ihm als Jugendlicher verwehrt war. Er will all die Streiche erleben, die skurrilen Lehrer und die sonderbaren Rituale, von denen seine Freunde ihm bei mehreren Gläsern Feuerzangenbowle erzählen.

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Schüler Pfeiffer hat so einige Tricks auf Lager.

(Foto: imago stock&people)

Viele der aus dieser Idee entstehenden Szenen und Figuren kennt jeder Filmfan: Die Vorstellung als Pfeiffer mit drei "f" - eins vor und zwei hinter dem "ei". Die Begegnung mit den Lehrern Crey, Bömmel und Brett (Erich Ponto, Paul Henckels, Lutz Götz), dem "Zeus" genannten Direktor Knauer (Hans Leibelt) und seiner liebreizenden Tochter Eva (Karin Himboldt). Das am Schultor angebrachte Schild, dass die Schule wegen Bauarbeiten geschlossen sei. Das gespielte Besäufnis mit Heidelbeerwein - "Jeder nur einen winzigen Schlock." Und schließlich das große Finale, in dem sich Pfeiffer als Crey verkleidet und am Ende offenbart, dass all die Abenteuer nur eine Ausgeburt der Fantasie und der Feuerzangenbowle waren.

Für die Zuschauer der Premiere hatte diese Rückkehr in die Realität einen bitteren Nachgeschmack, schließlich tobte draußen der Krieg. Zu schön muss ihnen die Darstellung der guten, alten und vor allem friedlichen Schulzeit vorgekommen sein. "Mal ein richtiger Junge sein - albern und ohne Sorgen", sagt Pfeiffer ganz am Anfang des Films. Das wünschten sich damals wohl viele. "Die Feuerzangenbowle" ist einer jener Filme, die produziert wurden, um die Bevölkerung vom Schrecken des Krieges abzulenken.

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Zu guter Letzt findet Pfeiffer sogar noch eine neue Liebe, auch wenn die noch minderjährig ist.

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Trotz dieses ernsten Hintergrunds entwickelte sich der Film nach dem Zweiten Weltkrieg zum Klassiker. Auch wenn es bis zur Fernsehausstrahlung 20 Jahre (DDR) beziehungsweise 25 Jahre (Bundesrepublik) dauerte. Immerhin sahen damals 20 Millionen Menschen den Film im ZDF. Aber das Thema hatte ja gerade Konjunktur: Seit 1967 liefen die sogenannten Lümmel-Filme mit Hansi Kraus und Theo Lingen im Kino. Auch sie belebten jenen Traum, den bereits die "Feuerzangenbowle" zum Thema hatte: die Möglichkeit, noch einmal die vermeintlich schönste Zeit des Lebens auferstehen zu lassen - mit dem Wissen und der Erfahrung eines Erwachsenen. Diese zeitlose Idee dürfte viel zum Charme des Films beigetragen haben.

Aber natürlich gab es da auch noch den überaus beliebten Hauptdarsteller, für den die Figur des pfiffigen Schülers zur wohl berühmtesten Rolle wurde. Rühmann war zwar bei den Dreharbeiten bereits 41 Jahre alt, doch mit seiner jugendlichen Gestalt und dem verschmitzten, bübischen Lächeln überzeugte er auch als nicht mal halb so alter Oberprimaner.

Hitler fragt nur: "Ist dieser Film zum Lachen?"

Die Scherze der Schüler erweisen sich allerdings als überaus harmlos: ein versteckter Schuh hier, ein auf den Rücken geklebter Zettel da. Und treiben sie es mit den Lehrern doch einmal zu weit, folgen Entschuldigung und Versöhnung. Hier geht es nicht darum, Chaos zu stiften. Der Film bedient vielmehr die Sehnsucht nach Frieden und Harmonie. So bleiben auch die Lehrer bei aller Strenge sympathisch - ganz im Gegensatz zu den debilen Figuren in den Paukerfilmen der 1960er Jahre.

Bei allem Schabernack verstand sich der Film nach der gleichnamigen Romanvorlage von Heinrich Spoerl gar nicht als Kritik an der Schule. Vielmehr heißt es im Vorspann: "Dieser Film ist ein Loblied auf die Schule, aber es ist möglich, dass die Schule es nicht merkt." Nein, sie merkte es wirklich nicht. Der damalige Erziehungsminister Bernhard Rust sah durch den Streifen die Autorität der Schule und der Lehrerschaft in Gefahr und versuchte, den Kinostart des Films zu verhindern.

Rühmann, der auch als Produzent des Films fungierte, ließ daraufhin seine Beziehungen spielen. Immerhin hatte er in Propagandaminister Joseph Goebbels einen Fan, der ihn in seinen Tagebüchern als "ganz großen Schauspieler" bezeichnet hatte. Ohne Frage profitierte Rühmann von dieser Berühmtheit, etwa als er eine Sondergenehmigung für die Ehe mit der "Vierteljüdin" Hertha Feiler brauchte. Andererseits spielte er auch in Filmen mit, die dem Regime dienten. So kann der Erfolgsfilm "Quax, der Bruchpilot" von 1941 - den sich auch Hitler mehr als einmal anschaute - durchaus als Werbung für die Luftwaffe gesehen werden.

Diese schon beruflich bedingte Nähe zum Nationalsozialismus brachte Rühmann, der 1940 zum Staatsschauspieler ernannt wurde, später Kritik ein. Sie ermöglichte es ihm aber auch, die "Feuerzangenbowle" doch noch ins Kino zu bringen. Persönlich reiste der Star nach Ostpreußen zum Führerhauptquartier. Dort übergab er eine Kopie des Films an Hermann Göring, der ihn sich mit einigen Offizieren ansah und danach Adolf Hitler das Problem vortrug. Der soll nur gefragt haben, ob der Film zum Lachen sei. Als Göring dies bejahte, erging Hitlers Befehl: "Dann ist dieser Film sofort für das deutsche Volk freizugeben."

Gesagt, getan: Kurz darauf, am 28. Januar feierte der Streifen seine Premiere. Einige der jungen Schauspieler erlebten dies allerdings nicht mehr. Sie waren nach Ende der Dreharbeiten eingezogen worden und fielen an der Front. Es ist ein beklemmendes Gefühl, sie noch heute, 70 Jahre später, in einem "heiteren Film" zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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