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Dürfen Kommunisten träumen? "Lampenladen" für Volk und Volkskammer

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Der "Palast der Republik" in Berlin nach seiner Schließung - lange war sein Schicksal unklar, dann wurde er doch abgerissen.

(Foto: Thorsten Klapsch & Edition Panorama)

Zu DDR-Zeiten war er immer voll - kurz nach seiner Schließung bekam ein Fotograf die Gelegenheit, im leeren "Palast der Republik" Aufnahmen zu machen. Gespenstische Bilder eines voll funktionsfähigen, aber nicht mehr genutzten Gebäudes.

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Unter unzähligen Lampen: Jugendtanz im Foyer des "Palastes der Republik", in der Mitte die "Gläserne Blume". (Bild vom 26. Juni 1976)

(Foto: Wikipedia/Jürgen Sindermann)

Schon das Cover des Bildbandes überrascht – es zeigt nicht unbedingt das, was man erwartet, keine der üblichen Außenansichten des Gebäudes. Der Blick geht durch die geöffnete Tür in den Sitzungssaal, den man selbst als "Palast der Republik"-Kennerin nicht sofort zuordnen kann. Das könnte überall sein - dabei handelt es sich um ein keineswegs alltägliches Gebäude.

Der Mammutbau war DDR-Symbol, Sitz der Volkskammer und beliebte Vergnügungsstätte zugleich. Der unschlagbare Vorteil: Das Haus war immer offen (täglich 10 bis 24 Uhr), man kam hinein, ohne anzustehen – eine Seltenheit in der DDR. Von außen nicht gerade schön zu nennen, war der "PdR" von innen großzügig gestaltet, mit vielen Restaurants, einem großen (Konzert-)Saal, einem kleinen Theater, einer Bowlingbahn - und der Disco "Jugendtreff" mit sich drehender Tanzfläche. Zudem gab es ein Postamt, welches sogar am Sonntag geöffnet hatte.

Wegen der unzähligen Lampen wurde der Großbau im Volksmund auch spöttisch "Erichs Lampenladen" (nach Staats- und Parteichef Erich Honecker) genannt; wegen der üppigen Ausstattung hieß er auch "Palazzo prozzo". Meist wurde er aber nur kurz "Palast" genannt.

Dürfen Kommunisten träumen?

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Im Foyer des "Palastes der Republik: kalte Leere.

(Foto: Thorsten Klapsch & Edition Panorama)

Im weiträumigen Hauptfoyer mit weißem, schwedischem Marmor und "Gläserner Blume" fanden Veranstaltungen wie Konzerte, Modenschauen oder Tanz statt, man konnte sich aber auch einfach nur in den weichen roten Ledersesseln lümmeln, eventuell mit einem Getränk von der Bar in der Hand, umgeben von großformatigen Wandgemälden im Stil des Sozialistischen Realismus, etwa von Willi Sitte, Walter Womacka und Wolfgang Mattheuer. Die Bilder-Galerie hatte das dazu passende Thema "Dürfen Kommunisten träumen?"

1990 hatte es sich - vorerst - ausgeträumt: Wegen Asbestbelastung wurde der PdR geschlossen. Im August fand hier noch eine historische Sitzung der Volkskammer statt, in der sie den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990 und damit das Ende der DDR beschloss.

Totgeglaubte leben länger

Nach der millionenteuren Asbestentsorgung 1998 bis 2003 kam noch einmal Leben in die Bude, die inzwischen ohne Inneneinrichtung, also im Rohbau-Zustand war. Ausstellungen und Kunstaktionen fanden ein großes, interessiertes Publikum - zu den 900 Veranstaltungen kamen etwa 600.00 Besucher - und die Stimmen für einen Erhalt des Palastes mehrten sich. Dennoch wurde 2003 der Abriss beschlossen, trotz aller Protestaktionen und Anträge zur Verschiebung des Abrisses oder zur Erhaltung des Baus fiel im Januar 2006 endgültig das Fallbeil. Im Februar 2006 begann der Rückbau und Abriss, der sich bis Ende Dezember hinzog.

Nach dem Schließungsbeschluss 1990 verblieb noch ein Teil des Personals im Gebäude, um es instandzuhalten und den Ruhebetrieb zu überwachen - das endgültige Schicksal des PdR stand ja damals noch nicht fest. Soll es nach der Asbestsanierung weiter genutzt, umgebaut oder doch abgerissen werden? Im März 1993 verfügte der gemeinsame Ausschuss von Bundesregierung und Berliner Senat dann mit dem Verweis auf Gesundheitsgefahren und der "nicht zweckmäßigen" Verwendbarkeit des Rohbaus nach erfolgter Asbestsanierung den Abriss.

Funktionstüchtig, aber der Funktion beraubt

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Technikpult für den Großen Saal.

(Foto: Thorsten Klapsch & Edition Panorama)

Im selben Jahr entstanden die Aufnahmen im Bildband - der Fotograf Thorsten Klapsch durfte gegen Zahlung einer Gebühr an die Oberfinanzdirektion (40,26 DM je Stunde!) an mehreren Tagen in das menschenleere Gebäude. Dafür wurde ihm ein Führer zur Seite gestellt, der bereits zu DDR-Zeiten im PdR gearbeitet hatte und sich daher bestens auskannte.

Als Klapsch den Rundgang und die Fotos machte, war der PdR schon etwa zwei Jahre geschlossen, es gab nur noch eine Handvoll Personal im Haus, Sicherheitspersonal und Haustechniker. Aber auf (fast) allen Bildern: Sauberkeit und Ordnung, nichts ist kaputt, keine zerschlagenen Fenster - man gewinnt den Eindruck, dass das Personal bis zum Schluss alles gut in Schuss gehalten hat. Obwohl sein Abriss drohte, wurde der Palast noch gewartet. Der vor sich hin dämmernde Koloss ist noch funktionstüchtig, aber seiner Funktionen beraubt.

Schöne Detailaufnahmen wie etwa die verzierten Glastüren oder das farbenfrohe Bühnencasino wechseln sich ab mit nüchternen Absichten kahler oder funktionaler Räume. In all der Leere hängen noch Jacken an Haken und Garderoben und bunte Poster an der Wand. Neben einem gespenstisch-gruseligen Gefühl kommt ein Gefühl der Trauer auf und die Frage: Musste das alles wirklich auf dem Müllhaufen landen (abgesehen von den verkauften Teilen wie Geschirr und Mobiliar)? Ist das nicht verschenktes Potenzial? Ging hier ein wichtiges Baudenkmal verloren?

Verlorenes Baudenkmal

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Der Band "Palast der Republik" ist bei Edition Panorama erschienen.

(Foto: Thorsten Klapsch & Edition Panorama)

Der "Palast der Republik" war sicher nicht besonders schön, aber bekanntermaßen ist das Schönheitsempfinden sehr subjektiv - und es wird nicht alles abgerissen, was im Allgemeinen nicht als schön gilt. Eine andere Nutzung als Ausstellungs-, Kultur- oder Kongresshalle wäre nach der Asbestsanierung wohl möglich gewesen - schließlich gab es im Rahmen des Wettbewerbs "Spreeinsel" auch einige (prämierte) Entwürfe, die den PdR mit einbezogen.

Klapsch wurde 1966 in Darmstadt geboren, ist also kein Ex-DDR-Bürger - daher besteht bei ihm keine Ostalgie-Gefahr. Seine Aufnahmen sind eher eine sachliche Bestandsaufnahme ohne jeden Kommentar. Sie bewerten nicht, sie dokumentieren. Die Bildunterschriften sind minimalistisch und geben fast keine Informationen. Sein "Palast der Republik"-Band ist daher kein Prachtband für den Wohnzimmertisch und auch sicher nichts für ostalgische Touristen, sondern eher etwas für Architektur- und Geschichtsinteressierte.

Stadtschloss soll Lücke füllen

Am Ende des Bildbandes zeigt Klapsch Aufnahmen von 2010: eine Leerstelle mit grüner Wiese. Dort soll wieder das Stadtschloss entstehen, welches 1950 gesprengt worden war. Die Bauarbeiten dafür haben im Juni 2012 begonnen.

Der Band "Palast der Republik" ist bei Edition Panorama erschienen. Er hat 120 Seiten im Format 31 mal 31 Zentimeter mit 65 Farbfotografien; der ausführliche Begleittext ist auf Deutsch und Englisch. Preis: 48 Euro.

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Quelle: n-tv.de

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