Kino

Gewalt, Drogen und das Ende des amerikanischen Traums "Ich bin das Schicksal mit einer Waffe"

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Cop Brian aus "End of Watch" fackelt nicht lange.

Drei Schnapsbrenner legen sich während der Prohibition mit korrupten Cops an. Zwei Polizisten kommen einem mexikanischen Drogen-Kartell in die Quere. In beiden Fällen fliegen die Kugeln durch die Luft, fließt reichlich Blut. "Lawless" und "End of Watch" sezieren den Mythos der Gewalt, der die USA groß gemacht hat und das Land nicht mehr loslässt.

Die USA sind eine Nation, die aus dem Pioniergeist der verschiedensten Einwanderer entstand. Und aus Gewalt. Bis heute wird der Besitz von Waffen so vehement verteidigt, dass Präsident Barack Obama zuletzt eine bittere Niederlage im Kampf gegen die Waffenlobby einstecken musste.

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"Lawless": Die Brüder Howard (l.) und Forrest führen eine einträgliche aber illegale Schnapsbrennerei.

(Foto: Richard Foreman, Jr. SMPSP)

Wie sehr dieses Thema Geschichte und Gegenwart des Landes bestimmt, zeigen zwei herausragende Filme. "Lawless" von John Hillcoat und "End of Watch" von David Ayer spielen in ganz verschiedenen Zeiten, in ganz verschiedenen Milieus, auch in ihrer Machart unterscheiden sie sich. Und doch haben sie ihre Gemeinsamkeiten: Die Polizei tritt gegen die Gangster an, es geht um Drogen und viel Geld. Und am Ende wird es sehr blutig.

"Lawless"

Ausgerechnet das Alkoholverbot war es, das in den 1920er und 30er Jahren in den USA zu einer Blüte von Gangsterbanden führte. Die illegale Herstellung von Spirituosen, ihre Verbreitung und Verkauf waren ein einträgliches Geschäft. Auch die Brüder Bondurant leben gut davon. Sie sind zwar nicht die einzigen Schwarzbrenner im ländlichen Virginia, doch unter der stoischen Führung des ältesten Bruders Forrest (Tom Hardy, "The Dark Knight Rises") und unter dem Schutz von Howard (Jason Clarke, "Zero Dark Thirty") brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Zumal sie mit Maggie (Jessica Chastain, "Zero Dark Thirty") auch noch eine wunderschöne, geheimnisvolle Frau an ihrer Seite haben.

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Special Agent Rakes hält gern mal die Hand auf und ist auch sonst nicht zimperlich.

(Foto: Richard Foreman, Jr. SMPSP)

Einzig der Jüngste, Jack (Shia LaBeouf, "Transformers"), hadert mit seinem Leben. Er wird nicht nur von seinen Brüdern nicht für voll genommen. Er denkt auch, dass man aus dem kleinen Familienbetrieb mehr machen könnte. Sein Vorbild ist der Großstadt-Gangster Floyd Banner (Gary Oldman, "Dame, König, As, Spion"). Zunächst jedoch müssen sich die Brüder mit dem korrupten wie brutalen Special Agent Charlie Rakes (Guy Pearce, "Iron Man 3") auseinandersetzen. Der will die Schwarzbrennerei nicht verbieten - er will ordentlich mitverdienen. Und während Jack auf eigene Faust Alkohol verkauft und sich mit der jungen Bertha (Mia Wasikowska, "Jane Eyre") vergnügt, eskalieren die Auseinandersetzungen in einem blutigen Kampf auf Leben und Tod.

Prohibitions-Filme bilden ja fast schon ein eigenes Genre. "Die Unbestechlichen" mit Kevin Costner und Sean Connery oder "Es war einmal in Amerika" mit Robert De Niro sind längst Klassiker. Von daher ist es schon erstaunlich, dass "Lawless" dem Thema tatsächlich noch etwas hinzufügen kann. Denn hier geht es nicht um die reichen, schicken Gangster in Chicago oder New York, sondern um die Brenner in den Bergen. Hier geht es um familiäre Loyalität und archaische Gewalt, die der Film blutig zelebriert.

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Dabei überzeugt "Lawless" in erster Linie durch sein Schauspielerensemble. Angesichts des Casts, das einige Stars umfasst, kommt man durchaus ins Grübeln, warum der Film in Deutschland nie ins Kino kam, sondern direkt auf DVD und Blu-ray erscheint. Aber neben den Schauspielern überzeugen auch die atmosphärischen Bilder, die an die klassischen Gangsterfilme erinnern. Sie beschwören ein ländliches Amerika herauf, in dem Unschuld und Verbrechen nah beieinanderliegen. Hier zeigt sich, dass der amerikanische Traum sehr selten in Erfüllung geht. Und wenn, dann muss er mit Gewalt teuer erkauft werden.

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"End of Watch"

Gut 80 Jahre später. Weg von der provinziellen Ostküste, hinein in den Großstadtmoloch Los Angeles. South Central Los Angeles, wo die Gangs herrschen. "Shootin' Newton" heißt die hiesige Polizeidivision, wegen der ständigen Schießereien, wegen der Gewalt auf den Straßen. Geld, Waffen, Drogen sind hier die Grundnahrungsmittel. Brian Taylor (Jake Gyllenhaal, "Brokeback Mountain") und Mike Zavala (Michael Peña, "L.A. Crash") fahren Streife in dieser Gegend. Das oberste Ziel heißt: Überleben, das Ende der Streife - "End of Watch" - lebendig zu erreichen. Schließlich wird Mike gerade Vater und Brian lernt Janet (Anna Kendrick, "Up in the Air") kennen, der er schnell näher kommt.

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Mike (l.) und Brian haben ihre Finger immer in der Nähe der Waffe.

Der permanenten Gefahr ihres Jobs begegnen beide mit coolen Sprüchen, mit blöden Streichen und indem Brian alles filmt, was ihm vor die Linse kommt. Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Die Cops sind die ersten am Tatort, wenn noch keine Spezialeinheit angerückt ist, noch keine Kommissare ermitteln. Sie sind auf sich gestellt, kümmern sich um verwahrloste Familien und häusliche Gewalt, um Junkies und Hausbrände - als sie dabei drei Kindern das Leben retten, werden sie immerhin ausgezeichnet. Doch South Central ist kein normales Revier. Immer wieder laufen ihnen Drogendealer über den Weg. Oder besser: Sie liefern sich mit ihnen wilde Verfolgungsjagden durch den undurchschaubaren Dschungel der Stadt.

Bei einer dieser Jagden machen sie zufällig den Drogenkurier eines Kartells dingfest. Doch Brian reicht das nicht: Er überredet Mike, auf eigene Faust weiter zu ermitteln. Sie gehen der Spur nach und heben schließlich ein Drogenversteck aus. Doch der Triumph hat auch eine Schattenseite: Das mexikanische Sinaloa-Kartell setzt die beiden auf die Abschussliste. Die Killer nehmen die Spur auf. Die nächste Schicht von Brian und Mike könnte ihre letzte sein.

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"L.A. is my Lady", sang einst Sinatra. Davon ist in "End of Watch" nichts zu spüren. L.A ist hier ein gewalttätiger Moloch, zerfressen von Gewalt, Drogen und Verwahrlosung. Kein Ort, an dem man Polizist sein will. "Ich bin das Schicksal mit einem Abzeichen und einer Waffe", sagt Brian zu Beginn. Die nervöse Anspannung der Cops ist permanent zu spüren. Immer bewegt sich die Hand in der Nähe der Waffe, um schnell reagieren zu können.

Schnell und intensiv ist auch der Beginn von "End of Watch": Eine Verfolgungsjagd über Asphaltstraßen und Sandwege. Und am Ende ein tödlicher Schusswechsel. Die Kamera ist hautnah dabei, nimmt jede Kurve, jeden Huckel mit. In den (unbedingt empfehlenswerten) Extras über die Dreharbeiten kann man sehen, wie selbst die Schauspieler mobile Kameras umgeschnallt haben. Der Zuschauer ist dadurch nahezu live dabei und erlebt sehr intensiv die Gefahr, in der die Polizisten schweben. Diese Intensität, die durch schnelle Schnitte und urbane Musik unterstützt wird, ist die große Stärke des Films.

Die andere Stärke ist, dass "End of Watch" sich nicht damit begnügt, ein Actionthriller zu sein. Der Streifen ist auch Drama, Copfilm und Stadtportrait. Er reißt Themen wie den nahezu verlorenen Krieg gegen die Drogen und die Gewalt gegenüber Polizisten an. Regisseur David Ayer sind diese Themen vertraut. Er schrieb das Drehbuch für "Training Day" und "S.W.A.T. - Die Spezialeinheit", drehte zuletzt "Street Kings". Immer stehen dabei Polizisten im Mittelpunkt, die kaum noch Herr der Lage sind, die getrieben sind vom Verbrechen. In "End of Watch" ist das nicht anders - glaubwürdig verkörpert von Jake Gyllenhaal und Michael Peña, die ihre Charaktere zwischen Sprücheklopferei und Sympathie anlegen. Beide ragen dabei aus dem ohnehin guten Ensemble heraus.

Wo Gewalt, dieses uramerikanische Thema, zum Alltag gehört, wird die Familie zum Kontrapunkt, zum friedlichen Rückzugsort. Das gilt für die Polizisten Brian und Mike, aber auch für die Schwarzbrenner Forrest, Howard und Jack. Die Familie ist der andere amerikanische Mythos, der sowohl in "Lawless" als auch in "End of Watch" zelebriert wird.

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Quelle: ntv.de