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So geht Corona-Management Darum feiert Dänemark die Freiheit

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Dänemark nimmt einen zweiten Anlauf, die Corona-Pandemie hinter sich zu lassen.

(Foto: picture alliance / SULUPRESS.DE)

Trotz einer enorm hohen Inzidenz beendet Dänemark alle Corona-Maßnahmen. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, erfolgt der Schritt nicht unüberlegt, sondern basiert auf klaren Daten und einer Abwägung von Vor- und Nachteilen, die auch ein Großteil der Bevölkerung mitträgt.

Es ist schon erstaunlich: Während Deutschland bei einer 7-Tage-Inzidenz von rund 1200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner Lockerungen vorerst nicht in Erwägung zieht, lässt Dänemark bei einem Wert nahe 6000 alle Maßnahmen fallen. Auch in unserem Nachbarland ist dieser Schritt nicht völlig unumstritten, aber eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung befürwortet ihn - nicht obwohl, sondern weil sie die Risiken kennen.

Wenn man die dänische Entscheidung beurteilt, gilt es immer im Hinterkopf zu behalten, dass sie darauf basiert, dass Covid-19 nicht mehr als gesellschaftskritische Krankheit betrachtet wird. Sie bedeutet nicht, dass man Corona als völlig harmlos betrachtet. Es geht darum, dass Vor- und Nachteile der Einschränkungen abgewogen wurden und das Land entschieden hat, die Risiken und die damit verbundenen Erkrankungen und Todesfälle in derzeit zu erwartenden Größenordnungen zu akzeptieren.

Vorbildliche Datenlage

Voraussetzung für so eine Entscheidung sind verlässliche, aktuelle Daten und Informationen sowie eine gute Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Bevölkerung. Die in Dänemark erhobenen Daten über nahezu die gesamte Pandemie hinweg sind so umfangreich und valide, dass sie weltweit von Politik und Wissenschaft verwendet werden. Auch die Kommunikation und damit die Diskussion verläuft dort weitgehend unaufgeregt und faktenbasiert.

Einer Umfrage des dänischen TV-Senders TV1 zufolge sind 68 Prozent der Bevölkerung mit der Aufhebung der Corona-Maßnahmen völlig einverstanden, lediglich 28 Prozent lehnen sie ab. Erhebungen der Medien hat die dänische Regierung aber gar nicht nötig, denn das HOPE-Projekt der Universität Aarhus beobachtet seit dem Frühjahr 2020 die Einstellung der Bevölkerung zu Pandemie und Maßnahmen.

Sorge um eigene Gesundheit nicht im Vordergrund

Noch nie hätten so wenige Dänen die Meinung gehabt, Covid-19 sei eine Bedrohung für die Gesellschaft, schreibt Politikwissenschaftler Michael Bang Petersen auf Twitter. Er leitet das HOPE-Projekt und berät die Regierung in Kopenhagen. Und was viel über die dänische Gesellschaft aussagt: Über die gesamte Pandemie hinweg sei die Hauptsorge der Dänen nicht ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Familie gewesen, sondern die Gefahr einer Überforderung des Gesundheitswesens, so Petersen.

Laut HOPE-Projekt ist der Bevölkerung auch das Wohlergehen von benachteiligten Gesellschaftsgruppen wichtiger. Und die Dänen sorgen sich auch eher um die Wirtschaft und sehen Risiken von Lockdowns, als sich vor einer Erkrankung zu fürchten.

Hospitalisierungen steigen, Intensivaufnahmen sinken

Gefühle spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle, aber sie basieren auf harten Fakten. So zeigen die Daten der dänischen Gesundheitsbehörde zwar einen deutlichen Anstieg der Hospitalisierungen mit Covid-19. Allerdings gilt in Dänemark wahrscheinlich wie in anderen Ländern, dass etwa die Hälfte der Patienten erst nach ihrer Einweisung positiv getestet wird. Und noch wichtiger: Die Anzahl der Corona-Intensivpatienten ist seit dem 6. Januar unverändert deutlich rückläufig. Gleiches gilt für Covid-19-Fälle, die beatmet werden müssen.

Dass Corona trotzdem kein Schnupfen ist, sieht man daran, dass die Todesfälle immer noch zunehmen. In absoluten Zahlen sind es nicht viele, sie bewegen sich um die 20 Fälle pro Tag. Laut Statistikbehörde waren sie zuletzt auch leicht rückläufig. Umgerechnet auf die Bevölkerung hat Dänemark allerdings mit etwa 3,3 Covid-19-Toten pro 1 Million Einwohner und Woche eine relativ hohe Todesrate. In Deutschland ist sie rückläufig und liegt bei 1,7, in Schweden steigt sie ebenfalls an und beträgt rund 2,5 Fälle. In Großbritannien stagniert die Rate bei ungefähr 3,8.

Risiko bleibt vor allem für sehr alte Menschen hoch

Dass die Corona-Todeszahlen in Dänemark nicht oder kaum sinken, könnte daran liegen, dass noch etliche Opfer mit der gefährlicheren Delta-Variante infiziert wurden. Ansonsten kann eben auch Omikron tödlich sein, vor allem für sehr alte Menschen. Blickt man auf die englischen Zahlen, sieht man, dass die 7-Tage-Inzidenz bei den über 90-Jährigen mit 69 Todesfällen pro 100.000 Einwohner relativ hoch ist. Schon bei den 85- bis 89-Jährigen beträgt sie nur noch 39, bei den 80- bis 84-Jährigen knapp 18. Das Risiko der 60- bis 69-Jährigen ist mit zwei bis drei Corona-Toten schon sehr gering, bei den jüngeren Altersgruppen strebt es gegen null.

Einen gewaltigen Unterschied machen die Impfungen, auch für alte Menschen. Die "Financial Times" hat auf Basis französischer Zahlen ermittelt, dass bei der Omikron-Variante das Risiko eines doppelt geimpften 70-Jährigen auf die Intensivstation zu kommen, ebenso groß wie das eines ungeschützten 40-Jährigen ist. Nach der dritten Dosis ist es 40 Prozent niedriger.

Hohe Impfquoten machen den Unterschied

Vom Nutzen der Vakzine muss man den Großteil der Dänen nicht überzeugen, das Land hat eine der höchsten Impfquoten der Welt. Rund 81 Prozent der Gesamtbevölkerung sind grundimmunisiert (zwei Dosen), bei den über 65-Jährigen sind es rund 97 Prozent. 61 Prozent der dänischen Bevölkerung sind bereits geboostert, in den Altersgruppen ab 65 Jahre haben schon 93 bis 95 Prozent eine dritte Dosis erhalten.

Hinzu kommt, dass Dänemark eines der modernsten und effizientesten Gesundheitssysteme der Welt hat. Es wird aus Steuern und nicht aus Sozialabgaben finanziert und ist komplett in staatlicher Hand, statt sich auf verschiedene Versicherungsgesellschaften zu stützen. Jeder, der in Dänemark gemeldet ist, ist auch automatisch in der nationalen Krankenversicherung versichert.

Digitalisierung eine Selbstverständlichkeit

Die elektronische Patientenakte ist in Dänemark schon länger eine Selbstverständlichkeit. Dreh- und Angelpunkt ist das Gesundheitsportal sundhed.dk, das 2018 monatlich 1,7 Millionen Dänen besuchten. Mit der Geburt erhält jeder Däne eine persönliche Identifikationsnummer, über die er sich dort einloggen kann. Dort erhält er einen Überblick über seine gesamte Krankengeschichte, inklusive aller Diagnosen, Behandlungen, Operationen und Medikationspläne oder Laborwerte.

Mit der Zustimmung des Patienten können auch der Hausarzt oder Apotheker auf die Daten zugreifen. Das Portal wird außerdem für die Abrechnung von Gesundheitsdienstleistungen genutzt. Und Dänemark konnte darüber auch seine Impfkampagne in Höchstgeschwindigkeit starten, da es kein Problem war, alte Menschen und andere vulnerable Personen zu identifizieren und gezielt anzuschreiben.

Bedenken bleiben

Trotz dieser Entwicklungen und Voraussetzungen hat immerhin ein Viertel der Dänen ein mulmiges Gefühl dabei, alle Maßnahmen fallen zu lassen. Das liegt unter anderem daran, dass die hohen Inzidenzen auch in Dänemark zu enormen Personalengpässen in allen Bereichen führen. Michael Bang Petersen geht allerdings davon aus, dass sich die Omikron-Welle in seinem Land wie bisher den Berechnungen entsprechend verhält und ihren Höhepunkt in Kürze erreicht oder schon überschritten hat.

Tatsächlich ist die Inzidenz in Dänemark seit zwei Tagen rückläufig, was aber auch an Kapazitätsgrenzen liegen könnte. Immerhin sind bereits 25 Prozent der Tests positiv, was auf eine hohe Untererfassung schließen lässt. Zudem ist die sich ausbreitende Omikron-Untervariante BA.2 einer aktuellen Studie der dänischen Gesundheitsbehörde zufolge nochmal ansteckender, was den Verlauf der Welle etwas verlängern könnte.

Sorgen wegen Long Covid

Wie in Deutschland machen sich auch in Dänemark viele Menschen Sorgen wegen Long Covid. Laut Michael Bang Petersen trifft dies auf rund die Hälfte der Bevölkerung zu, also haben auch Dänen Bedenken, die grundsätzlich für das Ende der Maßnahmen sind. Petersen verweist auf eine israelische Studie (Preprint), die ergibt, dass das Risiko, an Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion zu leiden, durch Impfungen deutlich reduziert wird.

Was Long Covid bei Kindern betrifft, gibt Petersen aufgrund einer aktuellen dänischen Studie weitgehend Entwarnung. Demnach ist Long Covid bei unter 18-Jährigen sehr selten und nur von relativ kurzer Dauer. Es gibt allerdings auch deutliche Kritik an Methodik und Aussagekraft der Studie, unter anderem von Neurowissenschaftler Hisham Ziaudeen, der an der University of Cambridge lehrt und forscht.

Großes Vertrauen in die Regierung

Trotz der exzellenten Datenlage gibt es also auch in Dänemark noch Unsicherheiten, die eine Einschätzung der Lage erschweren, die Rücknahme aller Maßnahmen könnte auch schiefgehen. Da die Regierung ihre Corona-Politik bisher aber gut kommuniziert hat, vertraut ihr die Bevölkerung weitgehend. So wurden auch die erneuten Einschränkungen akzeptiert, die nach einem ersten "Freedom Day" am 10. September durch veränderte Bedingungen wieder notwendig waren.

Und die Regierung bleibt wachsam. Dafür hat sie ein nationales Warnsystem entwickelt, um transparenter und vorhersehbarer zu machen, welche Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie eingesetzt werden. Auf einer Skala von 1 bis 5 ergibt die aktuelle Risikobewertung einer elfköpfigen Epidemie-Kommission immer noch die Gefährdungsstufe 3.

"Ältere fühlen sich in der Lage, Infektionen zu vermeiden"

Dass der Übergang von der Pandemie in die Endemie nicht ungefährlich ist, ist den Dänen also bewusst. Die Auswertung des HOPE-Projekts ergab trotzdem, dass bis zu den 65- bis 69-Jährigen mehr als 60 Prozent das Gefühl haben, es sei sicher, die Einschränkungen zu beenden. Fast ebenso viele über 70-jährige Dänen teilen diese Meinung.

Die Untersuchungen zeigten, dass sich die Älteren in der Lage fühlten, Infektionen zu vermeiden, schreibt Petersen. "Sie haben sich über den Winter isoliert und werden dies wahrscheinlich auch weiterhin tun." Etwas unsicherer fühlten sich eher die Menschen mittleren Alters, die mit hohen Infektionsraten zurechtkommen müssten.

Vertrauen schafft Vertrauen

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Petersen vermutet, dass sie die Lockerungen trotz der persönlichen Belastung aus dem gleichen Grund akzeptieren, aus dem die jungen Menschen zuvor die Einschränkungen mitgetragen haben: Deutlich mehr als 90 Prozent der dänischen Bevölkerung haben Vertrauen in die Gesundheitspolitik, in Deutschland sind es keine 65 Prozent. Hinzu kommt eine sehr hohe Bereitschaft, alte Menschen und andere vulnerable Gruppen zu schützen.

Die Lockerungen bedeuteten nicht unbedingt, dass es vorbei ist, so Petersen. Aber da Lockdowns Misstrauen hervorriefen, sei es ratsam, Maßnahmen zu lockern, wenn es möglich sei. "Wenn es nicht vorbei ist - wenn wieder Lockdowns verhängt werden sollen - brauchen die Gesellschaften so viel Vertrauen und Solidarität, wie sie aufbringen können."

Quelle: ntv.de

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