Panorama

Ulrichs über Vietnam-Mutante "Das Virus scheint sich aufgerüstet zu haben"

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Die Impfkampagne ist in Vietnam noch nicht sehr weit vorangeschritten.

(Foto: REUTERS)

Bislang kam Vietnam verhältnismäßig gut durch die Pandemie. Doch jetzt meldet das südostasiatische Land eine neue Corona-Mutante und steigende Fallzahlen. Epidemiologe Ulrichs ordnet das Geschehen im Gespräch mit ntv ein und erklärt, womit in Deutschland zu rechnen ist.

ntv: In Vietnam ist eine neue Virusvariante aufgetaucht, eine Kombination von indischer und britischer Variante. Was weiß man bislang darüber?

Timo Ulrichs: Man weiß eigentlich noch recht wenig, außer dass es eine Kombination von Mutationen ist und das diese Variante wahrscheinlich nur zufällig in Vietnam entdeckt worden ist. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie irgendwo anders entstanden ist. Denn Vietnam war schon immer ein Niedriginzidenz-Land. Das bedeutet, dort sind nur sehr wenige Fälle aufgetreten. Und jetzt ist es eben sehr offensichtlich, dass sich da etwas verändert hat, weil nämlich im Monat Mai so viele Neuinfizierte aufgetreten sind wie in der gesamten Pandemie davor. Das ist also schon ein Wechsel der äußeren Bedingungen. Das kann an so einer neuen, viel fitteren Variante liegen, das muss man erst noch sehen. Die Daten dazu sind alle noch nicht so richtig da. Aber es ist davon auszugehen, dass eine solche neue Variante einfach bessere Karten hat, sich zu verbreiten.

Warum breitet sie sich ausgerechnet in diesem Land aus? Weil in Vietnam noch nicht so viele Leute Corona hatten? Man sagt von Varianten ja immer, dass sie genau da Fuß fassen, also in Ländern, wo es ein hohes Infektionsgeschehen gab.

Das haben wir in Brasilien gesehen, wo die neuen Varianten, oder die neue Variante dort, dann gerade noch mal die Menschen infiziert hat, die das schon einmal durchgestanden haben. Hier haben wir jetzt noch relativ viele Uninfizierte, also immunologisch Naive, die überhaupt generell infiziert werden können. In Vietnam hat man aber, ähnlich wie in anderen Ländern in der Region auch, sehr gute Gegenmaßnahmen ergriffen, sodass man durch diese Zeit sehr gut gekommen ist. Jetzt aber scheint das Virus sich aufgerüstet zu haben. Mit dieser Kombination von Mutationen hat es bessere Chancen, sich auch in dieser Population zu verbreiten, trotz der ganzen, immer noch geltenden Sicherheitsmaßnahmen. Und das gibt Anlass zu Sorge, dass wir da noch mal genauer hingucken. Das ist auch Aufgabe der WHO natürlich, sich hier ein übergreifendes Bild zu machen. Allerdings kann man auch umgekehrt vermuten, dass Länder, die schon die britische Variante haben, oder möglicherweise auch andere, dann nicht mehr ein so hohes Risiko haben, noch von dieser neuen Kombinationsvariante erwischt zu werden.

Das heißt, Sie gehen nicht davon aus, dass sie bei uns noch mal eine Gefahr sein könnte, diese vietnamesische, so nenn ich sie mal, Variante, auch wenn sie vermutlich nicht dort entstanden ist?

Ja, die Chancen, dass sich das hier auch noch mal groß ausbreiten wird, sind relativ gering. Oder das Risiko muss man hier sagen. Das heißt also, dass man durch die Abdeckung mit der britischen Variante hier schon einen starken Konkurrenten für eine solche neue Variante hat. Letztere müsste schon sehr viel besser sein, als diese britische Variante, um sich auszubreiten. Und wir lassen auch kaum Raum. Wenn umgekehrt Vietnam schon eine starke Durchimpfungskampagne hätte, dann wäre da auch das Risiko relativ gering, dass sich jetzt diese neue Variante noch stark vervielfältigt. Aber das ist leider nicht der Fall. Deswegen muss Vietnam jetzt sehen, auch mit den Nachbarländern zusammen, dass möglichst stringent beim Durchimpfen vorgegangen wird.

In Deutschland ist die Sieben-Tage-Inzidenz mittlerweile unter 50, die Laune steigt, das Wetter wird schöner. Die Polizei musste bei Feiernden in Hamburg und Stuttgart am Wochenende sogar einschreiten. Geht das gut?

Wir sind jetzt auf dem Weg, das machen zu können, worauf wir die ganze Zeit in den Lockdowns hingearbeitet haben: nämlich, dass wir uns locker machen können. Nur sollten wir uns jetzt nicht zu schnell, zu locker machen, denn dann kann das Virus noch mal in solche Lücken vorstoßen. Gerade wenn solche Massenveranstaltungen stattfinden, wo die Leute alle zusammenkommen, auch an der frischen Luft, ist da ein gewisses gestiegenes Risiko. Da sollte man noch ein bisschen vorsichtig sein. Im Außenbereich ist es eigentlich in Ordnung, aber Schritt für Schritt öffnen ist besser. Das haben wir da gelernt, wo es in der Vergangenheit nicht so gut geklappt hat. Deshalb jetzt eins nach dem anderen und nicht alles auf einmal.

Aber die Schulen gehen heute vielerorts wieder in den Präsenzunterricht, der Handel fordert auch mehr Lockerungen, sogar das Ende der Test- und Terminpflicht. Setzen wir damit vielleicht das aufs Spiel, was wir uns erarbeitet haben?

Die äußeren Bedingungen sind eigentlich so, dass sie für uns arbeiten und gegen das Virus. Aber wir sollten nicht zu optimistisch da herangehen. Es wäre schon ganz gut, diese äußeren Sicherheiten, wie zum Beispiel die Testpflicht usw. noch eine Weile beizubehalten, auch die Homeoffice-Pflicht, damit wir drum herum, um die Schulen, alles möglichst sicher gemacht haben. Und wir wollten immer die Schulen als Erstes aufmachen. Wenn das jetzt gut funktioniert, dann ist das auch nur möglich, weil wir woanders noch vorsichtig sind. Und das sollte noch bis zu den Sommerferien ganz gut laufen.

Aber die Euphorie ist ja verständlich. Ist es vielleicht schwieriger, aus so einer Pandemie herauszukommen, als viele sich das vorstellen? Gibt es da auch einen Plan?

Wir machen das alles zum ersten Mal, auch jetzt aus einer dritten Welle herauszukommen. Wobei wir schon vor allen Dingen aus der zweiten Welle etwas gelernt haben. Dort haben wir uns sehr optimistisch mit den schon niedrigen Zahlen auseinandergesetzt und überlegt, was wir dann machen wollen. So ein bisschen wie eine Milchmädchenrechnung. Aber dann gingen die Zahlen wieder hoch. Jetzt ist es so, dass wir in den Sommer hereingehen. Das heißt, dass diese ungünstigen äußeren Bedingungen, wie noch am Ausgang der zweiten Welle, nicht mehr vorliegen. Das heißt, wir können jetzt besser planen und sollten noch alle anderen Faktoren miteinbeziehen, zum Beispiel die Durchimpfungskampagne, die uns immer weiter auf die sichere Seite bringen wird, sodass wir dann auch Richtung Spätsommer/Herbst nicht noch einmal in das Risiko laufen, eine große vierte Welle zu bekommen.

Das wollte ich gerade fragen. Wo stehen wir dann im Herbst, also wenn die Impfungen so weit durch sind, das Wetter aber wieder schlechter wird. Was prognostizieren Sie da?

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Da gilt das, was auch für andere Infektionserreger gilt: Da ist wieder die Saison - auch für das Coronavirus. Alle, die dann noch nicht geimpft sind, die haben natürlich ein erhöhtes Risiko, sich noch zu infizieren. Aber wir werden zu diesem Zeitpunkt, zumindest bei den Erwachsenen und jungen Leuten, schon so weit mit dem Impfen vorangegangen sein, dass wir wohl auf der sicheren Seite sind, auch in Richtung Herdenimmunität. Das heißt, wir werden wahrscheinlich noch eine kleine Welle sehen, aber eben gut kontrollierbar und auch ohne diese großen Konsequenzen, die wir bei der zweiten und dritten hatten, nämlich mit den vielen Krankenhauseinweisungen, intensivpflichtigen Patienten usw.

Mit Timo Ulrichs sprach Doro Steitz

Quelle: ntv.de

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