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Betrug war unvermeidlich Das große Geschäft der Corona-Testzentren

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Schnell sollte es gehen - Lücken waren daher im System programmiert.

(Foto: imago images/Müller-Stauffenberg)

Wer in den Urlaub fahren oder im Restaurant etwas essen gehen will, braucht einen negativen Corona-Test. Und den können die meisten Menschen auch gleich um die Ecke machen. Die Testzentren sind seit März aus dem Boden geschossen. Lässt sich mit den Corona-Tests eine goldene Nase verdienen?

Das Stäbchen tief rein in die Nase, fünfmal drehen, eine kleine Träne im Augenwinkel - und dann können wir auch schon wieder gehen. Ein Corona-Test ist nicht angenehm, aber schnell vorbei. Wir lassen ihn über uns ergehen, schließlich brauchen wir das negative Ergebnis für eine Unternehmung, die uns wichtig ist: für einen Besuch im Kino, im Fitnessstudio oder für Urlaub an der Küste. Ein Testzentrum zu finden, ist vor allem in der Großstadt kein Problem. Dort, wo neulich noch das Lieblingsrestaurant oder ein Kosmetikstudio war, werden plötzlich "kostenlose Bürgertests" angeboten.

So auch bei einem der bekanntesten Clubs Berlins, dem "Kitkat". Statt Fetisch- und Technoparty wird hier seit dem Jahreswechsel getestet. Damit war der Club eine der ersten Teststellen der Stadt. Der Antrieb sei im Dezember 2020 die Erkenntnis gewesen, dass der Lockdown nicht so schnell vorbei sein werde, erzählt der Betreiber des Testzentrums, Nikolai von Schröders, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Die kostenpflichtigen Tests zu Beginn seien "massiv in Anspruch genommen worden, es waren bis zu 1000 Tests am Tag". Ab März bot die Teststation dann auch kostenlose Bürgertests an. Momentan sei das Interesse vor allem am Freitag und Samstag groß.

Der Bürgertest ist der freiwillige Schnelltest, den jeder kostenlos mindestens einmal pro Woche machen lassen kann. Mittlerweile gibt es allein in Berlin mehr als 1000 Testzentren verschiedener Anbieter. In ganz Deutschland sind es etwa 15.000, hat eine Umfrage des Bundesgesundheitsministeriums bei den Bundesländern ergeben. Als die Bundesregierung dieses kostenlose Angebot Anfang März eingeführt hatte, musste es schnell gehen. Deshalb waren die Hürden für alle, die ein Testzentrum anmelden wollten, sehr niedrig angesetzt.

Schnelle und unbürokratische Zulassung

In Berlin mussten sich Interessierte für die Anmeldung durch ein Onlineportal des Berliner Senats klicken. Dort habe es "hilfreiche Vorlagen" gegeben, zum Beispiel zum Hygienekonzept, sagt Nikolai von Schröders: "Ja, ich habe ein Einbahnstraßensystem. Ja, ich habe eine gute Belüftung." An vielen Stellen habe man vorwiegend "ja" ankreuzen müssen, erzählt der Teststellenbetreiber. Zur Anmeldung gehörte auch eine Skizze des Centers. "Dann wurde innerhalb von wenigen Tagen die Zulassung durch den Senat ausgesprochen." Der biete auch für die Ausbildung der Mitarbeiter entsprechende Schulungsvideos an. Im "Kitkat" haben Ärzte die Mitarbeiter geschult.

Ein viel größeres Problem zu Beginn war aber die Finanzierung. Als es losging im März, haben die Betreiber der Testzentren keinen Zuschuss bekommen, sondern mussten das Geld für die Tests, die Masken, das Personal und anderen Bedarf vorstrecken. Nikolai von Schröders hat mehrere Tausend Euro ausgelegt. Anfangs sei zwar bekannt gewesen, dass die Betreiber pro Testdurchführung 12 Euro bekommen. Wie, sei aber völlig unklar gewesen.

Das erste Geld wurde zwei Monate später, Ende Mai, von der Kassenärztlichen Vereinigung überwiesen. "Und selbst wenn wir nur ein kleineres oder mittelgroßes Testzentrum sind, waren es deutlich über 100.000 Euro, die wir für diese Zeit an Finanzierungskosten hatten, weil das Testmaterial natürlich anfangs auch noch sehr teuer war und Personalkosten bezahlt werden müssen." Kein Wunder, dass einige Betreiber von Teststellen zwischenzeitlich ans Aufgeben dachten.

Bis Ende Mai waren die Testzentren keine Goldgrube. Aber wenn das Geld einmal fließt, lässt sich eine ganze Menge verdienen. Pro Bürgertest können die Teststellen 18 Euro abrechnen. Darin enthalten sind bis zu 6 Euro für das Material. Die Betreiber verdienen vor allem an den 12 Euro für die Durchführung der Tests. Nikolai von Schröders rechnet es vor: Für einen Testlauf im "Kitkat Club" brauche er fünf Mitarbeiter. Wenn es gut laufe, schaffen diese pro Stunde 50 Tests, das wären Einnahmen von 600 Euro. "Davon muss ich Personal, Miete und das Material, also die Schutzausrüstung, Handschuhe und so weiter bezahlen. Da bleibt zum Schluss schon ein bisschen was übrig."

Lücke im System

Die Teststelle im "Kitkat Club" ist nur eine kleine. Sie nimmt längst nicht so viel ein, wie der Club, in dem sie eingemietet ist, normalerweise an Umsatz macht. Es gibt aber auch Anbieter, die betreiben bis zu 40 Teststationen und führen mehrere Tausend Tests pro Tag durch. Die verdienen richtig gutes Geld.

Die Zahl der durchgeführten Tests melden die Betreiber an die Kassenärztliche Vereinigung - und da gibt es eine Lücke im System. Weil aus Datenschutzgründen die Angaben keinen Bezug zu den getesteten Personen haben dürfen, melden die Betreiber einfach die nackte Zahl der durchgeführten Tests. Auch, dass sie Corona-Tests gekauft und benutzt haben, müssen die Betreiber nicht nachweisen. Das macht es Betrügern einfach - sie können einfach viel mehr Tests angeben, als sie wirklich gemacht haben. "Ein Betrüger könnte dieses Geld kassieren und wäre dann in drei, vier Monaten, wenn man es kontrollieren wollte, längst über alle Berge", so von Schröders.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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In mehreren Bundesländern sollen Betreiber diese Lücke erkannt und Abrechnungen gefälscht haben. Ein Anbieter aus Nordrhein-Westfalen soll systematisch betrogen haben. Erste Verdachtsfälle gibt es auch in Bayern und Berlin. "Die Abrechnungsprüfung erfolgt durch die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder", verteidigt sich das Bundesgesundheitsministerium. "Das heißt, sie müssen eben die Abrechnung auf Vollständigkeit und auch auf Plausibilität entsprechend prüfen."

Die Betreiber der Testzentren müssen aber mit einer späteren Kontrolle rechnen. Sie sind verpflichtet, die Daten der getesteten Personen und die Kaufbelege für Corona-Tests und Material noch bis zum 31. Dezember 2024 aufzubewahren. Der Betreiber der Teststellen-Kette "CoBusters", Benjamin Myk, geht auf Nummer sicher und lagert alle gebrauchten Testpackungen in extra angemieteten Lagern ein, erzählt er im Podcast.

Spahn will Testverordnung ändern

Wer aber soll die Testzentren kontrollieren? Die Kommunen und Gesundheitsämter sagen, das sei nicht zu schaffen, es fehle an Ausstattung und Personal. Auch die Kassenärztliche Vereinigung kann das nicht leisten. Der Berliner Verband hat ntv gesagt, dass er nur formale Aspekte überprüfen könne, mehr nicht. Dabei verdienen die Kassenärztlichen Vereinigungen laut einem Bericht an den Tests kräftig mit, der "Verwaltungskostenersatz" belaufe sich bislang auf 20,5 Millionen Euro. Es gibt inzwischen einfach zu viele Zentren. Und es hätte noch mehr Vorlauf gebraucht, um eine robuste Teststruktur im Frühjahr zu etablieren, sagt ein Insider der zuständigen Behörden.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, dass er die Testverordnung ändern will. Klar ist schon: Die Testzentren sollen nicht mehr so viel abrechnen können wie bisher. Statt der bisher üblichen sechs Euro soll es nur noch zwischen drei und vier Euro für das Material geben. Auch für die Testabnahme - bisher zwölf Euro - soll weniger berechnet werden. Die Testzentren sollen sich außerdem an die Corona-Warn-App anschließen lassen müssen und die Testergebnisse digital übermitteln. Doch wenn das Impftempo anhält und auch die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus weiter abnimmt, brauchen wir in einigen Wochen schon gar nicht mehr so viele Testzentren.

Quelle: ntv.de

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