Panorama

Experte Ulrichs im Interview "Einschränkungen sind unumgänglich"

Manche Bundesländer verschärfen den Lockdown, andere probieren Lockerungen. Bei diesen warnt Professor Timo Ulrichs jedoch vor Risiken. "Wir müssen jetzt sehen, dass wir mit allen Mitteln die Zahlen runterbringen", sagt er im Interview. Sonst seien noch viele weitere Tote zu befürchten.

ntv: In dieser Woche soll die Bundes-Notbremse verabschiedet werden. Am Thema Ausgangssperre scheiden sich im Moment die Geister. Erklären Sie uns doch bitte, was das Problem daran ist, wenn Menschen abends oder nachts allein auf der Straße unterwegs sind?

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Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Timo Ulrichs: Da gibt es überhaupt kein Problem. Das ist super, denn dann ist man an der frischen Luft. Die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas passiert, ist nahe Null. Und das wäre auch alles prima, wenn alle Menschen tatsächlich nur draußen wären und nicht nur rausgehen, um irgendwo anders wieder reinzugehen. Sich in anderen Gruppen außerhalb des eigenen Haushalts zu versammeln, das ist das gefährliche, und meistens natürlich in Innenräumen. Aber auch größere Menschenansammlungen draußen können dazu führen, dass es zu Übertragungen kommt. Deswegen ist es sinnvoll, so etwas generell einzuschränken. Das hat sich in anderen Ländern sehr bewährt. Wir müssen uns überlegen, das gezielt einzusetzen, ohne die Freiheit gerade jetzt im Frühling zu stark einzuschränken, damit wir den positiven Effekt nicht zunichtemachen, dass sich Menschen draußen aufhalten und kaum ein Ansteckungsrisiko darstellen.

Sie haben es gesagt: In anderen Ländern hat sich eine Ausgangssperre bewährt, zum Beispiel in Großbritannien. Da gibt es im Moment einen sehr niedrigen Inzidenzwert. Das Land gilt nicht mehr als Risikogebiet, und Premier Boris Johnson selbst hat betont, dass das kein Erfolg des Impfens, sondern tatsächlich des strengen Lockdowns sei. Schauen wir manchmal zu wenig auf andere Länder, von deren Erkenntnissen man lernen könnte?

Man hat so ein bisschen dieses Gefühl. Wir hätten aber auch auf unser eigenes Land schauen und unsere Erfahrungen aus dem November und Dezember mitnehmen können. Hätten wir rechtzeitig reagiert, also etwa ab Februar und März, dann hätten wir uns jetzt diese ganze Sache sparen können. Dann wären wir jetzt mit niedrigen Zahlen aus diesem Wiederanstieg hervorgegangen. Wir haben das Ganze aber bis in den Frühling verschleppt und müssen jetzt leider mit diesem Dilemma fertig werden, dass wir eine Verschärfung brauchen - gerade in einer Zeit, in der man eigentlich Lockerungen und Frühling haben sollte, so wie wir es nach der ersten Welle gelernt haben.

In Schleswig-Holstein wird gelockert, in anderen Ländern, zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern oder Baden-Württemberg, wurden die Maßnahmen heute nochmal verschärft. Wie weit wird uns dieser Flickenteppich bringen?

Das ist die große Frage. Das hängt sehr von der Mobilität der Menschen ab. Am besten wäre es natürlich, noch weiter einzuschränken. Aber wenn einige Regionen lockern und auch Urlaubsreisen möglich sein sollten, dann ist das natürlich bei aller Vorsicht immer auch ein Risiko, dass dann diese Regionen nicht mehr lange Niedriginzidenzgebiete bleiben. Das heißt, wir müssen jetzt sehen, dass wir mit allen Mitteln die Zahlen runterbringen, um nicht noch weitere Opfer zu riskieren. Derzeit sind wir bei etwa 80.000 Corona-Toten, aber das kann, wenn wir das hochrechnen, noch ziemlich schlimm werden, bis wir über das Impfen auf einer sicheren Seite sind.

Bei uns werden viele Einzelmaßnahmen diskutiert und auch immer deren Verhältnismäßigkeit infrage gestellt. Wie lautet da die epidemiologische Antwort?

Verhältnismäßigkeit bedeutet, dass wir etwas miteinander ins Verhältnis setzen. Also eine Einschränkung auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Opfer, also Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen, Long-Covid-Patienten und eben Todesfälle, die wir mit diesen Einschränkungen verhindern können. In einer Situation wie der dritten Welle müssen wir das genau abwägen. Deswegen können wir nicht einfach sagen: Na ja, wir lassen das jetzt weiter laufen und schauen, dass wir mit dem Impfen irgendwann auf die sichere Seite kommen. Einschränkungen sind unumgänglich, wenn wir nicht sehenden Auges in eine Überlastung der Intensivstationen laufen wollen, mit noch weiteren Opfern.

Also nach ihrer Einschätzung absolut verhältnismäßig?

Ja, denn wir müssen bedenken, dass wir mit diesen vielen Neuinfizierten immer anteilig auch Covid-19-Verläufe produzieren, die behandelt werden müssen, auch auf Intensivstationen, oder die zu Todesfällen führen können. Das ist etwas, das nur mit den Maßnahmen zu bekämpfen ist, weil wir mit dem Impfen noch nicht auf der sicheren Seite sind.

Ab Mai wird es sehr wahrscheinlich genügend Impfstoff für alle geben und zwar so viel, dass die Impfpriorität außer Kraft gesetzt werden kann. Was bedeutet das dann für den Impffortschritt und auch für die Menschen?

Das ist das, was wir schon lange erwarten: Dass wir so viele Impfstoffdosen zur Verfügung haben, dass man Impfen kann, was das Zeug hält. Dass wir uns nicht überlegen müssen, wer den Impfstoff zuerst bekommt. Wir kommen in die Phase, wo wir in die Breite gehen können. Die Hausarztpraxen können ihre Impfquote sicherlich noch steigern und dann kann man sich überlegen, auch zu den Betriebsärztinnen und -ärzten zu gehen und noch andere einzubeziehen, um ganz viele Menschen zu impfen. Dann sieht die Sache schon sehr viel entspannter aus. Wir werden das schaffen, indem wir die Impfzahlen pro Tag so stark steigern, dass wir durchaus bis in den Sommer hinein fertig sein werden.

Mit Timo Ulrichs sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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