Panorama

Solidarität in Zeiten von Corona Leute, ihr seid großartig!

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Auch so kann man sich bedanken.

(Foto: imago images/localpic)

Wir bleiben zu Hause. Aber gerade der Abstand schweißt uns zusammen. Wir helfen den Nachbarn und retten unseren Kiez, unser Viertel, unsere Straße. Die Krise offenbart, wie toll wir doch eigentlich sind.

Vor wenigen Tagen veröffentlichten die Vereinten Nationen den World Happiness Report. Der Index misst das Glücksbefinden in aller Welt: Skandinavische Staaten dominieren die Top Ten, Deutschland landet wie im Jahr zuvor auf Platz 17. Doch die Ergebnisse sind an dieser Stelle nicht relevant. Was den Bericht spannend macht, ist eine Bemerkung: Datengrundlage des Reports sind die Jahre 2018 und 2019. Da war das Leben noch schön - könnte man meinen. Die Probleme von damals erscheinen uns jetzt nichtig. Nichtig im Vergleich dazu, wie die Coronavirus-Pandemie unsere Welt verändert hat. Und doch gehen die Autoren des Berichts davon aus, dass das Glücksempfinden im Zuge der Corona-Krise paradoxerweise steigen könnte. Eine mögliche Erklärung sei, "dass die Menschen angenehm überrascht sind von der Bereitschaft ihrer Nachbarn und der Institutionen, sich gegenseitig zu helfen", schreiben die Autoren. Macht uns Corona also glücklicher?

Ein Leser beschreibt in einer Mail an ntv.de eine Situation in einem Supermarkt. Ein Mann, der vor ihm an der Kasse stand, hatte offenbar das Glück, die letzte Packung Klopapier bekommen zu haben. Er legte sie auf das Band und wurde von einer Frau, welche gerade beim Bezahlen war, dafür beglückwünscht. Sie hätte ebenfalls Toilettenpapier benötigt. Der Mann bot ihr sofort an, die Packung mit ihr zu teilen.

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Solche kleinen Geschichten, so banal sie auch seien mögen, machen Mut. Und davon gibt es in der letzten Zeit immer mehr. In gefühlt jedem Hausflur hängen derzeit Zettel mit Hilfsangeboten für Ältere, Kranke und diejenigen, die die Wohnung nicht verlassen können. Kein Gossip und Beschwerden über langsame Internetverbindung - Aufrufe zur Solidarität dominieren in Nachbarschaftsgruppen auf Whatsapp. Im Kaskelkiez in Berlin-Lichtenberg schlägt jemand ein Soli-Mittagessen vor: Den Restaurants im Viertel geht's jetzt wirtschaftlich nicht gut, sie würden jeden Tag ein paar Gerichte zum Abholen anbieten. Der einzige Haken: Damit zumindest ein kleiner Überschuss entsteht, müssen die Gastronomen mindestens 50 Abnehmer finden. Wer macht mit? Der Chat explodiert: "Top-Idee, sind dabei!"

Gutscheine statt Klopapier!

Solidaritätsaktionen mit Kleinunternehmern schießen wie Pilze aus dem Boden. Damit die Lieblingskneipe um die Ecke überlebt, damit der Lieblings-Vintageladen seine Miete weiter zahlen kann, dafür hat ein junges Team das Projekt Helfen.Berlin ins Leben gerufen, ehrenamtlich natürlich. Auf der in wenigen Tagen gebauten Plattform kann man Cafés, Restaurants, Theater und Co. unterstützen, indem man jetzt einen Gutschein kauft, den man nach der Wiedereröffnung einlösen kann.

"Gutscheine statt Klopapier!" fordert auch eine Berliner Eisdiele, unter dem entsprechenden Hashtag auf Instagram rufen nun Hunderte Unternehmer - aber auch Kunden - zum Gutschein-Kauf auf. Nach Helfen.Berlin entstehen in ganz Deutschland Support-Initiativen: Mainz.help in Rheinland-Pfalz, Rette Deinen Lieblingsladen in Bayern, Gutundschein im Ruhrgebiet. Auch auf Startnext, einer deutschen Crowdfunding-Plattform, unterstützt man Kreative und Gründer.

Die Not macht erfinderisch. Mit der Aktion United We Stream kämpft die legendäre Berliner Clubszene um ihr Überleben. Von 19 Uhr bis 24 Uhr werden täglich DJ-Sets live gestreamt. Die Aktion dient auch der Sammlung von Spenden für die in ihrer Existenz bedrohten Clubs.

Lieblingsläden vor der Pleite retten - das geht auch ganz ohne Geld. Auf hilfdeinemkino.de kann man Werbespots anschauen, die normalerweise im Vorprogramm in den Kinos gezeigt werden und so das Lichtspielhaus in der Nachbarschaft direkt unterstützen. Die Liste kann fast unendlich fortgesetzt werden.

Sich vernetzen und gegenseitig helfen

Entgegen der in diesen Tagen gängigen Darstellung gehen die Leute an die frische Luft nicht nur, um "Corona-Partys" in Parks zu feiern und "sich die Bierflaschen zu teilen"; manch einer geht auf die Straße, um eine Tüte mit Spenden für Obdachlose an einen "Gabenzaun" zu hängen. Oder eben für Ältere einzukaufen. Oder auch um Tauben zu füttern, die sonst verhungern. Nun ja. Die anderen folgen dem Aufruf "Bleibt zu Hause" und unterstützen so Ärzte und Helfer, die in den Krankenhäusern im Akkord arbeiten.

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Anwohner hängen ihre Spenden an einen Zaun in Berlin-Friedrichshain.

(Foto: Uladzimir Zhyhachou)

Auch Noah Adler, ein 15-jähriger Schüler aus Berlin, bleibt daheim und startet ein Netzwerk, über das Bedürftige Hilfe finden können. Der Junge ist ein Held, genauso wie jeder, der auf seiner Plattform Coronaport - aber auch auf nebenan.de oder wo auch immer - Unterstützung anbietet. Genauso wie ein Vermieter, der auf die Miete verzichtet. Genauso wie Supermarktmitarbeiter, Ärzte, Pfleger und diejenigen, die ihnen an Fenstern applaudieren. Sich vernetzen und gegenseitig helfen - das ist das Gebot der Stunde.

Obwohl wir zu Hause bleiben und Abstand halten, rücken wir gerade jetzt noch näher zusammen. Gemeinsam schaffen wir es aus der Krise. Und wenn sie vorbei ist, dann gehen wir auf die Straße und feiern eine riesige Corona-Afterparty. Ohne Abstand und mit ganz viel Körperkontakt. Dann können wir im nächsten Happiness Report ganz vorne mitmischen.

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Quelle: ntv.de