Panorama

Geburtenzahl auf dem Tiefststand Platzt in China eine demografische Bombe?

204252040.jpg

In China gibt es immer weniger Kinder. Die sind dafür immer besser gebildet.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

In China sind die Geburtenzahlen vergangenes Jahr auf ein historisches Tief gefallen. Die Rede ist von einer neuen "Bevölkerungsbombe". Ein Begriff, mit dem Demograf Wolfgang Lutz nichts anfangen kann. Warum, erzählt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Die Geburtenzahlen sinken derart dramatisch, China ist dem Untergang geweiht. Von einer "Unterbevölkerungsbombe" hat die "New York Times" vor Kurzem geschrieben. "Ist es schon zu spät, die chinesische Bevölkerungsbombe zu entschärfen?", hieß es in der "South China Morning Post". Schlagzeilen, mit denen Wolfgang Lutz nichts anfangen kann. "Demografische Entwicklung lädt eigenartigerweise immer Menschen ohne wissenschaftliche Kenntnis zu Extremen ein", sagt der österreichische Demograf. "Früher wurde das Bevölkerungswachstum als 'Bombe' oder 'Explosion' überdramatisiert, nun das Schrumpfen."

Anders als die Journalisten von "New York Times" und "South China Morning Post" beschäftigt sich Lutz tatsächlich seit vielen Jahrzehnten mit der weltweiten Bevölkerungsentwicklung - und der Bevölkerungswissenschaftler plädiert für mehr Gelassenheit. "Die wissenschaftlichen Befunde zeigen, dass das sehr langsame und langfristige Entwicklungen sind, kein kurzfristiges Drama", betont er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Außerdem komme es nicht nur auf die Zahl der Menschen an, sondern auch darauf, was die können: das Humankapital, die Fähigkeiten der Menschen.

So einfach ist es nicht

Anfang Februar hat das Ministerium für öffentliche Sicherheit der Volksrepublik mitgeteilt, dass die Geburtenzahl 2020 auf einen historischen Tiefststand gefallen ist. Nur noch gut zehn Millionen Neugeborene sind erfasst worden. Im Vergleich mit 2019 ist das ein Rückgang von 15 Prozent. Die Folgen sind klar: Die Bevölkerung wird sehr viel schneller überaltern als bisher gedacht. Darunter wird erst das Wachstum der zweitgrößten Wirtschaftsmacht leiden, am Ende aber die ganze Welt - so die Annahme in vielen Berichten.

Bevölkerungswissenschaftler Lutz greift diese Schlussfolgerung zu kurz. Er sagt, Ökonomen und Demografen seien sich nicht einig, inwieweit eine stark zurückgehende Geburtenrate für Gesellschaft und Wirtschaft problematisch seien. Er kritisiert, dass zu häufig mit zu einfachen Maßzahlen gearbeitet wird: Viele alte Menschen seien in Rente und damit unproduktiv; viele junge Menschen gingen arbeiten und seien deshalb produktiv.

Lutz-Foto.jpg

Wolfgang Lutz ist Gründungsdirektor des Wittgenstein Zentrums für Demografie und globales Humankapital der Universität Wien, des IIASA und der österreichischen Akademie der Wissenschaften.

(Foto: privat)

So einfach ist es aber nicht, betont der Österreicher. "Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viele Menschen in welcher Altersgruppe, sondern ob sie erwerbstätig und wie produktiv sie sind", erklärt Lutz. Er und sein Team hätten berechnet, dass die chinesische Wirtschaft nicht unbedingt leiden wird, auch wenn es immer weniger junge Menschen geben werde. Denn die junge Generation sei besser deutlich gebildet und produktiver, weil China in den letzten Jahren sehr viel Geld in sein Schulsystem investiert habe.

Ein-Kind-Familie als Idealtypus

Vergangenes Jahr war der dritte Rückgang und der zweite Tiefststand in Folge bei den Geburtenzahlen in China. Noch vor 30 Jahren gab es etwa doppelt so viele Geburten.

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum müssen manche Berufspiloten Geld für ihren Job zahlen? Warum ist Chiphersteller TSMC das wichtigste Unternehmen auf der Welt? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Überraschend kommt diese Entwicklung allerdings nicht. Bei der Gründung der Volksrepublik 1949 hatte China knapp 550 Millionen Einwohner. Aktuell leben knapp 1,4 Milliarden Menschen in der Volksrepublik. Um das Wachstum zu stoppen, hatte die Kommunistische Partei 1980 erfolgreich die Ein-Kind-Politik eingeführt: Demografen erwarten, dass in 80 Jahren nur noch 730 Millionen Menschen in China leben werden.

Das liege an der starken Urbanisierung und den steigenden Wohnkosten in den Großstädten, sagt Lutz. Außerdem seien immer mehr junge Frauen hochgebildet und hätten kompetitive Positionen im Berufsleben. Auch die Corona-Krise hat zu der Entwicklung beigetragen. Wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse unsicher sind, wartet man mit der Schwangerschaft lieber erst einmal ab. Und die Ein-Kind-Familie hat sich trotz der offiziellen Abschaffung 2016 als chinesisches Ideal durchgesetzt.

"Zwei Kinder würden nur streiten"

Mehr zum Thema

"Wir hatten Umfragen in Shanghai, Peking oder anderen Großstädten. In denen sagen bis zu 80 Prozent der Frauen, dass sie sich nur ein Kind wünschen", erzählt der Bevölkerungswissenschaftler. "Wenn man nachfragt, warum sie nicht mehr Kinder wollen, wird es rationalisiert. Sie hätten nie etwas anderes gesehen als Ein-Kind-Familien und sagen: Zwei Kinder würden nur miteinander streiten."

Der Erde stehe deshalb eine Katastrophe bevor, heißt es sinngemäß in der "New York Times". Wenn die Bevölkerung nicht nur in Japan und Europa, sondern weltweit, auch in Ländern wie China, derart schrumpfe, sei ein Wachstumsstillstand noch das beste Szenario. Als schlimmstes wird auf ein Buch des Ökonomen Charles Jones verwiesen, der gleich vor einem komplett "leeren Planeten" warnt.

Wolfgang Lutz kann solchen Schreckensszenarien nichts abgewinnen. Immerhin wurde bis vor wenigen Jahren noch das Gegenteil postuliert. 2100 könnten mehr als 11 Milliarden Menschen auf der Erde leben, war lange Zeit die Annahme der Vereinten Nationen. Anderen Prognosen ergeben dagegen, dass die Weltbevölkerung viel weniger stark wächst - durch einen raschen Geburtenrückgang in Afrika und ein tieferes Absinken in Asien. Schon 2064 könnte der Wendepunkt bei knapp 10 Milliarden Menschen erreicht ein.

Geburtenraten schwanken

Warum? Geburtenraten schwanken, sagt der Demograf. Bei Prognosen handele es sich um hypothetische Annahmen, die sich verändern könnten. Bis in die 1980er-Jahre sei man zum Beispiel davon ausgegangen, dass sich die Geburtenrate in reichen Ländern langfristig bei zwei Kindern stabilisieren und dann immer auf diesem Niveau verbleiben werde. Das sei in praktisch keinem Land der Welt eingetreten.

Auch die Prognosen für China sind nicht in Stein gemeißelt. Sollte sich die Geburtenrate erholen, könnte die Bevölkerungszahl zur Jahrhundertwende auch bei mehr als einer Milliarde Menschen liegen. Aber selbst wenn sie dramatisch schrumpfen sollte, muss das nicht das Ende der Volksrepublik und der ganzen Welt bedeuten. Vielleicht wäre es sogar ganz gut, wenn die Geburtenzahlen zurückgehen. Der Umwelt zuliebe, sagt Wolfgang Lutz. Und wegen der raschen Automatisierung der Wirtschaft, die sonst nur zu mehr arbeitslosen Menschen führt. Dann gäbe es eben weniger Menschen auf der Erde, aber die hätten vermutlich eine bessere Lebensqualität.

Quelle: ntv.de