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Alltag, Lernen, Ferien Wann ist nach Corona wieder normal Schule?

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In den Schulen ist die neue Normalität noch nicht angekommen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Schule fällt aus, das hätte vor der Corona-Krise jeden Schüler jubeln lassen. Inzwischen waren die Schulen wochenlang geschlossen, stattdessen musste der neue Stoff zu Hause erarbeitet werden. Eltern und Kinder sehnen sich wieder nach einem geregelten Schulalltag mit Klassenarbeiten und Hausaufgaben. Wann ist es so weit?

Wie geht es mit dem Schulbetrieb jetzt weiter?

Derzeit etabliert sich in den meisten Bundesländern ein Wechsel zwischen Präsenzunterricht und "Lernen zu Hause". Die Kultusministerkonferenz der Länder hatte sich Ende April darauf verständigt, "dass alle Schülerinnen und Schüler vor den Sommerferien tage- oder wochenweise die Schule besuchen können". Das wird nun "unter Berücksichtigung der jeweiligen regionalen und lokalen Gegebenheiten" umgesetzt. In manchen Schulen kommt das schon fast dem Normalbetrieb nahe, in anderen gibt es lediglich ein oder zwei Präsenztage bis zu den Sommerferien.

Wann wird es bundesweit wieder Regelbetrieb an den Schulen geben?

Das lässt sich nicht genau sagen. Es sieht derzeit so aus, dass Bundesländer mit einem späteren Ferienbeginn im Vorteil sein könnten. In Baden-Württemberg und Bayern beginnen die Sommerferien erst Mitte oder Ende Juli. Das neue Schuljahr startet dann dementsprechend etwa Mitte September. Bis dahin dürften mehr Fragen beantwortet sein, wie der Schulbetrieb mit Corona-Vorsorgemaßnahmen vereinbar ist. Sachsen hat bereits angekündigt, dass nach den Sommerferien ab Ende August an allen Schulen wieder regulärer Unterricht stattfinden soll.

Heißt das dann, alles ist wie vor Corona?

Das könnte es heißen, wobei die erweiterten Hygienemaßnahmen vermutlich noch beibehalten werden. Es gibt bei der Ausgestaltung noch viele Fragezeichen. Was ist mit Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, die zu einer Risikogruppe gehören? Müssen die Klassen vielleicht grundsätzlich kleiner sein? Woher kommen die zusätzlich benötigten Lehrkräfte? Der Deutsche Lehrerverband hatte vorgeschlagen, die kompletten Jahrgangsstufen zu halbieren und im Wechsel alle zwei Wochen in der Schule zu unterrichten. Dann könne man den Stundenplan und die Lehrkräfte weitgehend beibehalten. Allerdings müssen dann die Eltern weiter Homeschooling-Wochen organisieren, zudem werde die Effektivität von hundertprozentigem Präsenzunterricht nicht erreicht.

Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko in der Schule?

Die Einschätzung verändert sich zunehmend. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hält ein pauschales Verbot von Präsenzunterricht für medizinisch nicht mehr gerechtfertigt. Es sei auch "nicht nachvollziehbar und daher inakzeptabel", Lehrergruppen vom Präsenzunterricht auszunehmen, erklärte Verbandspräsident Thomas Fischbach. "Verbesserte Hygienemaßnahmen und die angemessene Ausstattung der Lehrkräfte zum Beispiel mit Mund-Nasen-Schutz und Händedesinfektionsmitteln wären hier der richtige Weg", betonte der Kölner Mediziner. Damit wäre es nicht mehr nötig, bis zu einem Drittel der Lehrkräfte vom Unterricht auszunehmen, nur weil sie etwa 60 Jahre oder älter seien. In über 80 Prozent der Fälle seien an Covid-19 erkrankte Kinder nachweislich von Erwachsenen angesteckt worden, steckten selbst aber nur selten Erwachsene an. Jenseits des zehnten Geburtstages seien Kinder in der Regel zudem in der Lage, Hygienemaßnahmen umzusetzen. Daher sollten alle Schulen in Deutschland so schnell wie möglich öffnen. Der Berliner Virologe Christian Drosten schlug im Deutschlandfunk zudem vor, die vollständige Öffnung von Schulen und Kindertagesstätten durch gezieltes Testen der Lehrer und Betreuer zu ermöglichen. Kinder in Schulen säßen stets am gleichen Platz und würden von den gleichen Menschen betreut. Da fast alle infizierten Erwachsenen auch Symptome zeigten, könnten Lehrer und Erzieher eine "Anzeigerfunktion" bei neuen Ausbrüchen an Schulen und Kitas übernehmen. "Jeder symptomatische Lehrer muss sofort getestet werden", sagte Drosten und ergänzte: "Und auch jeder besorgte Lehrer muss oder darf einmal pro Woche getestet werden."

Wie soll das nicht-vermittelte Wissen nachgeholt werden?

Die Ausfälle durch die Schulschließungen wegen des Coronavirus sollen unter anderem mit freiwilligen Lernangeboten im Rahmen einer Sommerschule ausgeglichen werden. Das Bildungsministerium von Sachsen-Anhalt teilte mit, in den Pfingstferien werde bereits ein Testlauf durchgeführt. Mehr als 90 Prozent der Schulen hätten dafür Angebote auf die Beine gestellt. Nun komme es darauf an, wie sie angenommen würden. Unklar sind noch organisatorische Details, etwa der Bedarf an Lehrkräften. Auch in Sachsen arbeitet das Kultusministerium an Konzepten. Eine Sprecherin erklärte, man wolle jene Schüler fördern, die Unterstützung bräuchten. In Berlin ist die Sommerschule vor allem für Schülerinnen und Schüler gedacht, die im Schuljahr 2019/2020 die Jahrgangsstufe 1, 2, 7, 8 oder 9 besuchen. Bei den Grundschülern geht es darum, Mathe-Grundkompetenzen und das Erlernen von Lesen und Schreiben sicherzustellen. In den höheren Klassen soll auf Grundlage individueller Förderpläne vorrangig Unterrichtsstoff in Deutsch, Mathematik und Englisch für den Mittleren Schulabschluss vermittelt werden. Teilnehmen sollen besonders Schülerinnen und Schüler, die von der Zahlung des Eigenanteils bei Lernmitteln befreit sind sowie Anspruchsberechtigte nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst denkt für das neue Schuljahr über Samstagsunterricht und kürzere Ferien nach, damit die Schüler Versäumtes nachholen.

Wie wirkt sich dieses besondere Corona-Schuljahr aus?

Wissenschaftlich ist das noch nicht genau untersucht. Bisher gibt es Befürchtungen, dass vor allem Kinder in finanziell schlechter gestellten Familien unter dem Schulausfall leiden. Sie sind technisch häufig kaum für das digitale Lernen ausgestattet, außerdem können ihre Eltern sie weniger gut unterstützen. Vor allem für Kinder mit Lernproblemen kann es schwierig sein, in den Schulalltag zurückzufinden. Eventuell steigt auch die Zahl der Schulabbrecher. Kinderärzte warnen zudem vor Verhaltensauffälligkeiten, die durch die lange Zeit zu Hause entstanden seien. Auch die Zahl der Hilferufe bei den Kinderschutzhotlines sei sprunghaft gestiegen. In einem offenen Brief an Bundes- und Landespolitiker mahnen 100 Forscher, dass die Spätfolgen des Unterrichtsausfalls enorm sein könnten. Frühere Studien hätten gezeigt, dass ein fehlendes Schuljahr zwischen sieben und zehn Prozent des Lebenseinkommens verringere. Dabei gehe es nicht nur um Wissensinhalte, die nicht vermittelt wurden, sondern auch um soziale Kompetenzen. Schülerinnen und Schüler befürchten vor allem, dass das Corona-Schulhalbjahr und die darin erbrachten Leistungen vor allem bei den Abschlussjahrgängen die Noten verzerren. Schwierig könnte auch sein, dass nicht alles Wissen vermittelt wurde, dass nun in Prüfungen abgefragt wird.

Quelle: ntv.de