Panorama

Digitales Lernen in Viruszeiten "Für einige Kinder nachteilig"

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Die Versäumnisse bei der Digitalisierung machen sich jetzt massiv bemerkbar.

(Foto: dpa)

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus verwandelt viele Wohnungen in digitale Lernlabore. Plötzlich gibt es die Aufgaben für Schülerinnen und Schüler nur noch auf Online-Plattformen, Rechner, Drucker und Internetverbindungen werden unabdingbar. Für Bildungsexpertin Doris Unzeitig werden nun lange verschwiegene Defizite sichtbar. Sie fürchtet, dass sich dieses vergleichsweise isolierte Lernen für einige Kinder nachteilig auswirkt.

ntv.de: Wie läuft denn das durch das Coronavirus erzwungene digitale Lernen?

Doris Unzeitig: Es ist schwierig. Es ist ja schon für die Erwachsenen nicht so leicht mit dem Homeoffice und es gibt viele Familien, die haben einfach keinen Rechner zu Hause. Da hat jetzt vielleicht der Papa seinen Rechner von der Firma mitgenommen. Aber den benötigt er für die Arbeit, da muss man sich gut organisieren. Auch mit dem Ausdrucken von Arbeitsblättern, die die Lehrkräfte verschicken, kann es Probleme geben. Viele haben keinen Drucker zu Hause. Die meisten haben das Handy, mit dem sie spielen und telefonieren. Das, was jetzt gebraucht wird, ist aber keineswegs die Basis-Ausstattung von Familien.

Was gehört denn alles zum digitalen Lernen?

Zur digitalen Ausstattung gehören ja nicht nur White Boards in den Klassenräumen, sondern auch, dass Lehrkräfte persönlich über Arbeitsrechner verfügen, die sie auch zu Hause nutzen können. Das ist ja schon bei der normalen Unterrichtsvorbereitung hilfreich. Und dann hätte man es antizipieren müssen, mit welchen Geräten Schülerinnen und Schüler eigentlich zu Hause arbeiten. Für Lernplattformen müssen Lehrer, Schüler und Eltern geschult werden. Das läuft ja nicht einfach so. Aber von den fünf Milliarden Euro des Digitalpakts Schule sind in Deutschland bisher weniger als 100 Millionen Euro abgerufen worden. Dabei wurde das schon vor einem Jahr bereitgestellt. Damit hätte man jetzt natürlich gut arbeiten können. Aber das "hätte" hilft jetzt nicht weiter.

Was raten Sie denn den Lehrkräften?

Wir halten gerade nur das Personal in den Schulen, das für die Notbetreuung von Kindern systemrelevanter Eltern unverzichtbar ist. Es geht darum, den direkten sozialen Kontakt zu beschränken. Manche Lehrkräfte haben vorgeschlagen, dass sie Arbeitsblätter bei den Kindern vorbeibringen, aber das soll so nicht sein. Derzeit kommunizieren Lehrkräfte meist über Whatsapp-Gruppen. Dafür ist in Österreich der Datenschutz gelockert worden, damit das möglich wird. Bei Skype stoßen schon viele an ihre Grenzen. Es gibt viel Engagement, aber nicht alles funktioniert. Deshalb reduziert es sich häufig darauf, Links zu teilen, die man im Internet gefunden hat. Es geht ja auch darum, den Tagesablauf der Kinder zu strukturieren, damit denen nicht langweilig wird. Aber es ist ein komplett anderes Lernen, darauf sind wir nicht vorbereitet.

Viele Lehrkräfte sind bis heute nicht mal per E-Mail erreichbar. Ist das noch zeitgemäß?

Für mich ist es unverständlich, wenn man keine E-Mail-Adresse hat. Man kann die Nachrichten ja nur zu den Arbeitszeiten abrufen. Andererseits muss man es auch so sehen: Man ist dann auch Tag und Nacht erreichbar und das nutzen viele Eltern aus. Viele Mütter und Väter schreiben seitenlange Briefe, oft auch in einem unangemessenen Ton. Da sollte man von beiden Seiten mehr Verständnis erwarten. Auch bei der Whatsapp-Nutzung wird der Respekt vor der Privatsphäre häufig nicht eingehalten. Deshalb sind viele Lehrkräfte dort auch nicht. Allerdings haben auch viele Eltern keine E-Mail-Adressen. Mir ist das bei den Schuleinschreibungen aufgefallen. Viele nennen nur die E-Mail-Adresse ihres Arbeitsgebers, privat sind sie nur per Whatsapp erreichbar. Für die jetzt benötigten Datenmengen ist E-Mail aber unverzichtbar.

Es gibt ja schon länger Überlegungen, Lerninhalte stärker zu individualisieren. Dafür wäre jetzt doch Gelegenheit.

Theoretisch schon, aber dafür haben die Lehrkräfte gar nicht die Zeit. In der Grundschule wäre ein telefonischer Kontakt gut, weil mit Grundschulkindern Kommunikation per E-Mail noch nicht funktioniert, bestenfalls mit deren Eltern oder älteren Geschwistern. Wenn man zusätzlich noch den individuellen Wissensstand und die jeweilige technische Ausrüstung bedenken soll, wird es schwierig. Außerdem sind die Lehrkräfte für den Einsatz des digitalen Unterrichts noch nicht hinreichend vorbereitet. Wir sind es in der Grundschule noch nicht gewöhnt, über Lernplattformen zu kommunizieren.

Was meinen Sie damit?

Digitales Lernen erfordert die absolute Präsenz des Lehrers. Man muss ja vorab in Betracht ziehen, welche Fragen von den Kindern kommen könnten. Wenn die Kinder selbständig recherchieren und lernen, entwickeln sie Fragen, die vermutlich nicht alle in den Lehrbüchern stehen. Was man sich für den Unterricht überlegt hat, reicht dann vielleicht nicht aus. Man kann dann die Fragen der Schüler nicht mehr beantworten. Das bedeutet, die Lehrkräfte müssen sich in ihrem Fach gut auskennen. Wenn sie allerdings gezwungen sind, fachfremd zu unterrichten, wird das nahezu unmöglich. Grundsätzlich gilt aber auch hier: Einen guten Lehrer zeichnen Geschick, Fantasie, Spaß und Wissen aus.

*Datenschutz

Haben Sie denn die Hoffnung, dass es aus dieser Zeit des Zu-Hause-Lernens wichtige Erkenntnisse geben wird?

Das ist jetzt schon offensichtlich. Gegenwärtig kennen sich spätestens im Gymnasium in der Regel die Schüler am Computer besser aus als die Lehrkräfte. Das bedeutet, Lehrkräfte müssen bereit sein, dazuzulernen. Wir dürfen über Smartboards nicht nur sprechen, sondern sie müssen in der Schule auch zur Verfügung stehen. Anders als in der Praxis, wo häufig noch mit dem "Dampfrechner" aus den Zeiten des Einstiegs in die Digitalisierung gearbeitet wird. Es gilt auch eine neue Methodik der Wissensvermittlung zu entwickeln. Solange digitale Tafeln nur als moderne Version des Overhead-Projektors genutzt werden, steht der Schritt in die Digitalisierung eigentlich noch bevor. Ziel muss es sein, dass die Kinder jeweils individuell abhängig von der Fragestellung oder ihrem Interesse auf Inhalte zugreifen können.

Was hören Sie denn von den Lehrern als Rückmeldung?

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*Datenschutz

Zunächst bemühen wir uns um eine flexible Betreuung. Aber natürlich haben Kollegen auch Angst vor einer neuen Situation, in der sie sich nicht fit fühlen. Außerdem wird befürchtet, dass sich dieses vergleichsweise isolierte Lernen für einige Kinder nachteilig auswirkt. Können sie gut lernen? Bekommen wir einen Bildungsnotstand? Darüber denken die Lehrkräfte schon nach.

Bekommen wir einen Bildungsnotstand?

Das glaube ich nicht. Abschlussprüfungen kann man verschieben, die finden im Zweifelsfall einfach ein Semester später statt. Über eine wirklich langanhaltende Schließung der Schulen denken wir jetzt noch nicht nach. Die Kinder, die gern lernen, werden das auch weiterhin tun. Die, die schon vorher schwer zu motivieren waren, wird man vielleicht noch schwieriger erreichen.

Mit Doris Unzeitig sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de