Politik

Baerbock beim "Brigitte"-Talk "Abhaken und hart weitertrainieren"

Annalena Baerbock hat anstrengende Wochen hinter sich. Das ist bei einer Veranstaltung am Kurfürstendamm in Berlin spürbar. Die Kanzlerkandidatin der Grünen will aber aus ihren Fehlern lernen und weiterkämpfen - wie sie es in den 1990er-Jahren auf dem Trampolin gemacht hat.

Wenn Annalena Baerbock unter Stress steht, bekommt sie kleine Blasen an ihrer Hand. Auf der Bühne der Berliner Astor Film Lounge sitzt sie auf einem rosa Sessel, schaut nach unten und zupft an einer Stelle zwischen Zeigefinger und Daumen. Dann lächelt sie und sagt: "Das ist mir gerade aufgefallen." Nur selten reagiere ihr Körper so, sagt die Kanzlerkandidatin der Grünen bei einer Veranstaltung der Zeitschrift "Brigitte". Was aktuell die Ursache für die Blasen an ihren Fingern ist, muss sie nicht aussprechen.

Dass die Politikerin nicht gerade eine entspannte Woche hinter sich hat, sieht man ihr an. In einem lilafarbenen Kleid, das farblich zum "Brigitte"-Logo passt, sitzt sie steif zwischen Brigitte Huber, Chefredakteurin der Zeitschrift, und Meike Dinklage, Leiterin des Ressorts Zeitgeschehen. Es sind nicht nur die vergangenen Tage, die auf die Stimmung drücken. Seit der Ankündigung ihrer Kandidatur geriet sie immer wieder in Erklärungsnot: unsaubere Lebensläufe, vergessene Nebeneinkünfte und jetzt auch noch Plagiatsvorwürfe.

Es ist nicht das erste Mal, dass Baerbock auf ihrem Weg zur Meisterschaft Fehler macht. Anfang der 1990er Jahre war sie Trampolin-Sportlerin und wollte Deutsche Meisterin werden. Als ehrgeizige Teenagerin ging sie mit Fieber und Erkältung zum Training - trotz mahnender Worte ihrer Mutter - und erlitt einen Trümmerbruch, "weil ich nicht da gelandet bin, wo ich landen sollte". Die Meisterschaft war damit erledigt. Doch damals wie heute habe sie aus ihren Fehlern gelernt. So nach dem Motto "Abhaken und hart weitertrainieren", sagt sie.

Eine gesunde Fehlerkultur sei ihr wichtig, sagt die 40-Jährige. Doch nicht immer ist ein Schuldeingeständnis die richtige Entscheidung - in manchen Fällen muss man kämpfen. Das habe sie schon in ihrer Kindheit gelernt, so Baerbock. Mit zwei Schwestern und vielen Cousinen im Haus habe sie sich oft das Wort am Küchentisch erkämpfen müssen. Offenbar hat sie sich in der vergangenen Woche, nachdem ein Vorwurf der Urheberrechtsverletzung in ihrem neu erschienenen Buch erhoben wurde, für den Kampf entschieden. Denn auf der Bühne weist sie die Vorwürfe noch einmal ausdrücklich zurück.

Für manche "eine Zumutung"

Als Angela Merkel 2017 im gleichen Format mit Huber und Dinklage über Gulasch sprach, sagte auch sie: "Männer haben es heute nicht von Haus aus leichter als Frauen." Sie sagte, dass sowohl Männer als auch Frauen mit Stereotypen zu kämpfen haben. Dennoch hätte es eine Kanzlerin mit kleinen Kindern "sicher nicht einfach". Obwohl sie noch nicht Kanzlerin ist, lebt Baerbock diese Aussage bereits. "Ich kriege das öfters mitgeteilt, dass ich für manche als 40-jährige Frau eine Zumutung bin", sagt sie. "Als Frau, die mitten im Leben steht mit kleinen Kindern."

Nicht zum ersten Mal erwähnt Baerbock an diesem Abend ihre Kinder. Und ebenfalls nicht zum ersten Mal tauchen sie in der öffentlichen Debatte auf. Als sie ihre Kandidatur ankündigte, entbrannte eine öffentliche Diskussion über ihre Familie. Die Empörung war groß: Warum wird der CDU-Kanzlerkandidat nicht nach seinen Kindern gefragt? Und es ist genau dieser Unterschied, den Baerbock wahrnimmt: "Bei Frauen gibt es immer eine zusätzliche Angriffsebene."

Dennoch, sagt Baerbock, erleben nicht alle Frauen das Gleiche. So mag sie es nicht, mit Merkel verglichen zu werden. Nur weil sie beide Frauen seien und entweder schon im Kanzleramt sitzen oder den Posten anstreben, könne man sie nicht vergleichen. Eigentlich dachte Baerbock schon mit 18 Jahren, dass sich diese Fragen längst erübrigt hätten - sie dachte, es gäbe keinen Sexismus mehr. Denn "Frauen müssen alles können in diesem Land". Ob als Krankenschwester oder Spitzenpolitikerin - es müsse für Frauen auch mit Kindern möglich sein.

"Die Zeit rennt uns wirklich davon"

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Während des Gesprächs im Corona-bedingt nahezu leeren Kinosaal wirkt Baerbock immer wieder verunsichert. Vielleicht das einzige Mal in der Stunde mit "Brigitte", dass sie überzeugt rüberkommt, ist, als sie sagt: "Die Zeit rennt uns wirklich davon." Ihre erste Amtshandlung als Kanzlerin wäre also ein umfassendes Klimaschutzprogramm. Hoffnung hat sie noch, sonst wäre sie nicht Politikerin geworden. "Wenn man in der Politik ist, will man, dass Dinge besser werden", sagt sie.

Am Ende bekommt Baerbock noch die Frage, ob sie lieber Sachen anfängt oder zu Ende bringt. Nach kurzer Überlegung entscheidet sie sich für Ersteres. Das Letzte, was sie zum ersten Mal ausprobiert hat, war Stand-up-Paddeln - es sei nicht so schwer gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Dass die Kanzlerkandidatin der Grünen für Neuanfänge brennt, ist keine Überraschung. Viel interessanter dürfte die nächste Phase sein: Die kommenden drei Monate werden zeigen, ob sie sich durchsetzen und neue Projekte auch zu Ende bringen kann.

Quelle: ntv.de

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