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Der Kriegstag im Überblick Atomkonzern droht mit Kappen der Stromleitung - Kiew: Ukraine braucht Kriegsende vor Winter

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Russland hat das größte europäische Atomkraftwerk Saporischschja Anfang März besetzt.

(Foto: dpa)

Nach dem Beschuss von Europas größtem Atomkraftwerk Saporischschja im von Russland besetzten Süden der Ukraine streiten Russland und der Westen um die Sicherheit des Kraftwerks. Das russische Außenministerium warf den Vereinten Nationen erneut vor, eine Inspektion des Kernkraftwerks durch Experten der Internationalen Atombehörde (IAEA) verhindert zu haben. Das in der Stadt Enerhodar gelegene Atomkraftwerk wurde am Wochenende beschossen und teils beschädigt. Russland und die Ukraine geben einander die Schuld. Die kritische Infrastruktur soll aber intakt sein. Nach der Notabschaltung eines Blocks sind zwei Reaktoren weiter in Betrieb. Offene Fragen gab es am Mittwoch zudem um die Explosionen auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Nach ukrainischen Angaben sollen bei dem Vorfall am Dienstag mindestens zehn russische Flugzeuge zerstört worden sein. Während Experten einen möglichen ukrainischen Angriff vermuteten, machte Moskau einen Verstoß gegen die Brandschutzregeln verantwortlich. Im Osten und Süden der Ukraine gingen die Kämpfe weiter. Für die Ukraine ist es der 168. Tag ihrer Abwehr der russischen Invasion.

Gegenseitige Vorwürfe

Die G7-Außenminister warnten, das Vorgehen Russlands an dem Kernkraftwerk Saporischschja erhöhe das Risiko eines nuklearen Zwischenfalls. "Das ukrainische Personal, das für den Betrieb des Kernkraftwerks Saporischschja verantwortlich ist, muss in der Lage sein, seinen Aufgaben ohne Drohungen oder Druck nachzukommen", teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Es sei wichtig, Fachleute der IAEA zu entsenden, die mit dem ukrainischen Personal, das für den Betrieb der Anlagen verantwortlich sei, ungehindert in Kontakt treten könnten.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, warf dagegen den Vereinten Nation "verantwortungsloses Handeln" vor. Das russische Außenministerium hatte zuvor beklagt, dass eine geplante Reise von IAEA-Vertretern zu dem Atomkraftwerk an Sicherheitsbedenken des zuständigen UN-Sekretariats gescheitert sei.

Atomkonzern droht mit Zerstörung von Stromleitung

Die Ukraine drohte daraufhin für den Fall eines Anschlusses des Atomkraftwerks an die von Russland annektierte Halbinsel Krim mit einem Kappen der russischen Stromleitungen. "Ich denke, unsere Streitkräfte werden dazu bereit sein, wenn es nötig ist", sagte der Chef des staatlichen Atomkraftwerksbetreibers Enerhoatom, Petro Kotin. Dazu könne es kommen, bevor die Russen das Kraftwerk vom ukrainischen Netz trennen.

Kotin zufolge will Russland seit langem das AKW Saporischschja mit der Krim verbinden. "Dafür muss das Kraftwerk komplett vom ukrainischen Energiesystem abgeschaltet und an die Leitung angeschlossen werden, welche die Krim mit dem Wasserkraftwerk Kachowka verbindet", erklärte der 61-Jährige. Kotin sagte auch, dass die ukrainischen Truppen die Stromleitungen beschießen würden, wenn Russland das Atomkraftwerk an sein Netz anschließe. Bei einem Ausfall des Kraftwerks wäre die Stromversorgung des gesamten russisch besetzten Südens gefährdet.

13 Tote durch russische Raketenangriffe im Süden der Ukraine

Bei russischen Bombardements in der Nähe des Atomkraftwerks im ukrainischen Saporischschja sind nach Angaben der örtlichen Behörden 13 Zivilisten getötet worden. "Es war eine schreckliche Nacht", schrieb der Gouverneur der Region Dnipropetrowsk, Valentin Resnitschenko, auf Telegram. Zunächst sprach er von elf getöteten Zivilisten, später teilte er mit, dass zwei weitere Menschen ihren Verletzungen erlegen seien.

Laut dem Gouverneur erlitten elf weitere Menschen bei den russischen Bombardements Verletzungen. Fünf von ihnen befanden sich demnach in einem ernsten Zustand. Die getroffenen Ortschaften liegen gegenüber des Atomkraftwerks Saporischschja am anderen Ufer des hier zum Stausee geformten Fluss Dnipro. Flussabwärts am Dnipro machte das ukrainische Militär nach eigenen Angaben eine Brücke beim Staudamm von Nowa Kachowka unbrauchbar. Die Besatzungsverwaltung äußerte sich dazu zunächst night. Mit weitreichenden Raketen versucht die Ukraine systematisch, die drei einzigen Flussquerungen im von Russland eroberten Gebiet Cherson am Unterlauf des Dnipro zu zerstören.

Ukraine will Cherson bis Ende des Jahres befreien

Die besetzte Region Cherson soll bis Ende des Jahres zurückerobert werden. Entscheidend sei die Lieferung weiterer Waffen aus dem Westen, sagt der Generalmajor Dmytro Marchenko im Interview mit der Nachrichtenagentur RBC. "Wenn wir die Menge an Waffen haben, die uns versprochen wurde, die wir brauchen, dann denke ich, dass wir im nächsten Frühjahr den Sieg feiern werden."

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Sechs Tote bei russischem Luftangriff in der Ostukraine

Bei russischen Luftangriffen auf Bachmut in der Region Donezk sind nach ukrainischen Angaben sechs Menschen getötet und drei weitere verletzt worden. Russische Truppen hätten die ostukrainische Stadt mit Mehrfachraketenwerfern bombardiert und dabei ein Wohnviertel getroffen, schrieb Gouverneur Pawlo Kyrylenko im Onlinedienst Telegram. Mindestens zwölf Wohnhäuser seien beschädigt worden, vier stünden in Flammen, erklärte der Gouverneur. Er fügte seiner Nachricht Fotos von Feuerwehrleuten hinzu, die versuchten, Brände zu löschen.

Russland meldet Zerstörung eines deutschen Flugabwehrpanzers "Gepard"

Das russische Militär soll nach eigenen Angaben bei Luftangriffen im Süden der Ukraine auch einen Flugabwehrpanzer Gepard vernichtet haben. "Nahe der Ortschaft Nowopawliwka im Gebiet Mykolajiw wurde ein von Deutschland an das Kiewer Regime geliefertes Kampffahrzeug für den Flugabwehrkanonenkomplex 'Gepard' zerstört", sagte ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Unabhängig lassen sich diese Angaben nicht überprüfen.

Selenskyjs Stabschef: Ukraine braucht Kriegsende vor Winter

Die Kämpfe in der Ukraine müssen nach Einschätzung des Präsidialamts in Kiew dringend noch vor Beginn der nächsten Heizperiode beendet werden. Ansonsten bestehe das Risiko, dass Russland die Infrastruktur für Wärme und Energie zerstöre, sagte der Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Andrij Jermak, nach Angaben der Agentur Interfax in Kiew. Die russische Armee greife jetzt schon Infrastruktureinrichtungen an. "Das ist einer der Gründe, warum wir maximale Maßnahmen ergreifen wollen, um den aktiven Teil des Kriegs bis Ende Herbst zu beenden", sagte Jermak. Der Krieg dauert inzwischen fast schon ein halbes Jahr.

Jermak sagte weiter, die ukrainische Armee versuche alles, um die von Russland besetzten Gebiete zurückzuerobern. Je länger sich russisches Militär auf ukrainischem Gebiet verschanzen könne, desto schwieriger werde es.

Behörden verhängen örtlichen Notstand nach Explosionen auf der Krim

Die Behörden auf der von Russland annektierten Krim riefen am Tag nach den Explosionen den Notstand in dem betroffenen Landkreis um den Militärstützpunkt aus. Bei den Explosionen kam nach offiziellen russischen Angaben mindestens ein Mensch ums Leben, 14 Menschen wurden verletzt. Kiew übernahm zunächst keine Verantwortung für die Explosionen. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak schrieb allerdings auf Twitter: "Das ist nur der Anfang." Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versprach seinen Landsleuten eine Heimholung der verlorenen Halbinsel.

Kriegsprotest: Razzia bei Moskauer Journalistin Owsjannikowa

Die russischen Behörden haben bei der Journalistin Marina Owsjannikowa wegen angeblicher Diskreditierung der russischen Armee eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Owsjannikowa, die nach ihrem berühmt gewordenen Protest im russischen Staatsfernsehen schon mehrere Geldstrafen wegen ihrer Kritik am russischen Angriffskrieg bezahlen musste, droht nun eine lange Haftstrafe.

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Alle weiteren Entwicklungen können Sie in unserem Liveticker zum Ukraine-Krieg nachlesen.

Quelle: ntv.de, mba/dpa

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