Politik

"Sportschütze, ohne Vorstrafen" Behörden durchleuchten Mörder von Hanau

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Shisha-Bar "Midnight" in Hanau: Hier eröffnete Tobias R. um 22 Uhr das Feuer.

(Foto: imago images/Patrick Scheiber)

An seinem rassistischen Weltbild arbeitet der Todesschütze von Hanau schon seit Jahren. Neun Menschen müssen deshalb sterben. Bundesanwaltschaft und BKA ermitteln, ob der 43-jährige Deutsche dabei auf ein Netzwerk zurückgreifen konnte. Den Behörden war der Sportschütze zuvor noch nicht aufgefallen.

Gegen 22 Uhr am Mittwoch fallen in der Shisha-Bar "Midnight" am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt die ersten Schüsse. Anschließend flieht der Attentäter in einem schwarzen Wagen zum nächsten Tatort: In der "Arena Bar & Café" tötet er weitere Menschen, alle mit ausländischen Wurzeln und aus offenbar rassistischen Motiven. Nach dem Anschlag wird der 43-jährige Deutsche zusammen mit seiner Mutter tot in seiner Wohnung aufgefunden. Sein Vater bleibt unverletzt. Am Abend spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von einer Terrortat.

Ein Überlebender schildert dem türkischen Fernsehsender A-Haber-TV im Krankenhaus den mörderischen Überfall. Er sei mit zehn bis zwölf Leuten in der "Arena Bar" gewesen, erzählte Iskender, als sie draußen Schüsse hörten. "Der Mann ist erst von der einen Seite reingekommen, hat alle umgebracht. Dann ist er direkt auf unsere Seite gekommen und hat erst auf alle geschossen, die er gesehen hat", berichtete der Jugendliche auf Türkisch. "Ich habe mich auf den Boden gelegt und es hat sich jemand auf mich gelegt und auf ihn hat sich auch jemand gelegt. Wir lagen alle irgendwie aufeinander. Der Junge, der unter mir lag, hatte ein Loch im Hals. Er hat zu mir gesagt: 'Ich kann nicht atmen, ich spüre meine Zunge nicht'. Dann habe ich ihm gesagt, er soll sein letztes Gebet sprechen. Das hat er dann gemacht."

Unter den Todesopfern waren fünf türkische Staatsbürger, berichtete die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf den türkischen Botschafter in Berlin. Nach Angaben eines Dachverbands kurdischer Gemeinschaften in Deutschland waren mehrere Tote kurdischer Herkunft.

Bundesanwaltschaft: "Keine Vorstrafen"

Noch in der Nacht zieht die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich. Generalbundesanwalt Peter Frank spricht später von einer "zutiefst rassistischen Gesinnung" des mutmaßlichen Täters. Laut Bundesanwaltschaft hatten alle Opfer aus den beiden Bars einen Migrationshintergrund. Sie waren nach Angaben der Karlsruher Behörde zwischen 21 und 44 Jahren alt, unter ihnen waren sowohl ausländische als auch deutsche Staatsangehörige. Es seien außerdem sechs weitere Menschen verletzt worden, einer von ihnen schwer, sagte Frank.

Der Tatverdächtige habe auf seiner Internetseite "Videobotschaften und eine Art Manifest" eingestellt, die neben "wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung" aufwiesen, sagte der Generalbundesanwalt weiter. Nun müsse ermittelt werden, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer hatte. Dafür würden dessen Umfeld und Kontakte im In- und Ausland überprüft. Gegen R. lagen laut Bundesanwaltschaft "keine Erkenntnisse zu etwaigen Vorstrafen oder Ermittlungsverfahren mit politischem Bezug" vor. Auch der hessische Innenminister Peter Beuth von der CDU sagt, der Mann sei weder dem Verfassungsschutz noch der Polizei bekannt gewesen. Nach seiner Erkenntnis sei der Verdächtige Sportschütze gewesen und habe legal Waffen besessen. Hinweise auf weitere Täter gebe es derzeit nicht.

"Total unauffällig": Mitglied in Frankfurter Schützenverein

Nach Angaben seines Schützenvereins trat Tobias R. zuvor nicht mit fremdenfeindlichen Ansichten in Erscheinung. "Er war total unauffällig", sagt der Präsident von SV Diana Bergen-Enkheim, Claus Schmidt. "Es gab nicht den geringsten Hinweis auf Rassismus oder Fremdenhass, nicht einmal einen schrägen Witz." Nach Angaben Schmidts war Tobias R. seit 2012 Mitglied des Schützenvereins in Bergen-Enkheim, einem Stadtteil von Frankfurt. Er habe einige Jahre in München gelebt und gearbeitet und sei auch dort in einem Schützenverein gewesen. Im vergangenen Jahr sei der Mann zurückgekehrt. Er habe dann wieder regelmäßig beim SV Diana Bergen-Enkheim trainiert, etwa zwei bis drei Mal die Woche.

Der 43-Jährige, der nach eigenen Angaben Bankkaufmann ist und ein BWL-Studium abgeschlossen hatte, veröffentlichte auf seiner inzwischen nicht mehr erreichbaren Webseite ein 24-seitiges Manifest. Das gibt einen verstörenden Einblick in sein Denken. Offenbar hat er über Jahre sein krudes Weltbild entwickelt, das aus Rechtsextremismus, Verschwörungstheorien, Verfolgungs- und Größenwahn, Frauenhass und religiösem Fanatismus besteht.

Merkel: "Rassismus ist ein Gift"

Der Anschlag löste in Deutschland und auch international Entsetzen aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich erschüttert. Derzeit deute "vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat", sagt die Kanzlerin. "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen", mahnt Merkel. Sie nennt dabei die "Untaten des NSU", den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die Morde von Halle als Beispiele. Bundespräsident Steinmeier erklärt sich solidarisch mit den Opfern rassistischer Gewalt. "Ich stehe an der Seite aller Menschen, die durch rassistischen Hass bedroht werden. Sie sind nicht allein."

Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigt an, die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland zu verstärken. Er werde noch am Abend mit den Innenministern der Länder darüber beraten, "wie wir in den nächsten Tagen die Sicherheitslage noch besser gewährleisten können", sagt der CSU-Politiker beim Besuch an einem der Tatorte in Hanau. Dies sei auch "vor dem Hintergrund vieler öffentlicher Veranstaltungen in den nächsten Tagen" erforderlich. Im Bereich des Rechtsextremismus habe es zuletzt "eine Menge von sehr besorgniserregenden Entwicklungen" gegeben, sagt der Bundesinnenminister. Es sei nun "die große und zentrale Aufgabe", den Gegnern der freiheitlichen Grundordnung "die Stirn zu bieten".

Quelle: ntv.de, mit den Agenturen