Politik

Seeminen im Schwarzen Meer Der komplizierte Weg des ukrainischen Getreides

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Schätzungsweise 20 Millionen Tonnen Getreide lagern noch im Hafen von Odessa.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

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Den ersten Verhandlungsschritt absolvieren UN, Ukraine und Russland zusammen mit der Türkei. Es gilt, eine globale Hungerkrise zu vermeiden, denn noch immer lagern schätzungsweise über 20 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine. Zwar gibt es verschiedene Szenarien, aber am Ende hängt es von Moskau ab.

"Heute haben wir endlich ein bisschen Hoffnung", sagte UN-Generalsekretär António Guterres am Mittwoch, als Russland, die Ukraine und die Vereinten Nationen im türkischen Istanbul zusammenkamen, um eine Lösung im Getreidestreit zu finden. Das, was bei diesen Gesprächen herauskam, war laut Guterres ein "entscheidender Schritt". Details soll es erst in der kommenden Woche geben, aber bei Themen wie der gemeinsamen Kontrolle der Ankünfte und Ausfahrten von Handelsschiffen gebe es bereits eine Einigung.

Dass Gesandte aus Kiew und Moskau erstmals seit langer Zeit öffentlich gemeinsam an einem Tisch saßen, zeigt, wie groß das Problem ist. Im südukrainischen Hafen von Odessa lagern Schätzungen zufolge etwa 20 Millionen Tonnen Getreide, größtenteils noch von der Vorjahresernte. Sollten diese nicht verschifft werden, warnen Experten vor einer globalen Hungerkrise. Die Ukraine zählt zu den zehn größten Getreideproduzenten der Welt. Um ihre Güter in die ganze Welt zu schicken, ist sie auf die Häfen des Schwarzen Meeres angewiesen. Doch seit Kriegsbeginn ist dort kein Durchkommen mehr.

Das liegt auch an Russland. Zwar handele es sich nicht um eine vollständige Blockade, sagt Johannes Peters vom Institut für Sicherheitspolitik Kiel im Gespräch mit ntv.de. Aber Russland habe eine so unsichere Situation kreiert, dass niemand riskiere, dort mit Handelsschiffen hindurchzufahren, erklärt der Experte für maritime Strategie und Sicherheit.

Wie viele Minen? Das weiß niemand

Zudem ist auch der restliche Weg nach Odessa nur schwer befahrbar. Um sich vor einer Landung der russischen Streitkräfte aus dem Süden zu schützen, hat die Ukraine an ihrer Schwarzmeerküste Minen platziert. Darüber habe Kiew die internationale Schifffahrt informiert, sagt Peters. "Das Seevölkerrecht erlaubt das defensive Verminen." Insofern sei es nicht zu beanstanden, was dort gemacht wurde. "Allerdings hat die Ukraine verständlicherweise keine Angaben dazu gemacht, wo sie wie viele Minen genau angebracht hat." Zudem sei auch möglich, dass Russland auch selbst die Zufahrt zum Krim-Hafen Sewastopol vermint habe.

Dabei könnte Russland aus rein militärischer Sicht auf die Minen im Schwarzen Meer verzichten. Denn die Ukraine verfügt über keine großen Marinestreitkräfte. Dennoch berichtete der US-Geheimdienst Ende Juni, dass die russische Marine den Befehl erhalten habe, die Häfen von Odessa und Otschakiw sowie den Fluss Dnjepr zu verminen. Nach den US-Informationen sollte so eine Getreideblockade provoziert werden.

Mit der damit kreierten Unsicherheit ist Russland bisher erfolgreich. "Sie haben auch alles dafür getan, um diese Situation entstehen zu lassen", sagt Peters. Von Putin hieß es vor den Verhandlungen in Istanbul, Kiew solle die Minen räumen lassen, dann werde Russland den Zugang zum Schwarzen Meer freigeben. Doch für die Ukraine ist das ein Sicherheitsrisiko, schließlich wäre dann für die russischen Streitkräfte der Landungsweg am Schwarzen Meer wieder frei. Hinzu kommt, dass sich Moskau bisher nicht wirklich als zuverlässiger Verhandlungspartner erwiesen hat. Gezeigt hat sich das etwa bei den humanitären Fluchtkorridoren rund um das Stahlwerk in Mariupol.

"Die große Lösung wäre ein UN-Mandat"

Zudem fehlen der Ukraine die notwendigen Mittel, die Minen selbst räumen zu können. "Die Minenjagd ist ein hochkomplexes Unterfangen, das man beherrschen muss", erklärt Peters. Die, die es könnten, würde der Kreml wohl nicht an die Arbeit lassen. "Es ist nicht davon auszugehen, dass Russland einer Minenräumung mit NATO-Kräften zustimmen würde", sagt er. Das macht auch ein EU-Mandat höchst unwahrscheinlich.

Es wären auch andere Szenarien möglich: Die Anrainerstaaten des Schwarzen Meers könnten die Minen etwa mit türkischer Hilfe räumen. Die Türkei ist zwar NATO-Mitglied, hat aber während des Kriegs bisher eine Sonderrolle eingenommen. Deshalb fanden die Verhandlungen in Istanbul statt.

Auch wenn sie derzeit höchst unwahrscheinlich ist, wäre die große Lösung ein UN-Mandat, sagt Peters. Vor allem aus einem Grund: "Das hätte den Charme, dass auch Nationen eingebunden würden, die unmittelbar von den ausbleibenden Getreidelieferungen betroffen wären. Die könnten sich dann zwar nicht mit Minenräumern, sondern mit Experten an einer Operation beteiligen." Doch auch hier sind alle Beteiligten auf den Kreml angewiesen. Wenn die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates erforderlich ist, kann Russland es dort als Mitglied blockieren.

Logistikströme sind nicht etabliert

Die Minen vor Odessa kommen von dort also nicht so schnell weg. "Es braucht eine Verhandlungslösung, wenn man im großen Stil Getreide exportieren möchte", sagt Peters. Darüber wurde offenbar auch in Istanbul gesprochen. Eine Möglichkeit ist es, das Getreide zur rumänischen Grenze ans Donaudelta zu transportieren - entweder per Schiff oder Schiene. Erst die Rückeroberung der Schlangeninsel durch die Ukraine hat diesen Weg eröffnet.

Doch optimal ist die Lösung nicht. Mittlerweile stauen sich über 130 Schiffe vor dem Donaudelta, das für solche Frachtmengen nicht ausgelegt ist. "Die gesamte ukrainische Getreidelogistik ist auf den Transportweg über See ausgelegt", sagt Peters. Da brauche es eher große Frachter als Eisenbahnwaggons. Hinzu kommt, dass es um gewaltige Getreidemengen geht. "Die Logistikströme sind bisher nicht etabliert, sie bestehen nur in der Theorie", erklärt Peters. Es könnte teuer werden, diese Transportlogik zu verändern. Aber die Kosten wären allemal billiger als eine gewaltige Hungerkrise.

Quelle: ntv.de

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