Politik

"Dobryj Den Everybody" Die Ukrainer lieben Boris Johnson weiterhin

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Johnson und Selenskyj am 24. August in Kiew.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Aus der Downing Street vertrieben, in Kiew weiter geliebt: Die Ukrainer werden Straßen und Plätze nach Boris Johnson benennen, Boris-Johnson-Croissants gibt es bereits. Der Brite hat der Ukraine Kraft und Hoffnung gegeben.

Nicht nur in Großbritannien war Boris Johnson als Premier umstritten, auch in der EU und innerhalb der G7 hat er sich wegen seiner Brexit-Politik keine Freunde gemacht. In der Ukraine, die er seit Beginn des großen russischen Angriffskrieges dreimal besuchte, ist Johnson hingegen ein absoluter Held - und der wohl beliebteste ausländische Politiker der Geschichte. Warum das so ist, lässt sich gut mit seinem letzten Besuch Ende August in Kiew erklären.

Nicht nur hatte sich Johnson schon Anfang April in die ukrainische Hauptstadt getraut, als die russische Armee sich erst gerade aus den nordwestlichen Vorstädten verabschiedet hatte. Er kam auch an einem Tag, an dem die Kiewer einen verstärkten russischen Raketenbeschuss erwarteten - am 24. August, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag, der zudem ein halbes Jahr der Großinvasion markierte. An diesem Tag, an dem in Kiew siebenmal Luftalarmsirenen zu hören waren, spazierte Johnson ungerührt durch die Innenstadt, zusammen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj, dem er zuvor den Sir "Winston Churchill Leadership Award" verliehen hatte. Johnson seinerseits erhielt eine Tafel auf der "Allee des Muts" in Kiew, die an jenem 24. August eröffnet wurde.

Johnsons Charisma kam gut an

Ob es unter Sicherheitsaspekten eine kluge Idee war, sich gerade an diesem Tag im Stadtzentrum auf der Straße aufzuhalten, ist fraglich. Raketeneinschläge gab es in Kiew am 24. August nicht, die ukrainische Flugabwehr schoss aber Raketen ab, die vermutlich in Richtung Kiew flogen. Auf der Ebene der Symbolik war der Besuch jedoch nicht zu unterschätzen. Auch ist den Ukrainern zwar bewusst, dass die Ukraine-Politik der britischen Regierung nicht alleine von Johnson abhängt - Großbritannien gehört neben den USA und Polen zu den größten Unterstützern Kiews, was die Waffenlieferungen angeht, unter Johnson Nachfolgerin Liz Truss wird sich das kaum ändern. Aber es war nicht nur das. Johnsons verstrubbeltes Charisma kam in der Ukraine gut an. Die Ukrainer sind ein emotionales Volk, im Krieg noch stärker als sonst, und sie lieben es, wenn spektakuläre Aktionen, wohlklingende Worte und wirkliche Taten zusammenpassen. Noch mehr gefällt ihnen, wenn etwas nicht perfekt ist, aber aus der Seele kommt.

In London mag Johnson eine zu Recht viel kritisierte politische Figur sein. Die meisten Ukrainer interessieren sich aber nicht für die Details der britischen Innenpolitik. In Zeiten der brutalen russischen Aggression hat Johnson den Nerv der ukrainischen Bevölkerung getroffen. Er gab ihnen Kraft und Hoffnung. Auch dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda ist man in der Ukraine für seinen Einsatz enorm dankbar. Er verkörpert indessen eher die unglaubliche Hilfeleistung seines gesamten Landes. Zudem war die polnische Haltung trotz der oft unterschiedlichen Sichtweisen mit Blick auf die gemeinsame Geschichte keine Überraschung. Bei der starken, nicht zuletzt auch emotionalen Unterstützung aus London war dies anders.

Boris Johnsonjuk

Natürlich dürfte Johnson versucht haben, seine Besuche in der Ukraine auch dazu zu nutzen, um von Dingen abzulenken, die daheim in England nicht so gut für ihn liefen. Die Ukrainer hatten aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, der britische Premier wäre mit ihnen nicht ehrlich. Im Gegenteil war es zu spüren, dass er von Präsident Selenskyj durchaus begeistert ist und in ihm tatsächlich eine Art Fortsetzung seines Idols Churchill sieht. Außerdem war es Johnson anzumerken, dass er die Massenliebe der Ukrainer genießt - die Liebe und Begeisterung, die es für ihn zu Hause in Großbritannien nicht gab.

In der Tat besteht kein Zweifel, dass die Ukrainer Boris Johnson nie vergessen werden. Dass nach ihm etwa Straßen und Plätze benannt werden, ist gesetzt - und passiert schon jetzt, zum Beispiel im Kiewer Vorort Wassylkiw. Auch in Kiew ist eine Boris-Johnson-Straße lediglich eine Frage der Zeit. In der Massenkultur gibt es einen regelrechten Johnson-Kult: Zwei der beliebtesten Lieder der letzten Monate zitieren seine Worte "Dobryj Den Everybody" (Guten Tag euch allen), die er in Kiew sagte. Ein hippes Kaffeehaus im historischen Stadtteil Podil serviert Boris-Johnson-Croissants, Fast-Food-Ketten werben mit ihm, und es werden T-Shirts mit seinem Gesicht darauf verkauft.

Und so wird Boris Johnson Teil der ukrainischen Geschichte bleiben. Übrigens eher nicht als Boris Johnson, sondern als Boris Johnsonjuk, wie er hierzulande gerne genannt wird: Johnsons Instagram-Account heißt @borisjohnsonuk. Das lässt sich auch wie eine typisch ukrainische Namensendung lesen.

Quelle: ntv.de

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