Politik

Frankreichs Widerstand bröckelt Es fehlt nicht viel zur Präsidentin Le Pen

imago0109768226h.jpg

Es fehlt nicht mehr viel, dann könnte Marine Le Pen Frankreichs erste Präsidentin werden.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Sich selbst und die Partei hat sie - zumindest äußerlich - entgiftet, nun will Marine Le Pen auch die "republikanische Front" in Frankreich aufbrechen. Ein Jahr Zeit bleibt ihr noch, um dem Präsidenten die Wählerbasis zu entziehen. Auf ein neues Duell hofft aber auch Macron.

Knapp ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl ist sie zurück - die Nervosität der Konservativen. Zwar hat die Pandemie auch Frankreich auf den Kopf gestellt. Doch die politische Realität sieht nicht viel anders aus als 2017: Die Sozialisten sind klinisch tot, die Republikaner heillos zerstritten - und die Linke noch immer ebenso idealistisch wie chancenlos. Nur rechtsaußen hat sich einiges getan. Seit ihrer Niederlage gegen Emmanuel Macron bei der vergangenen Wahl hat Marine Le Pen Schritt für Schritt einen Imagewechsel vollzogen, der ihr nun die besten Umfragewerte seit Jahren einbringt. Fast jeder vierte Franzose glaubt inzwischen, dass die Chefin des rechten "Rassemblement National" (RN) eine gute Präsidentin abgäbe. Ihre Partei hält nur noch knapp die Hälfte der Bürger für demokratiefeindlich, 29 Prozent stimmen den Ideen von RN sogar zu.

imago_st_0408_17100003_57096584.jpg5702118697215082704.jpg

Ihren Vater Jean-Marie warf Marine Le Pen 2018 aus der Partei.

(Foto: imago/PanoramiC)

Für Le Pen ist das mehr als ein politischer Erfolg, es ist ihr kosmetisches Meisterstück. Sie hat den Ballast erkannt, den allein der Name "Front National" für ihre Partei bedeutete - und ihn geändert. Umstrittene Forderungen, etwa der EU-Austritt Frankreichs und das Aus für den Euro, flogen aus dem Parteiprogramm. Stattdessen plädieren die Rechten nun für ein "Europa der Nationen und Völker". Selbst die "gut assimilierten" Muslime gehören plötzlich zu Frankreich, auch wenn die Einwanderungspolitik von RN weiterhin nichts anderes als einen Einwanderungsstopp beinhaltet. Und nicht zuletzt hat Le Pen auch ihren rechtsradikalen Vater mundtot gemacht, sodass er die "Entgiftungskur" nicht mit neuen Hetzreden torpedieren konnte.

Unter den jungen Franzosen erinnert sich ohnehin kaum mehr jemand an die rechtsradikalen Parolen des inzwischen greisen Holocaust-Leugners. Besonders bei ihnen hat Marine Le Pen Boden gut gemacht. Umfragen zufolge wollen 30 Prozent der 25- bis 34-Jährigen die RN-Chefin zur ersten Präsidentin Frankreichs wählen - das sind stolze 23 Prozentpunkte mehr als noch 2017. Viele von ihnen, gerade im strukturschwachen Norden des Landes, sehen ihr Heil inzwischen in der "patriotischen Wirtschaftspolitik", mit der Le Pen die Rückkehr von Tausenden Jobs verspricht. Die Hoffnung, dass Macron Frankreich wirtschaftlich wieder auf die Beine stellen würde, hat sich für viele zerschlagen. Im Zuge der Corona-Krise schrumpfte die französische Wirtschaft im ersten Quartal 2021 noch einmal um 0,1 Prozent - statt wie erwartet zu wachsen. Frankreich steckt in einer neuen Rezession.

Regionalwahlen als Temperaturmesser

Natürlich wird die Wahl nicht von den Jungen entschieden - und wenn doch, könnte sich Macron immerhin auf die unter 25-Jährigen berufen, bei denen er deutlich besser dasteht. Dennoch bleibt dem Präsidenten nur noch ein knappes Jahr, um den durch Corona verursachten wirtschaftlichen und sozialen Bruch im Land zu kitten. Andernfalls könnte es knapp werden für den Amtsinhaber. Wie viel davon abhängt, ob Frankreich im Frühjahr 2022 eher gut oder schlecht aus der Pandemie herausgegangen sein wird, zeigt eine Ifop-Umfrage: Nach einer Talfahrt im Frühjahr stiegen die Popularitätswerte des Präsidenten zuletzt wieder auf 40 Prozent - wohlgemerkt, nachdem Macron umfangreiche Öffnungen der Außengastronomie, Kultur und des Einzelhandels beschlossen hatte.

Ein erster Temperaturmesser könnten die Regionalwahlen Ende Juni sein. Weil Le Pens Partei im Südosten und Nordwesten des Landes gute Siegchancen hat, schmieden die anderen Parteien in einigen Departements erneut Zweckbündnisse, um die Rechtsextremen in ihren Parlamenten zu verhindern. So hatten sie es schon 2015 gemacht. Doch dieses Mal ist das deutlich schwieriger. Im südfranzösischen Provence-Alpes-Côte d'Azur wollte Macrons "En Marche" (LRM) aufgrund schwacher Chancen zugunsten der Republikaner auf eine eigene Kandidatenliste verzichten. Doch die wollten sich darauf nur dann einlassen, wenn kein einziger LRM-Abgeordneter im Gegenzug auf die konservative Liste gesetzt worden wäre. Der Deal platzte - eine Zäsur, die in Frankreich für reichlich Aufsehen sorgte.

Brandmauer gegen Rechtsextreme bröckelt

Mehr zum Thema

Noch vor vier Jahren konnte sich Macron darauf verlassen, dass die bewährte parteiübergreifende Brandmauer gegen Rechts - die "republikanische Front" - standhält. So verschieden die Positionen auch waren: Um einen Wahlsieg von Le Pen zu verhindern, taten sich bis dato alle demokratischen Kräfte zusammen. Macron setzt darauf, dass es 2022 im Falle einer Neuauflage des Duells gegen die RN-Chefin wieder so sein wird. Doch die Republikaner haben womöglich andere Pläne. Dass ihre Wählerbasis erodiert ist, verdanken sie schließlich nicht zuletzt Macron. Der Präsident hat nicht wenige konservative Ideen und Köpfe ins eigene Lager mitgenommen. Édouard Philippe, noch immer einer der beliebtesten Politiker im Land, wurde unter Macron Regierungschef - und flog dafür 2017 bei den Republikanern raus. Von der Präsidentenpartei will man sich nicht noch einmal so klein machen lassen.

Mit Michel Barnier, dem einstigen Brexit-Chefunterhändler der EU, bringt sich zudem zwar kein sonderlich beliebter, aber ein bekannter und glaubwürdiger möglicher Spitzenkandidat in Stellung. Sollte es den Republikanern mit ihm gelingen, einen Teil ihrer konservativen Wählerschaft zurückzugewinnen, könnte es eng werden für Macron. Seine Strategie, die Wahl erneut zu einer Glaubensfrage zwischen weltoffenem Liberalismus und rückwärtsgewandtem Nationalismus zu machen, steht und fällt mit der Taktik der Republikaner. Werden sie im Ernstfall erneut zur Wahl des 43-Jährigen aufrufen? Sicher ist das inzwischen nicht mehr. Marine Le Pen kann das nur recht sein. Denn wer nicht mehr vehement verteufelt wird, erscheint gleich viel wählbarer. Den Rest erledigt ein bisschen Kosmetik.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.