Politik
Hisbollah-Kämpfer salutieren am Rande eines Begräbnisses für ihre Kameraden, die in der syrischen Provinz Qalamun umgekommen sind.
Hisbollah-Kämpfer salutieren am Rande eines Begräbnisses für ihre Kameraden, die in der syrischen Provinz Qalamun umgekommen sind.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 14. Juni 2015

Was macht die Hisbollah in Syrien?: "Es geht nicht um Freundschaft zu Assad"

Jahrzehntelang verstand sich die Hisbollah als Widerstandsbewegung gegen Israel. Jetzt kämpft die Schiitenmiliz mit tausenden Mann in Syrien für das Assad-Regime. Die libanesische Journalistin Hanin Ghaddar erklärt im Interview mit n-tv.de, warum die Organisation dafür sogar ihre Popularität zuhause verspielt.

n-tv.de: Die Hisbollah-Führung hat kürzlich offiziell zugegeben, dass die Miliz in ganz Syrien an der Seite der Assad-Truppen kämpft. Was bindet das Assad-Regime und die Hisbollah so aneinander?

Hanin Ghaddar: Dass die Hisbollah in Syrien kämpft, hat nichts mit Freundschaft zum Assad-Regime zu tun. Die Hisbollah schützt die Interessen des Iran in Syrien. Das Assad-Regime kann diese Interessen immer noch am besten vertreten, deshalb stellt die Hisbollah-Führung ihm seine Milizionäre zur Seite. Was auch immer in Syrien weiter passiert: Der Iran und die Hisbollah wollen um jeden Preis sicherstellen, dass an der Küste Syriens ein schiitischer - in diesem Fall alawitischer - Staat erhalten bleibt. Deshalb wird dieses Gebiet verteidigt gegen alle, die das infrage stellen: Rebellengruppen etwa oder Kämpfer der sunnitischen Nusra-Front, dem syrischen Al-Kaida-Ableger.

Wie die Assad-Truppen meidet aber auch die Hisbollah den direkten Kampf mit dem Islamischen Staat - obwohl der doch eigentlich mit seinen Gebietsansprüchen in Syrien der größte Widersacher sein müsste. Wie kommt das?

Sie respektieren gegenseitig ihre Grenzen. Der IS will nicht ganz Syrien besetzen und die Hisbollah genauso wenig. Solange der IS sich nicht in die Interessen Irans und der Hisbollah in Syrien einmischt, können die Schiiten damit leben. Der Norden Syriens interessiert die schiitischen Mächte sowieso nicht. Die entscheidende Schlacht für die Hisbollah ist die in der Region Qalamun zwischen Damaskus und libanesischer Grenze. Dort haben sie alles zusammengezogen, was sie haben.

Hanin Ghaddar

Hanin Ghaddar ist Chefredakteurin des englischsprachigen Onlinemagazins "Now" in Beirut. Sie schreibt regelmäßig für die "New York Times" und "Foreign Policy". Ihr Schwerpunktthema ist die schiitische Miliz Hisbollah.

Die Journalistin stammt selbst aus einer schiitischen Familie im Südlibanon und hat den Druck, der innerhalb der schiitischen Gemeinschaft ausgeübt wird, am eigenen Leibe erlebt: Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der Hisbollah hat der größte Teil ihrer Verwandten mit ihr gebrochen; in ihre Heimatstadt kann sie nicht einmal zu Besuchen zurückkehren.

Warum lässt sich die Hisbollah so vom Iran einspannen? Eigentlich sieht sie sich doch als libanesische Befreiungsbewegung gegen Israel.

Das ist eines der Hauptmissverständnisse: Die Hisbollah ist keine libanesische Bewegung! Sie ist keine libanesische Partei und sie ist keine Widerstandsbewegung, auch wenn die Propaganda das glauben machen will. Die Hisbollah wurde erfunden, gegründet, organisiert und finanziert vom Iran. Das ist auch heute noch so. Wenn der Iran es verlangt, gehen die Kämpfer nach Syrien.

Wie populär ist der Einsatz in Syrien unter den Anhängern der Hisbollah und den libanesischen Schiiten?

Der Einsatz hat einen hohen Preis für die Organisation. Im Libanon bedeutet das aktuell, dass die Hisbollah ihre sozialen Dienste zurückgefahren hat. Ihre Popularität bei der schiitischen Bevölkerung hat gelitten. Aber diesen Preis müssen sie bezahlen. Denn die Schlacht jetzt ist nicht mehr im Libanon, sondern in Syrien zu schlagen, heißt es offiziell.

Zum Teil werden aber 16-Jährige für den Kriegseinsatz in Syrien eingezogen, die Familien sind machtlos. Gibt es in der schiitischen Community auch Kritik an der Hisbollah?

Die einfachen Hisbollah-Mitglieder aus dem Libanon zahlen einen hohen Preis für den Kampf in Syrien.
Die einfachen Hisbollah-Mitglieder aus dem Libanon zahlen einen hohen Preis für den Kampf in Syrien.(Foto: REUTERS)

Die Schiiten im Libanon werden permanent eingeschüchtert. Der Druck ist schon immer wahnsinnig hoch gewesen. Jetzt verschärft sich das noch. Denn jetzt beginnen viele Schiiten, nicht zwangsläufig Hisbollah-Mitglieder, Fragen zu stellen. Sie fragen nach dem Endziel und was bisher eigentlich erreicht worden ist. Stattdessen sterben immer mehr Schiiten im Krieg in Syrien und im Irak. Sie kommen aus allen möglichen Ländern, aber seltenst aus dem Iran. Familien können nichts dagegen tun, wenn ihre jungen Söhne eingezogen werden. Sie fragen aber, ob diese Opfer überhaupt etwas nützen.

Wie begründet die Hisbollah-Führung den Kriegseinsatz in Syrien bei ihren Anhängern?

30 Jahre lang war die offizielle Verlautbarung, die Hisbollah sei die einzig wahre arabische Widerstandsbewegung gegen Israel. Jetzt beobachten wir eine neue schiitisch-konfessionalistische Rhetorik. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah beruft sich auf das kollektive Gedächtnis der Schiiten, verweist auf die historische Schlacht von Kerbela im 7. Jahrhundert. In seiner jüngsten Rede hat gesagt: "Wir werden im Libanon, in Syrien und im Irak sein, wenn der Kampf es erfordert." Er versucht damit, das alte Feindbild der vermeintlich ungläubigen anderen - der Sunniten - wieder auferstehen zu lassen.

Entsteht dadurch aber nicht gerade eine neue Bedrohung für die Schiiten, wenn Iran und Hisbollah so offensiv gegen die Sunniten in Stellung gehen?

Das ist das Problem. Die schiitische Gemeinschaft ist natürlich nicht ein Block, aber ihr wird eingeredet, sie müsse sich ihrer Geschichte bewusst werden und Angst haben. Die sunnitischen Islamisten kommen dadurch zum Teil erst auf die Idee, dass sie die Schiiten auslöschen müssen. Gerade IS und Nusra-Front sehen alle Schiiten quasi als Kräfte des Iran und der Hisbollah.

Wie wirkt sich das alles auf die Stimmung im Libanon aus?

Die Regierung hat immer gesagt, der Libanon habe in Syrien nichts zu schaffen. Gleichzeitig ist die Hisbollah dort präsenter denn je. Das beeinträchtigt den gesellschaftlichen Frieden im Libanon ungemein. Zwischen Sunniten und Schiiten herrscht Eiszeit und in der Innenpolitik bewegt sich nichts. Wir haben seit zwei Jahren ausstehende Wahlen und keinen Präsidenten. Dieses Vakuum kommt der Hisbollah gelegen. Das bedeutet nämlich, dass sie tun können, was sie wollen.

Haben Sie Angst vor einem neuen Bürgerkrieg im Libanon?

In Tripoli gibt es immer wieder Kämpfe zwischen den Bewohnern der sunnitischen und der alawitischen Stadtteile. Ich glaube, es wird keinen neuen Bürgerkrieg geben, aber solche Unruheherde wie Tripoli werden sich vervielfachen. Das Problem ist, dass die Armee nach Zusammenstößen immer nur die Sunniten festnimmt. Das erzeugt neuen Hass. Ich bin ehrlich gesagt überrascht, wie duldsam die Sunniten im Libanon bisher sind. Sie sind ziemlich moderat geblieben; die meisten wollen immer noch Saad al-Hariri in der Regierung. Aber im Herzen halten sie alle zur Nusra-Front. Denn das ist die einzige Kraft, die in Syrien gegen die Hisbollah kämpft. Gott sei Dank sind die libanesischen Sunniten aber selbst noch nicht so radikal wie die Nusra-Front. Denn historisch gesehen sind die Sunniten im Libanon Händler und Geschäftsleute. Sie leben in den Städten und haben ein Interesse daran, dass die Lage stabil bleibt.

Mit Hanin Ghaddar sprach Nora Schareika

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Quelle: n-tv.de