Politik

Interview zu Owssjannikowa "Fünf Sekunden gegen jahrelange Propaganda"

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Ein historisches Bild. Die TV-Journalistin Owssjannikowa stürmt die Abendnachrichten des russischen Staatsfernsehens.

(Foto: picture alliance/dpa/Social Media)

Am Montag geschieht in Russland etwas Ungewöhnliches: Eine Kriegsgegnerin stürmt die Abendnachrichten des Staatsfernsehens. Warum das zwar wichtig, aber wahrscheinlich kein Durchbruch war, erklärt Medienexpertin Anna Litvinenko im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Am Montagabend war Marina Owssjannikowa für wenige Sekunden mit einem Protest gegen den Krieg in der Ukraine im russischen Staatsfernsehen zu sehen. Was kann so ein Auftritt bewirken?

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Anna Litvinenko ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Einer ihrer Schwerpunkte sind russische und osteuropäische Medien.

(Foto: FU)

Anna Litvinenko: Es stehen fünf Sekunden Protest der jahrelangen Propaganda gegenüber. Natürlich ist es eine symbolische und sehr tapfere Geste, die den Leuten, die gegen den Krieg sind, jetzt Mut und Hoffnung macht. Diese kritischen Worte sind ein wichtiges Signal für die liberale Öffentlichkeit im Ausland, für die Russen, die das Land verlassen haben, und die, die noch geblieben sind.

Sind sie auch bedeutungsvoll für das Massenpublikum?

Das lässt sich schwer beurteilen. Wir haben in den vergangenen Wochen die Macht der Propaganda gesehen, die über Jahre hinweg läuft. Ich hätte gedacht, dass das in einem Social-Media-Zeitalter nicht mehr möglich wäre. Aber wir haben gesehen, dass Leute alles, was nicht in ihre Denkweise passt, als Fake verurteilen. Es wurden teilweise bewiesene Fakten nicht geglaubt. Deswegen würde ich die Aktion von Owssjannikowa nicht als Durchbruch für das Massenpublikum werten, aber auf jeden Fall als Signal. Und vielleicht kommt jemand, der das nur mit einem Auge verfolgt hat, auf den Gedanken, dass Staatsmedien doch nicht die Wahrheit erzählen.

Gerade in sozialen und westlichen Medien gab es viel Anerkennung für Owssjannikowas Mut.

Das hat schon eine Wirkung. Ich finde es wichtig, dass die Außenwelt sieht, dass es in Russland Widerstand gibt. Es gibt Kreise, in denen eine kritische Stimmung gegenüber dem Krieg herrscht. Die liberalen Intellektuellen und die, die ausgereist sind, beteiligen sich besonders an der Anti-Kriegsbewegung. Andererseits muss man sich bewusst machen, dass die Strafen für den Protest sehr hoch sind. Wir werden sehen, wie es mit Owssjannikowa jetzt weitergeht. Es ist aber ein Zeichen, dass sich selbst Propagandisten anfangen zu schämen.

So wie es Owssjannikowa in ihrem Video selbst sagt?

Sie hat jahrelang bei Staatsmedien gearbeitet und schämt sich heute für ihren Beitrag, den sie selbst dazu geleistet hat, dass die Bevölkerung inzwischen so zombiert ist. So erklärt sie es in ihrem Video. Nur wenige Propagandisten in den Medien glauben selbst, was sie den Menschen erzählen. Viele Leute, die in Moskau arbeiten, sehen ihren Job zynisch. Sie arbeiten dort für das Geld, für ihre Familien und Kinder. Aber auch sie sind in liberalen Kreisen vernetzt.

Bisher wurde Owssjannikowa nur für ihr aufgezeichnetes Video, nicht aber die Aktion im Staatsfernsehen verurteilt. Was könnte noch auf sie zukommen?

Es kann einen Schauprozess geben, in dem sie bis zu 15 Jahre Haft bekommen könnte. Alle Augen sind jetzt auf sie gerichtet, deswegen stellt sich die Frage für das Regime: Wollen sie aus dem Vorfall einen Schauprozess machen, damit alle anderen Angst bekommen, oder doch einen weltweiten Aufruhr, der damit verbunden wäre, vermeiden? Sie werden überlegen, womit sie die bessere Wirkung erzielen.

Unabhängige Nachrichten wurden nach und nach abgeschaltet. Wie informieren sich Menschen in Russland?

Das russische Mediensystem wurde schon immer vom Staat dominiert und in den vergangenen Wochen wurden die letzten Inseln der freien Presse ausgelöscht. Vor dem Krieg schauten bis zu 70 Prozent der Russen fern, jetzt kann es sein, dass es mehr geworden ist. Aber es gibt auch eine Fülle an sozialen Plattformen. Von den globalen Plattformen sind besonders Instagram und Youtube wichtig, liberale Intellektuelle sind vor allem auf Facebook. Twitter wird dagegen weniger genutzt, eher für die Kommunikation nach außen. Yandex, das russische Google, die russischen Netzwerke und ihre Algorithmen werden staatlich kontrolliert.

Wie bekommen die Leute in der jetzigen Situation unabhängige Informationen, wo Facebook und Twitter abgeschaltet sind?

Um Informationen zu bekommen, die nicht der Kreml-Linie entsprechen, muss man sich schon sehr bemühen. Das geht vor allem über Telegram und Youtube. Über eine VPN-Verbindung versuchen viele, weiter zu Instagram zu kommen. Aber der russische Staat wird wahrscheinlich auch versuchen, dagegen vorzugehen. Viele Medien- und Kommunikationswissenschaftler:innen hätten nicht erwartet, dass eine solche Propaganda heutzutage noch möglich ist. Der russische Staat hat die Pressefreiheit sehr konsequent unterdrückt und seine eigene Agenda verbreitet. Hinzu kommt das "Fake News"-Gesetz vom 5. März, seitdem ist alles "Fake", was nicht der offiziellen Linie des Kremls folgt. Dass Krieg auch Krieg genannt wird, dafür kann man eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren bekommen.

Sie sagten, dass viele Russinnen und Russen ihre Nachrichten aus dem TV bekommen. Was wird im russischen Staatsfernsehen über die Ukraine erzählt?

Die Dinge, die das Staatsfernsehen berichtet, werden dort nicht erst seit einigen Tagen erzählt. Das läuft schon seit Jahren. Alles, was dort berichtet wird, soll in ein bestimmtes Weltbild passen. Von außen fällt es manchmal schwer zu verstehen, woran die Menschen in Russland glauben. Seit 2014 wurde ein Narrativ verbreitet, dass in Kiew Nationalisten an die Macht gekommen seien. Das geht zurück auf Stepan Bandera, eine umstrittene Person aus dem Zweiten Weltkrieg. Er ist ein Nationalheld in der Ukraine, hat aber auch mit dem Naziregime kollaboriert. Das ist ein Punkt, an dem die Propaganda ansetzt und erzählt: "Seht her, die machen Bandera zum Helden, aber der ist doch ein Nationalist."

Eine weitere Erzählung ist die Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine.

Auch das wird schon lange behauptet und soll vor allem in den selbsterklärten Volksrepubliken vorkommen, die sich gegen das nationalistische Regime gewehrt hätten, so lautet hier die Erzählung. Da werden grausame Geschichten verbreitet, was die Ukrainer dort angeblich getan hätten. Doch das ist Fake. Selbst in Berichten von Menschenrechtsbeauftragten der selbsterklärten Volksrepubliken steht nichts von den vermeintlichen grausamen Taten, die das russische Fernsehen darstellt. Doch solche Geschichten lassen Leute glauben, es brauche eine solche "Schutzmaßnahme", für die armen Menschen aus den ganzen Geschichten, die ihnen jahrelang erzählt wurden.

Hat das auch etwas mit Putins Narrativen zu tun?

Es baut darauf auf - auf die Narrative zum Zweiten Weltkrieg, auf jene gegen die USA, auf die zur "Entnazifizierung" der Ukraine und zu den angeblichen Gräueltaten gegenüber Russen. Es entsteht eine Art Logik-Labyrinth, in dem es keine normale Logik gibt. Im Endeffekt kommt eine explosive Mischung zusammen, die viele glauben lässt, eine solche "Schutzoperation" sei nötig.

Wie stabil ist diese Propaganda? Kann es sein, dass so etwas Risse bekommt?

In den vergangenen Tagen hat die Ukraine alles getan, um unter anderem die menschlichen Geschichten der russischen Soldaten darzustellen. Es gibt zum Beispiel einen Telegram-Kanal, in dem russische Verwandte nach vermissten Soldaten suchen könnten. Von offizieller Seite heißt es, Russland hätte keine Wehrpflichtigen in die Ukraine geschickt. Wenn aber Familien, selbst wenn ihre Hauptinformationsquelle das Fernsehen ist, ihre eigenen Söhne dort erkennen, bricht die russische Erzählung an dieser Stelle. Es war auch hier in Deutschland überall in den Nachrichten, dass Putin sich dazu äußern musste und der Kreml zugab, dort habe jemand einen Fehler gemacht. Solche menschlichen Geschichten können es schaffen, die Narrative des Kremls aufzubrechen.

Dazu gibt es das Rätsel um die Zahl der gefallenen russischen Soldaten. Auch hier müsste der Kreml Wege finden, sie zu erklären, oder?

Ich glaube, das fällt besonders in den ländlichen Regionen und Provinzen auf. Das russiche System ist sehr korrumpiert. Wer Bestechungsgeld und Kontakte hat, muss seinen Sohn nicht zur Armee schicken. Das heißt, es sind vor allem ärmere Familien, deren Söhne in der Armee kämpfen. Die Bewegung der Soldatenmütter war schon immer eine wichtige zivilgesellschaftliche Kraft in Russland. Noch ist nicht klar, wie groß ihr Einfluss sein wird.

Und die Wirtschaft? Wie groß ist dieser Faktor?

Das Land wird in die Armut gestürzt, viele werden ihre Arbeit verlieren. Die Preise sind gestiegen, Produkte verschwinden aus den Regalen. Da könnte man denken, dass die Leute auf die Idee kommen, dass nicht alles, was erzählt wird, auch wahr ist. Aber die Propaganda ist schlau. Der Kreml verkauft das so: "Der Westen ist gegen uns und unmenschlich, weil er uns alles abschaltet." Es wird die Angst erzeugt, der Westen würde Russen hassen. Und ich glaube, das ist sehr gefährlich. Von außen ist es deshalb wichtig zu unterstreichen, dass mit der Propaganda seit Jahren ein Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt wird. Die Menschen hatten keine Möglichkeit, Putin abzuwählen oder zu beeinflussen. Der Westen darf nicht ganz Russland zum Feindbild machen, denn herrscht ein Diktatur, die ihre eigene Bevölkerung manipuliert und unterdrückt. Und selbst unter diesen Bedingungen gehen die Leute weiterhin auf die Straßen, um gegen den Krieg zu protestieren.

Seit Kriegsbeginn wurden mindestens 15.000 Menschen in Russland bei Demonstrationen festgenommen. Ist das ein Thema in der russischen Berichterstattung?

Ja, sie werden von Staatsmedien als Verräter dargestellt. Viele bekommen Geldstrafen und müssen dazu 15 Tage im Gefängnis verbringen. Wenn man Auszüge aus den Strafprozessen liest, dann geht es in der Regel um die Diskreditierung der russischen Armee, die sich gerade in dieser "Militäroperation" befindet. Manchmal gibt es krasse Einzelfälle, wie zum Beispiel eine junge Frau, die ein grünes Bändchen an einen Baum gehängt hat. Die gelten als Symbol für den Frieden. Dafür wurde sie festgenommen.

Gibt es für die Zivilgesellschaft noch Wege, sich zu organisieren?

Telegram hat sich zu einer Hauptplattform entwickelt, auf der Medien, die sich im Exil befinden, ihre Kanäle haben. Aber auch Telegram wird mit allen möglichen Fakes überflutet. Es ist da außerdem nicht wie bei Youtube, dass ein Algorithmus etwas vorschlägt, sondern man muss gezielt nach Kanälen suchen, also erreichen die Exil-Medien da nur ihr treues Publikum, keine zufälligen User.

Was passiert analog?

Analoger Protest gewinnt immer mehr an Bedeutung. Manche tragen etwas an ihrer Kleidung, um anderen verstehen zu geben, dass sie nicht alleine sind. Russland war schon immer eine "High-Context-Culture", wo kontextuelles Wissen sehr wichtig ist. Wer den Kontext kennt, kann viel zwischen den Zeilen lesen. Dabei wird auf Kulturgut zurückgegriffen, das schon immer vorhanden war. Ein aktuelles Beispiel sind Prominente, die Gedichte von russischen Klassikern posten. In einem schreibt Alexander Puschkin: "Russland wird erwachen. Und auf den Trümmern der Autokratie werden unsere Namen stehen". Oder es gibt auch Graffiti-Aktionen. Der kreative Protest ist sehr vielfältig.

Mit Anna Litvenenko sprach Sebastian Schneider

Quelle: ntv.de

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