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Interview mit Peter Neumann "Kaum ein Terrorist ist ein einsamer Wolf"

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Screenshot aus einem Propagandavideo des IS mit "Jihadi John", einem Briten, der mehrere Geiseln der Terrormiliz geköpft haben soll.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wie wird ein Mensch zum Terroristen? Der Terrorexperte Peter Neumann sagt, es gibt vier Bausteine, die in fast jedem Radikalisierungsverlauf vorkommen. Den Sicherheitsbehörden hilft das allerdings nur bedingt.

n-tv.de: Der sogenannte Islamische Staat ist im Irak und auch in Syrien militärisch stark unter Druck geraten. Wie lange kann sich das "Kalifat" noch halten?

Peter Neumann: Das kann keiner genau sagen. Von amerikanischer Seite gibt es großen Druck, noch vor dem Ende der Präsidentschaft von Barack Obama einen Durchbruch zu schaffen. Möglicherweise gibt es bald eine große Offensive gegen die irakische Stadt Mossul, vielleicht fällt Mossul noch in diesem Jahr. Bei der syrischen Stadt Rakka wird es wohl etwas schwieriger, aber bereits der Fall von Mossul wäre eine große Niederlage für den Islamischen Staat, denn in dieser Stadt wurde das "Kalifat" vor zwei Jahren ausgerufen. Allerdings würde eine militärische Niederlage des Islamischen Staats noch lange nicht bedeuten, dass der Dschihadismus aus diesem Teil der Welt verschwindet.

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Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King's College London und leitet das International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR).

(Foto: picture alliance / dpa)

Was würde ein militärischer Sieg über den Islamischen Staat für unseren Teil der Welt bedeuten?

Zwei Dinge zeichnen sich ab. Das erste ist: Die Reisewelle in den Islamischen Staat ist dramatisch eingebrochen. Man schätzt, dass 90 Prozent weniger Leute in den Islamischen Staat ziehen als noch vor ein oder zwei Jahren. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Islamische Staat vor dem Zusammenbruch steht. Er ist kein Gewinner mehr und wird auch nicht mehr als solcher wahrgenommen.

Zweitens: Diejenigen, die bereits im IS-Gebiet sind, werden sich spätestens am Tag des Zusammenbruchs fragen, was sie jetzt tun sollen. In den Gebieten, die noch unter der Kontrolle des Islamischen Staats stehen, befinden sich ungefähr 10.000 Kämpfer aus ausländischen Staaten, darunter 1700 bis 2000 Westeuropäer. Als erstes werden sie wahrscheinlich in die Türkei gehen, weil dies das Land ist, aus dem sie nach Syrien gelangt sind. Die meisten dürften allerdings die Absicht haben, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Kurz- und mittelfristig ist die Konsequenz des Zusammenbruchs des Islamischen Staats also nicht, dass die Terrorgefahr gebannt ist, sondern, dass sie sich im Westen möglicherweise sogar erhöht.

Wie werden Menschen überhaupt zu Terroristen? Sie schreiben in Ihrem Buch, es gebe keine einheitliche Formel, die erklärt, warum Menschen sich radikalisieren. Gibt es trotzdem einen typischen Radikalisierungsverlauf?

Einen typischen Radikalisierungsverlauf gibt es nicht, wohl aber Muster, die immer wieder vorkommen. Im Falle Syriens hat mein Institut gerade einen Report über die sogenannten Gangster vorgestellt. Er zeigt, dass es unter den Dschihadisten aus Westeuropa viele Leute gibt, die Kleinkriminelle oder Mitglieder in Gangs waren und sich dann radikalisiert haben. Typischerweise geschieht dies nach einem traumatischen Erlebnis, zum Beispiel, dass einer ihrer Kumpel umgebracht wurde oder sich die Freundin von ihnen getrennt hat. Sie kamen in eine Situation, in der sie ihr Leben überprüft und sich entschlossen haben, dass sie Wiedergutmachung leisten wollen. Die aus unserer Sicht vielleicht verrückte Idee ist dann, dass sie ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollen, indem sie Mitglied in einer dschihadistischen Gruppe werden. Das ist das sogenannte Erlösungsnarrativ. Es führt dazu, dass Kleinkriminelle beim Islamischen Staat auftauchen und genau das machen, was sie vorher gemacht haben – Gesetze brechen, Straftaten verüben, möglicherweise Leute umbringen. Jetzt tun sie dies aber in dem Glauben, einem guten Zweck zu dienen.

Aber es gibt keine einfache Formel für Radikalisierungen. Was es gibt, sind Bausteine, die immer wieder auftauchen. Da geht es zum einen um Frust, zweitens um die Suche nach Ruhm, Abenteuer, Sinn, Bedeutung, nach einer Gemeinschaft und einer starken Identität, drittens um andere Leute. Radikalisierung passiert meist in einem sozialen Umfeld, über Cliquen, Kumpel, charismatische Anführer. Nur die wenigsten Terroristen sind sogenannte einsame Wölfe. Das vierte Element sind Ideologien, ohne sie wird aus Frustration kein politisches Projekt. Diese vier Elemente kommen in fast jedem Radikalisierungsverlauf vor.

In Ihrem Buch betonen Sie, dass nicht jeder frustrierte junge Muslim sich radikalisiert.

Richtig, keines dieser Elemente erklärt allein, warum jemand zum Terroristen wird. Für jeden Frustrierten finden Sie Tausende, die nicht zum Terroristen werden. Selbst wenn es in einer Person alle Elemente gibt, haben Sie keine Garantie dafür, dass er zum Terroristen wird. Wer zwei Schachteln Zigaretten am Tag raucht, hat zweifellos ein höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Aber, wie das Beispiel Helmut Schmidt zeigt: Es ist nicht die zwangsläufige Konsequenz.

Was bedeutet das für die Sicherheitsbehörden, die sich über Prävention Gedanken machen?

Das bedeutet, dass es verdammt schwierig ist. Man muss sich damit abfinden, dass es keine exakte Voraussage darüber gibt, wer zum Terroristen wird. Es gibt Risikofaktoren, mit denen man arbeiten kann, mit denen man aber auch vorsichtig sein muss. Ein Beispiel: Der Islamische Staat hat in Deutschland aus der Gruppe der Salafisten rekrutiert. Aber nicht jeder Salafist wird zum Terroristen. Die salafistische Szene in Deutschland besteht aus 10.000 Leuten. Es gibt keine Möglichkeit, so viele Menschen rund um die Uhr zu beobachten. Mit Hilfe der Risikofaktoren müssen die Behörden einschätzen, ob Person X ein höheres Risiko darstellt als Person Y. Da werden manchmal auch Fehler gemacht. Deshalb hört man nach terroristischen Anschlägen mitunter, dass der Täter polizeibekannt war. Diese Person war aufgefallen, aber die Polizei oder die Nachrichtendienste haben entschieden, dass er nicht unmittelbar gefährlich ist.

Manchmal heißt es nach Anschlägen auch, der Täter sei unauffällig gewesen, ein guter Nachbar, ein guter Sohn. Gibt es so etwas wie eine spontane Radikalisierung?

Mit diesem Begriff wäre ich vorsichtig. Solche Aussagen kommen häufig von Eltern oder Nachbarn. Die lügen dann gar nicht, es ist tatsächlich so, dass ihnen nichts aufgefallen ist. Muslimische Eltern freuen sich häufig, wenn ein Sohn, der vorher vielleicht problematisch war, plötzlich religiös wird und fleißig seine Hausaufgaben macht. Das ist für sie kein Zeichen von Radikalisierung, sondern eine positive Entwicklung.

Das kann es ja auch sein.

Absolut, in den meisten Fällen ist es das ja auch. Denn die Blitzradikalisierung, von der immer wieder gesprochen wird, passiert nur in sehr wenigen Fällen. Allerdings sehen wir durchaus eine Tendenz, dass sich Radikalisierungsverläufe verkürzen. Der erste Grund dafür ist das Internet, das es ermöglich, schneller Kontakte herzustellen, Netzwerke aufzubauen und Materialien zu besorgen. Der zweite Grund ist die Tatsache, über die wir schon gesprochen haben: dass es viele Leute in terroristischen Netzwerken gibt, die vorher Kleinkriminelle waren und bereits eine hohe Gewöhnung an Gewalt haben. Das ist ein Unterschied zum linksextremistischen Terrorismus der alten Bundesrepublik: Die RAF-Mitglieder kamen aus studentischen Milieus, die hatten noch keiner Fliege etwas zuleide getan, als sie sich radikalisierten. Gewalt anzuwenden war für sie ein riesiger Schritt. Das ist bei Kleinkriminellen oder bei Gang-Mitgliedern anders. Wenn die sich radikalisiert haben, sind sie sofort bereit, im Namen der Ideologie gewalttätig zu werden.

Können Sie die unfassbare Brutalität der IS-Kämpfer erklären?

Die Brutalität der IS-Kämpfer ist natürlich schockierend, aber wir sollten uns nicht vormachen, dass es so etwas vorher noch nie gegeben hat. Auch in Europa haben Terroristen Enthauptungen durchgeführt. In Nordirland haben die sogenannten Schlächter von Shankill Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre mindestens 23 Menschen auf äußerst grausame Art zu Tode gefoltert. Für eine solche Grausamkeit bedarf es keiner religiösen Begründung – Hass kann man auch aus säkularen Ideologien generieren.

Aber keine der Grausamkeiten, die der Islamische Staat begeht, ist total neu. Das ist der Grund für den Titel meines Buches, "Der Terror ist unter uns". Damit soll nicht gesagt werden, dass es überall Terroristen gibt. Das Argument, das dahinter steckt, ist: Auch gute Gesellschaften können abschreckendes und schlimmes Verhalten zutage fördern. Es ist immer einfach zu sagen, dass Menschen "verrückt" sind, wenn sie schreckliche Dinge tun, die wir nicht nachvollziehen können. Aber das ist eine intellektuell faule Erklärung. In Wirklichkeit sind die allerwenigsten Terroristen verrückt. Innerhalb ihrer eigenen Parameter verhalten sie sich meist relativ rational.

Der Terrorverdächtige, der in Leipzig gefasst wurde und sich mittlerweile das Leben genommen hat, ist im Februar 2015 von den deutschen Behörden als Flüchtling registriert worden. Wie groß ist die Gefahr, dass unter den syrischen Flüchtlingen in Deutschland Terroristen sind, von denen die Sicherheitsbehörden nichts wissen?

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass unter den Flüchtlingen auch Terroristen sind. Das können Leute sein, die bereits als Terroristen nach Europa gekommen sind oder die sich erst hier radikalisiert haben. Trotzdem ist das natürlich nur eine sehr kleine Minderheit. Gerade im Fall des Flüchtlings in Sachsen haben wir ja gesehen, dass der Terrorverdächtige durch andere Flüchtlinge zur Strecke gebracht wurde. Es wäre daher sicher sinnvoll, an die Flüchtlinge als Partner heranzutreten, ihnen zu sagen, dass es nicht in ihrem Interesse sein kann, wenn die wenigen radikalisierten Flüchtlinge die Chance auf Integration für alle ruinieren.

Mit Peter Neumann sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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