Politik

Stromausfälle nach Raketenterror Kiew ist dunkel, aber auch immer lauter

AP22312451580582.jpg

Mit Generatoren, Campingleuchten und Kerzen halten Geschäfte in Kiew den Betrieb aufrecht.

(Foto: AP)

Seit einer Woche sind die Stromausfälle für Kiew ein immer größeres Problem. "Unser Feind macht alles, damit die Stadt ohne Heizung, ohne Strom und ohne Wasser bleibt", sagt Bürgermeister Klitschko. "Und überhaupt dafür, dass wir hier alle sterben."

Bereits seit einem Monat bewahrheitet sich, was viele in der Ukraine schon im Sommer vorausgesagt haben: Russland beschießt massiv die Energieinfrastruktur des Landes. Im Zentrum der neuen Angriffswelle, die am 10. Oktober begann, steht vor allem die Hauptstadt Kiew.

Drei Wochen lang schaffte es die Stadt, Stromausfälle in Grenzen zu halten. Es wurden Ausfallpläne vorbereitet, die vorschrieben, wann welcher Stadtteil dran wäre, falls die Belastung des Stromnetzes zu groß wird. Zu wirklichen Stromausfällen kam es nur selten. Am 31. Oktober jedoch griff Russland ein Wasserkraftwerk nahe Kiew an, das eine zentrale Rolle bei der Versorgung der nördlichen Stadtteile spielte. Wie groß der Schaden für das Kraftwerk war, bleibt unklar, wohl auch aus Sicherheitsgründen. Höchstwahrscheinlich dauert es aber noch länger, bis es wieder im Einsatz ist.

Das Wasserkraftwerk bei Kiew war nicht das einzige Objekt dieser Art, das beim letzten massiven Beschuss am 31. Oktober von den Russen getroffen wurde. Vorher hatten sich die Angriffe auf Wärme- und Heizkraftwerke konzentriert. Bei ukrainischen Energieexperten sorgt dies für erhöhte Besorgnis. Zwar haben die Russen nach offiziellen Angaben bisher rund 40 Prozent der Energieinfrastruktur beschädigt. Doch die Ukraine konnte die Stromkrise bisher halbwegs unter Kontrolle halten, weil Strom bei Bedarf von einer Region in eine andere umgeleitet wurde.

Das Ziel lautet: nur vier Stunden ohne Strom

Bei diesem Prozess spielen gerade Wasserkraftwerke eine große Rolle. Sie sind im Normalfall nur für rund sechs Prozent der ukrainischen Stromversorgung verantwortlich, können im Vergleich zu Wärmekraftwerken aber schnell die Produktion hochfahren. Dabei müssen die Russen gar nicht die Wasserkraftwerke zerstören - es reicht, wenn sie deren Umspannwerke kaputtmachen. Das Ziel ist dabei, aus dem vereinten Stromnetz der Ukraine "Strominseln" zu machen, damit der Strom nicht zwischen den Regionen umgeleitet werden kann. Dann kann es zu sehr langen Blackouts kommen.

Das Problem beschränkt sich nicht auf die Stromversorgung. Rund 80 Prozent der Kiewer waren am 31. Oktober ohne Leitungswasser. Dieses Problem konnte vergleichsweise schnell behoben werden. Beim Strom allerdings hat die Hauptstadt gerade die bisher schwerste Woche erlebt. Es gab unzählige außerplanmäßige wie auch geplante Stromausfälle. In der laufenden Woche will Kiew nun dafür sorgen, dass die Ausfälle nur bis zu vier Stunden pro Tag dauern.

Um die Lage grundsätzlich zu stabilisieren, braucht die Stadt nach Angaben des Energieversorgers zwei weitere Wochen. Das gilt jedoch nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass kein weiterer russischer Beschuss erfolgt. Und auch generell geht es kaum um vollständige Reparaturen, sondern lediglich um Stabilisierung: Manche Umspannwerke müssen neu aufgebaut werden, was ein halbes Jahr dauern könnte, zumal die meisten Ersatzteile in der Ukraine im umkämpften Bezirk Saporischschja produziert werden. Der Import aus dem Ausland ist schwierig.

Sorgen machen angebliche Raketen-Lieferungen aus dem Iran

Gleichzeitig bereiten Berichte darüber, dass der Iran die ersten ballistischen Raketen an Russland noch im November liefern könnte, zusätzliche Sorgen. Die ukrainische Flugabwehr hat sich an russische Raketen und an iranische Drohnen angepasst. Wenn die Russen jedoch wie am 31. Oktober mehr als 50 Raketen abfeuern, erreicht ein Teil davon unweigerlich sein Ziel. Und selbst wenn die ballistischen Raketen aus dem Iran nicht so gut sind, wie von Teheran behauptet: Gegen solche Raketen bräuchte die Ukraine spezifische Abwehrsysteme, die sie nicht hat. Im Klartext heißt das: Selbst wenn der Iran nur wenige Raketen liefert, könnte das zum großen Problem für die Ukraine und konkret auch für Kiew werden.

Umso alarmistischer wurden in den letzten Tagen die Schlagzeilen, nachdem die "New York Times" einen Bericht veröffentlicht hatte, demzufolge Kiew sich auf eine vollständige Evakuierung vorbereitet. Rund drei Millionen Menschen halten sich inzwischen in der Hauptstadt auf. Von der Stadtverwaltung werden solche Pläne nachdrücklich dementiert. Eine organisierte Evakuierung von so vielen Menschen ist ohnehin kaum vorstellbar. Auch zur Zeit der aktiven Kampfhandlungen in Kiew blieben eine Million Menschen in der Stadt.

Bunker mit Generatoren

Dass es zu einem vollständigen Blackout kommen könnte, kann kaum ausgeschlossen werden. Daher bereitet Kiew nicht zuletzt mit ausländischer Hilfe mehr als 1000 Luftschutzkeller vor, die als Bunker wie auch mit geeigneten Generatoren als Heizungspunkte genutzt werden können. "Wir machen alles, damit es nicht zum totalen Blackout kommt", sagt Bürgermeister Vitali Klitschko. "Wir müssen trotzdem ehrlich sein: Unser Feind macht alles, damit die Stadt ohne Heizung, ohne Strom und ohne Wasser bleibt. Und überhaupt dafür, dass wir hier alle sterben."

Im Alltag hat sich Kiew in der letzten Woche nicht nur zu einer abends dunklen, sondern auch zu einer noch lauterer Stadt als sonst entwickelt. Denn viele kleinere Geschäfte und Kaffeestände haben sich kleine, aber sehr laute Benzingeneratoren besorgt - inzwischen sind diese knapp geworden und müssen teils etwa einen Monat im Voraus bestellt werden. "Ich habe mir vorsorglich noch im Sommer einen gekauft, als sie noch nicht so teuer waren", erzählt Petro, Besitzer von zwei kleinen Kaffeeständen im Norden der Stadt. "Benzin kostet zwar auch Geld, doch während der Stromausfälle gibt es bei uns eine riesengroße Schlange. Und die Stimmung darin ist trotz allem gut."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen